{"id":1193,"date":"2021-10-30T12:44:00","date_gmt":"2021-10-30T10:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=1193"},"modified":"2025-07-30T13:06:51","modified_gmt":"2025-07-30T11:06:51","slug":"uniformitaet-oder-pluralismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/uniformitaet-oder-pluralismus\/","title":{"rendered":"Uniformit\u00e4t oder Pluralismus? (Original)"},"content":{"rendered":"\n<p>Als \u201efreischaffender Diener\u201c (Diakon ohne kirchliche Anstellung) habe ich seit vierzig Jahren Gelegenheit, sowohl die L\u00e4nder im atheistisch dominierten Osteuropa als auch die Gebiete des Urchristentums im Nahen Osten und der indischen Thomaskirche<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> zu besuchen. Gerade dort habe ich gleichzeitig als Student und Professor eine Kirche kennen gelernt, deren Angeh\u00f6rige mir zu Freunden geworden sind \u2013 Kinder, M\u00e4nner und Frauen, Laien und Bisch\u00f6fe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hindutva oder Inkulturation?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"806\" height=\"977\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1220117BBX.Kurisumala.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-977\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1220117BBX.Kurisumala.jpg 806w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1220117BBX.Kurisumala-247x300.jpg 247w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1220117BBX.Kurisumala-768x931.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 806px) 100vw, 806px\" \/><figcaption><strong>Jesus vereint Religionen und Kulturen<\/strong><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Ikone im <em>Kurisumala Ashram<\/em> (\u201eKreuzberg-Kloster\u201c) zeigt Jesus in der s\u00fcdindischen Berglandschaft. Er neigt sich liebevoll f\u00fcnf Kindern zu, die deutlich verschiedenen Kulturen entstammen. Der Maler, M\u00f6nch Swamy Aruldas, hat im Medaillon darunter in Malayalam, der Landessprache Keralas, das Gebet geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p><em>O erstes Wort,<\/em><a href=\"#_ftn2\" id=\"ftnref2\">[2]<\/a><em> Mensch geworden, umarmst Du alle Menschen, welcher Religion und Kultur immer sie angeh\u00f6ren; f\u00fchre sie zum wahren Licht und schenke ihnen die ewige Ruhe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausdruck \u201eewige Ruhe\u201c k\u00f6nnte wie im Ara-m\u00e4isch-Syrischen (der liturgischen \u201eUrsprache\u201c der Thomas-Christen) auch \u201ebest\u00e4ndigen Frieden\u201c bedeuten. In den liturgischen Texten des syrischen Ritus ist die Wendung <em>\u0161lomo w-\u0161ayno<\/em> (\u201eFriede und Ruhe\u201c) h\u00e4ufig. Vielfach wiederholt wird dieses Hendiadyoin am Montag der ersten Fastenwoche im \u201eDienst der Vers\u00f6hnung\u201c; in einem langen <em>Sedro<\/em> (Bittgebet mit Weihrauchopfer) sagt der Priester: <em>\u201e&#8230; Durch Deine Liebe mache uns zu Kindern des Friedens und der Ruhe. Vereine in Frieden die Hirten und ihre Herden&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild mag als idealisierte Darstellung des friedlichen Zusammenlebens der Religionen in Kerala<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> aufgefasst werden \u2013 oder aber als Wunschbild f\u00fcr die L\u00f6sung der sozialen und politischen Probleme, die in manchen Bundesstaaten Indiens wegen ethnischen und religi\u00f6sen Konflikten mit entsprechenden Parteik\u00e4mpfen zu schlimmen Ereignissen gef\u00fchrt haben, gerade in den letzten dreissig Jahren wieder zu Christenverfolgung und brutalem Bombenterror. Die <em>Hindutva<\/em>, ein fundamentalistischer Hindu-Nationalismus, macht ohne logische Einsicht und geschichtliche R\u00fccksicht Propaganda f\u00fcr die Idee, ein wahrer Inder sei nur einer, der Hindi spreche,<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Hindu sei und zu den Rassen mit hellerer Hautfarbe im Norden geh\u00f6re.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Jesu Verhalten und Lehre waren f\u00fcr seine J\u00fcnger die Entdeckung einer allumfassenden Liebe. Ablehnung, Verachtung und Hass zwischen Juden und Samaritern,<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> ebenso die \u00dcberheblichkeit und Selbstgerechtigkeit gegen\u00fcber \u201eZ\u00f6llnern und S\u00fcndern\u201c m\u00fcssen sich umwandeln in Barmherzigkeit und Nachsicht, Toleranz und Verst\u00e4ndnis \u2013 auch wenn das B\u00f6se entschieden zu verurteilen ist.<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> So fordert auch Paulus die Kolosser auf, nicht zwischen Griechen (= Heiden) und Juden, Sklaven und Freien usw. zu unterscheiden,<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> denn <em>Christus ist alles und in allen<\/em> (3,11).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie positiv sich das Christentum auf die ethische und wirtschaftliche Wohlfahrt eines Volkes auswirkt, zeigt das Beispiel der Thomaskirche, die keineswegs ein importierter Fremdk\u00f6rper ist,<a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> sondern eine segensreich eingepflanzte Institution. Die gegl\u00fcckte <em>Inkulturation<\/em> \u2013 vergleichbar mit jener der \u00e4thiopischen Kirche \u2013 \u00e4ussert sich in vielen religi\u00f6sen Br\u00e4uchen, welche die Portugiesen im 16. Jahrhundert als heidnisch verbieten wollten. Hier sei nur das Anz\u00fcnden des <em>Nilavilakku<\/em> (des indischen Bronzeleuchters mit mehreren Dochten) zur Er\u00f6ffnung einer Feier erw\u00e4hnt. Werte aber, die durch widrige Umst\u00e4nde verdr\u00e4ngt worden sind, erfahren heute eine Wiederbelebung, z.B. die einheimische Ikonenmalerei, die sich an der syrischen Ikonographie orientiert.<a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140206BX.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-978\" width=\"840\" height=\"705\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140206BX.jpg 950w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140206BX-300x252.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140206BX-768x645.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption><strong>Archimandrit Roger beim Anz\u00fcnden des Nilavilakku <\/strong>(Jahresfeier einer Schule in Thumpoly)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Werke der N\u00e4chstenliebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit zweitausend Jahren geh\u00f6ren zum christlichen Glauben die <em>Werke der Barmherzigkeit<\/em>, und in Indien wie in aller Welt sind die f\u00fchrenden sozialen Einrichtungen von den Kirchen geschaffen worden, kirchenfeindlichen Bewegungen freilich oft ein Dorn im Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Zukunft leisten wissenschaftliche Arbeiten als Promotoren (z.B. die Forschungen, Studien und Konferenzen im SEERI, Kottayam, und im BVP, Pune), private Spender und nichtstaatliche Hilfsorganisationen die notwendige geistige und materielle Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140017BX.Tiruvalla.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-979\" width=\"840\" height=\"842\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140017BX.Tiruvalla.jpg 946w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140017BX.Tiruvalla-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140017BX.Tiruvalla-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/P1140017BX.Tiruvalla-768x770.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption><strong>Pflegefachfrauen und Bischof Stephanos <\/strong>im Spitalkomplex <em>Pushpagiri<\/em>, Thiruvalla<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich selbst betrachte die Begegnung mit den \u00f6stlich orthodoxen und den orientalischen Kirchen als grosses Geschenk; dies versuchte ich vor Jahren im Tagebuch mit einer Art Bekenntnis in Worte zu fassen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>R\u00fcckzug und Fortschritt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>[&#8230; &#8230; &#8230;]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>So lieb Latein und Rom mir waren,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>bin oftmals ostw\u00e4rts ich gefahren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und fand f\u00fcr mich ein halbes Leben<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>der Russen Ritus als den Fluss<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>des wahren Glaubens, sch\u00f6n und tief,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als Sph\u00e4re, wo Cherube schweben \u2013<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und m\u00e4hlich zeigte sich: Ich muss<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>dem Strome folgen, der mich rief,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>doch auf- und ostw\u00e4rts weiter wandern<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und sch\u00f6pfen aus der klaren Quelle,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die Rom, Byzanz und manchen andern<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>gedient \u2013 und \u00fcber Syriens Schwelle<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>bin so ich dankbar sp\u00e4t getreten,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>um endlich in den letzten Jahren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>in Jesu Sprache auch zu beten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Zu dieser Bezeichnung und andern Begriffen geben die Beitr\u00e4ge in den <em>Rundbriefen der Catholica Unio<\/em> Erkl\u00e4rungen und konkrete Beispiele. Eine gr\u00f6ssere Sammlung kirchengeschichtlicher und theologischer Ausdr\u00fccke bietet Jean-Paul Deschler, <em>WORD AND MEANING \u2013 WORT UND BEDEUTUNG. Glossar zu Liturgie und Ikonographie mit besonderer Ber\u00fccksichtigung ostkirchlicher Theologie.<\/em> SEERI, Kottayam <sup>2<\/sup>2020.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"ftn2\">[2]<\/a> Christus, der ewige Logos Gottes (Jo 1,1ff.).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Etwa 50% Hindus, 26% Moslems, 20% Christen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Bei einer Milliarden-Bev\u00f6lkerung mit 100 Sprachen!<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Ein \u00e4hnlicher Arier-Rassenwahn hat sich in Deutschland ebenfalls seit Ende des 19. Jh. ausgebreitet, mit verheerenden Folgen in der Hitlerzeit. Die dunkleren Draviden von S\u00fcdindien bev\u00f6lkerten den Subkontinent schon 6000 Jahre vor der arischen Einwanderung!<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Vgl. die Parabel vom barmherzigen Samariter in Lk 10 und das Gespr\u00e4ch am Jakobsbrunnen Jo 4.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Vgl. Mt 9,10ff. u. par.; 21,31; Lk 7,36ff.; 15,1ff.; 18,9ff.; Jo 8,3ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> \u00c4hnlich und zus\u00e4tzlich <em>Mann und Frau <\/em>in Gal 3,28.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Abgesehen von den Fehlentwicklungen unter den europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Der junge Priester George Kurisummoottil, dessen Ikonographie-Studium wir damals unterst\u00fctzt haben und dessen Ikonen in Kirchen und Kathedralen zu sehen sind, ist vor einem Jahr als Mar Aprem zum Bischof der <em>Knanaya<\/em>-Gemeinde (Kottayam) geweiht worden.<\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/CUS_Rundbrief-6-2021.pdf\">CUS_Rundbrief-6-2021<\/a><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/10\/CUS_Rundbrief-6-2021.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als \u201efreischaffender Diener\u201c (Diakon ohne kirchliche Anstellung) habe ich seit vierzig Jahren Gelegenheit, sowohl die L\u00e4nder im atheistisch dominierten Osteuropa als auch die Gebiete des Urchristentums im Nahen Osten und der indischen Thomaskirche[1] zu besuchen. 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