{"id":1331,"date":"2024-09-01T17:44:00","date_gmt":"2024-09-01T15:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=1331"},"modified":"2025-08-18T09:24:06","modified_gmt":"2025-08-18T07:24:06","slug":"das-leben-eine-theaterbuehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/das-leben-eine-theaterbuehne\/","title":{"rendered":"Das Leben \u2013 eine Theaterb\u00fchne?"},"content":{"rendered":"\n<p>Zur Zeit wird in Einsiedeln das \u00abWelttheater\u00bb aufgef\u00fchrt; 2024 eine hundertj\u00e4hrige Tradition gefeiert. Das akustisch hervorragende Szenario mit der Klosterfassade als einmaliger Kulisse eignet sich bestens daf\u00fcr. Zur Interpretation kam \u00abDas grosse Welttheater\u00bb des Spaniers Pedro Calderon de la Barca. 1924 hatte dieses Barocktheater Premi\u00e8re. Die folgenden Inszenierungen setzten jeweils dosierte Akzente innerhalb des vorgegebenen Rahmens.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-5-2024_Kloster-Einsiedeln-Charriere_kath.ch_-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1358\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-5-2024_Kloster-Einsiedeln-Charriere_kath.ch_-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-5-2024_Kloster-Einsiedeln-Charriere_kath.ch_-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-5-2024_Kloster-Einsiedeln-Charriere_kath.ch_-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-5-2024_Kloster-Einsiedeln-Charriere_kath.ch_-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-5-2024_Kloster-Einsiedeln-Charriere_kath.ch_.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kloster-Einsiedeln-Charriere@kath.ch<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die alten Griechen<\/h3>\n\n\n\n<p>Das barocke Theater, welches in seiner ganzen Dramatik auf den Sterblichkeitsriten der alten Griechen beruht, zeichnet sich durch zwei Pole aus: Mensch und Gott. Die Griechen unternahmen alles, um die G\u00f6tter gn\u00e4dig zu stimmen, damit sie nach dem Tod ins \u00abLand der Seligen\u00bb kamen und nicht in die Unterwelt. So gaben sie den Toten einen Obolus f\u00fcr Charon und Honigkuchen f\u00fcr Kerberos und Hades mit, man k\u00f6nnte sagen, eine Vorstufe von Bestechung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Barock<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Barocktheater des 17. Jahrhunderts gab es eine gewisse Akzentverschiebung. Man glaubte, dass Gott jedem Menschen seine Rolle im Leben zuteile. Man stellte das menschliche Leben einem Gott gegen\u00fcber, der am Ende der Lebenszeit Rechenschaft \u00fcber die zugeteilten Rollen forderte. So werden bei Calderon zu Beginn die Rollen an die einzelnen Spieler und Spielerinnen verteilt. Am Schluss legt jeder und jede Einzelne die erhaltenen Insignien ab, um Gottes Gericht entgegen zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Autorit\u00e4tskrise<\/h3>\n\n\n\n<p>Die 68er Jahre brachten eine revolution\u00e4re Situation mit sich, weil erstmalig eine Generation jegliche Form von Autorit\u00e4t ablehnte, inklusive die Kirche. Das hatte Auswirkungen auf das Welttheater in Einsiedeln. Der bis anhin geltende Ansatz, dass ein \u00fcber der Welt stehender Gott Gesetze und Ordnung auf der Welt sowie das Leben der Menschen bestimmte, ja sogar die regierenden Hierarchien \u2013 welche die politischen Trag\u00f6dien auf der Welt rechtfertigen w\u00fcrden \u2013 gottgewollt sein k\u00f6nnten, wurde strikte negiert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das neue Welttheater<\/h3>\n\n\n\n<p>Wollte man also die Tradition des Welttheaters in Einsiedeln weiter pflegen, bedurfte es neuer Wege. Seit 2000 wird ein namhafter Autor beauftragt, ein Welttheater zu schreiben, welches sich an Calderon orientiert, aber die aktuelle Lebenssituation aufgreift und in die Zeit spricht. Als Erster entwarf Thomas H\u00fcrlimann ein neues Welttheater; 2024 nun Lukas B\u00e4rfuss.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Selbstbestimmung<\/h3>\n\n\n\n<p>B\u00e4rfuss\u2019 Welttheater, von Livio Andreina inszeniert, dockt zwar bei Calderons an, doch weigern sich eingangs die Schauspieler und Schauspielerinnen, die \u00abalten Rollen\u00bb zu spielen. Auch der Autor wird vertrieben, weil er dem Spielvolk die Rollen aufzwingen will. Niemand, keiner, keine will sich etwas vorschreiben lassen. Jeder und jede will das eigene Leben leben. Es ist Schluss mit Bevormundung und Gottergebenheit. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sind angesagt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weltsicht<\/h3>\n\n\n\n<p>Das aktuelle Theater ist ein Spiegelbild des Lebens: keine heile Welt. Die Hauptfigur, Emanuela, den Lebensaltern entsprechend von vier Frauen gespielt, verk\u00f6rpert die Tugenden, durchl\u00e4uft die einzelnen Lebenschancen, verf\u00e4llt den Verlockungen der Welt, wird vom Alter eingeholt, steht schliesslich vor dem Tod. Als Kind liebt sie das unbeschwerte Spiel, als h\u00fcbsches M\u00e4dchen verliert sie ihre Unschuld, als B\u00e4uerin k\u00e4mpft sie gegen Umweltkatastrophen, als K\u00f6nigin verf\u00e4llt sie den Versprechungen von Reichtum und Sch\u00f6nheit und wird herrschs\u00fcchtig, wodurch sie ihren Liebsten verliert, der Armut verfallen gesellt sie sich zu den Aufst\u00e4ndischen und k\u00e4mpft f\u00fcr Gerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Autonomie des Menschen<\/h3>\n\n\n\n<p>B\u00e4rfuss\u2019 Welttheater will den Theaterbesuchern und -besucherinnen nicht nur einen Spiegel vorhalten, sondern sie zum Nachdenken anregen. Bleibt diese schaurig-sch\u00f6ne Welt sich selbst ausgeliefert oder gibt es Hoffnung? Wenn ja, welche? Die Menschen begehren auf, sie beschw\u00f6ren eine Revolution herauf. Sie schreien, k\u00e4mpfen, fordern ihr Recht, sind bereit zu t\u00f6ten. Die Ruhe nach dem Sturm legt sich auf die Welt. Wie geht\u2019s weiter? Ern\u00fcchternde Einsicht: Die Welt ist nicht besser als vorher. Frage: Kann eine nur auf den Menschen gestellte Welt besser werden? Wir tr\u00e4umen davon. Aber kann eine Welt besser sein, als der Mensch selbst es ist?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lebensfragen<\/h3>\n\n\n\n<p>Emanuela sp\u00fcrt die Spuren des Alters. Sie wird sich ihrer Endlichkeit bewusst. Am Lebensende stellt sie die Frage: Habe ich weise gehandelt? Ist die Welt eigentlich eine B\u00fchne, auf der alle nur eine Rolle spielen? Wenn nicht, was ist sie denn? Die greise Emanuela muss akzeptieren, dass die Jugend vorbei, die Lebenskraft am Gehen ist, die Sch\u00f6nheit sie verl\u00e4sst. In ihrer Ratlosigkeit tritt \u00abDie Welt\u00bb auf und gibt Antwort: \u00abEs geht weiter, ohne dich. Ich bin deine Welt und sie verschwindet mit dir.\u00bb Wohin?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Sinnfrage<\/h3>\n\n\n\n<p>Dieses Welttheater stellt viele Fragen ans Leben. Existentielle Fragen. Was ist ein gutes Leben? Wof\u00fcr \u00fcbernehme ich Verantwortung? Wo sind meine Grenzen? Was bin ich bereit zu opfern? Wof\u00fcr lohnt es sich zu sterben? Die Welt nach 2020 besch\u00e4ftigt sich mit neuen Themen: Die Corona-Epidemie r\u00fcckte die Fragilit\u00e4t des K\u00f6rpers in den Vordergrund. 2022 ersch\u00fctterte den Welt-Frieden und beschwor die Schrecken des Krieges herauf. Nach B\u00e4rfuss\u2019 Meinung hat Religion nicht an Bedeutung verloren; sie sei aktueller denn je, jedoch losgel\u00f6st von den traditionellen Kirchen. Sein Welttheater sei ein St\u00fcck, das den Glauben st\u00e4rken wolle. Welchen Glauben? Ein Glaube ohne Gott? Bei B\u00e4rfuss gibt es keinen Gott mehr.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00abG\u00f6ttliches Theater\u00bb als Wegweiser<\/h3>\n\n\n\n<p>Machen wir einen grossen Sprung. In eine andere Welt. In die mystische Welt. In eine sinnliche Welt, die das Herz ber\u00fchrt. Da wo das \u00abTheatron\u00bb zu einem \u00abOrt der Beschauung\u00bb wird. Ein Ort, der den Menschen hineinzieht. Wo der verkopfte, debattierende, rechthaberische Mensch jedoch nichts versteht, sich fremd vorkommt, sich von einem exotisch anmutenden Geschehen abwendet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"749\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-5-2024_P1010093_bearb_geschn2-1024x749.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1337\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-5-2024_P1010093_bearb_geschn2-1024x749.jpg 1024w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-5-2024_P1010093_bearb_geschn2-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-5-2024_P1010093_bearb_geschn2-768x562.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-5-2024_P1010093_bearb_geschn2-1536x1123.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-5-2024_P1010093_bearb_geschn2.jpg 1943w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nur wer \u00abdanke\u00bb sagen kann, findet den Zugang. Nur wer sich zur\u00fccknimmt, l\u00e4sst einem Sch\u00f6pfer den Vorrang. Nur wer sein Leben nach der Liebe ausrichtet, kann Gott erkennen. Nur wer Gott in sein Leben integriert, wird Frieden finden und in Harmonie mit der Welt leben. Einsamkeit l\u00f6st sich in der Gemeinsamkeit auf. Die Erfahrung des Glaubens \u00f6ffnet zur Teilhabe an der Heilserfahrung. Nur wer losl\u00e4sst und sich Gott anvertraut, begibt sich auf den Weg der Begegnung mit Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies sind die aktiven Zuschauer und Zuschauerinnen des \u00abg\u00f6ttlichen Theaters\u00bb, welches sich in der orthodoxen Kirche \u00abEucharistische Liturgie\u00bb nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. theol. Maria Brun<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a id=\"wp-block-file--media-f220619a-513a-486e-955d-e449eec0518f\" href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-2024-5.pdf\">CUS_RB 2024-5<\/a><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-2024-5.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-f220619a-513a-486e-955d-e449eec0518f\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p>Projekt: <a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/nothilfe-fuer-bistum-tyr\/\">Nothilfe f\u00fcr Bistum Tyr<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rundbrief 2024-5. Zur Zeit wird in Einsiedeln das \u00abWelttheater\u00bb aufgef\u00fchrt; 2024 eine hundertj\u00e4hrige Tradition gefeiert. Das akustisch hervorragende Szenario mit der Klosterfassade als einmaliger Kulisse eignet sich bestens daf\u00fcr. 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