{"id":140,"date":"2014-07-01T15:49:30","date_gmt":"2014-07-01T13:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=140"},"modified":"2021-06-07T15:46:56","modified_gmt":"2021-06-07T13:46:56","slug":"wir-brauchen-die-gemeinschaft-im-glauben-und-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wir-brauchen-die-gemeinschaft-im-glauben-und-denken\/","title":{"rendered":"Wir brauchen die Gemeinschaft im Glauben und Denken"},"content":{"rendered":"\n<p>Anl\u00e4sslich der Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land f\u00fchrte \u201eDie Tagespost\u201c ein Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Theophilos III. von Jerusalem. Die Lekt\u00fcre hat mich aufhorchen lassen. Denn im Gegensatz zu unserer landl\u00e4ufigen Meinung, dass Katholiken und Orthodoxe nur theologische Kleinigkeiten und Erinnerungen an vergangenes Unrecht trennen, kommt darin zum Ausdruck, dass der Unterschied im Denken und im Glauben doch gr\u00f6sser ist. Es geht dabei um das Eigentliche, n\u00e4mlich um das Kirchenverst\u00e4ndnis und um das Ziel des christlichen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Tagespost\u201c fragte: \u201eGibt es aus orthodoxer Sicht eine M\u00f6glichkeit, das Papstamt unter bestimmten Bedingungen zu akzeptieren? Der heilige Papst Johannes Paul II. hat ja eingeladen, dar\u00fcber nachzudenken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Patriarch Theophilos antwortete: \u201eWenn Sie durch die patristische Literatur gehen, dann finden Sie einen Gedanken, der das Christsein bestimmt: Die Herrschaft \u00fcber sich selbst. Die Freiheit der Kinder Gottes. Das ist charakteristisch f\u00fcr den Christen. Gott hat uns das Geschenk gegeben, eigenverantwortlich zu handeln. Die letzte Autorit\u00e4t ist der Sch\u00f6pfer, und Christus ist das Haupt seiner Kirche. Ich habe aber den Eindruck, dass Katholiken der Papst wichtiger ist als Christus.\u201c Diesen Eindruck erhielt er durch seine Begegnungen mit Katholiken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antwort auf die Frage: \u201ePapst Franziskus spricht von sich h\u00e4ufig als Bischof von Rom und nicht als Papst. Ist das ein Zeichen in Richtung Orthodoxie?\u201c betont Patriarch Theophilos: \u201eEs geht zun\u00e4chst um die Einheit im Glauben und im Heiligen Geist. (\u2026) In meiner Ansprache an Papst Benedikt hier 2009 habe ich gesagt, dass wir den Begriff der Einheit der Kirchen nicht nur administrativ und strukturell interpretieren sollten. Wir brauchen die Gemeinschaft im Glauben und Denken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird zuerst das zentrale Thema der fr\u00fchchristlichen Askese, die \u201eapatheia\u201c, angesprochen: Nicht die Leidenschaften sollen den Menschen beherrschen, sondern das Eigentliche, der geistige Kern des Menschen, soll hervortreten und die Herrschaft \u00fcber die Gef\u00fchle und Triebe erlangen. So w\u00e4chst die geistige Gestalt, die urspr\u00fcngliche Sch\u00f6nheit des g\u00f6ttlichen Bildes im einzelnen Menschen heran. Jeder Mensch ist dabei f\u00fcr sich selber verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"475\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-4-2014_Moench-Athos.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-659\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-4-2014_Moench-Athos.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-4-2014_Moench-Athos-189x300.jpg 189w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>M\u00f6nch auf dem Berg Athos<\/p>\n\n\n\n<p>In den Worten des Patriarchen k\u00f6nnen wir aber auch das altkirchliche Bewusstsein heraush\u00f6ren, dass jede mit ihrem Bischof verbundene Gemeinde im vollen Sinn Kirche ist. Sie braucht keine Legitimation von einer \u00fcbergeordneten kirchlichen Autorit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schliesslich sagt der Patriarch auch, dass die geistige Dimension der Kirche f\u00fcr orthodoxe Christen viel wichtiger und zentraler ist. Wir Katholiken suchen vor allem eine administrative und strukturelle L\u00f6sung f\u00fcr die Einheit der Kirchen. Die orthodoxen Kirchen denken vor allem in spirituellen Kategorien.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Denken das Wesen der Kirche betreffend ist sehr verschieden. Die vom Patriarchen betonte Gemeinschaft im Glauben und Denken braucht unsererseits zuerst das Wahrnehmen der orthodoxen Spiritualit\u00e4t. Metropolit Hiero\u00adtheos von Nafpaktos kann uns dabei helfen. Er schreibt in \u201eOrthodoxe Spiritualit\u00e4t. Eine kurze Einf\u00fchrung\u201c (http:\/\/www.orthlit.de\/45.html):<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSpiritualit\u00e4t ist nicht ein abstraktes religi\u00f6ses Leben, da die Kirche der Leib Christi ist. Sie ist nicht einfach eine Religion, die auf theoretische Weise an Gott glaubt. Die Zweite Person der Heiligen Dreiheit \u2013 der Logos Gottes \u2013 nahm die menschliche Natur f\u00fcr uns an. Er vereinigte sie mit Seiner Hypostase und wurde das Haupt der Kirche. Somit ist die Kirche der Leib des Gottmenschen: der Leib Christi.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlle Askese in der Kirche zielt hin auf die theosis (Verg\u00f6ttlichung) des Menschen und seine Gemeinschaft mit Gott der Dreiheit. Dies geschieht dann, wenn die Energie der Seele (nous) in ihr Wesen (Herz) zur\u00fcckkehrt und aufsteigt zu Gott. Denn bevor die Einheit mit Gott erlangt wird, muss zun\u00e4chst durch die Gnade Gottes die Einheit der Seele verwirklicht worden sein. In der Tat ist die S\u00fcnde die Zerspaltung dieser Kr\u00e4fte; sie besteht prim\u00e4r in der Zerstreuung der Energie der Seele \u2013 also des nous \u2013 unter den Dingen und ihre Trennung vom Herzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie heiligen Apostel wurden zuerst \u201egeheilt\u201c, dann empfingen sie die Offenbarung. Und sie vermittelten das Offenbarte ihren geistlichen Kindern nicht nur durch ihre Lehren, sondern vor allem dadurch, dass sie auf verborgene Weise deren spirituelle Wiedergeburt bewirkten. Um der Bewahrung dieses Glaubens willen formulierten die Heiligen V\u00e4ter die Dogmen und Lehren. Wir akzeptieren die Dogmen und Lehren; mit anderen Worten, wir akzeptieren den offenbarten Glauben und bleiben in der Kirche, um geheilt zu werden. Denn der Glaube ist einerseits Offenbarung f\u00fcr die Gel\u00e4uterten und Geheilten und andererseits der rechte Pfad f\u00fcr diejenigen, die dem \u201eWeg\u201c folgen, um theosis (Verg\u00f6ttlichung) zu erlangen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie drei J\u00fcnger Christi sahen die Herrlichkeit Christi auf dem Berg Tabor; sie h\u00f6rten die Stimme des Vaters: Dies ist Mein geliebter Sohn, und sie sahen die Ankunft des Heiligen Geistes als eine Wolke. So erlangten die J\u00fcnger Christi das Wissen um den Dreieinen Gott in der theoria (der Schau Gottes). Das ist genau das, was der hl. Symeon der Neue Theologe lehrt. In seinen Hymnen verk\u00fcndet er immer und immer wieder, dass der verg\u00f6ttlichte Mensch die Offenbarung Gottes in der Dreiheit erlangt, w\u00e4hrend er das ungeschaffene Licht sieht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"575\" height=\"799\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-4-2014_Transfigura.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-4-2014_Transfigura.jpeg 575w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-4-2014_Transfigura-216x300.jpeg 216w\" sizes=\"(max-width: 575px) 100vw, 575px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Verkl\u00e4rung Christi<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDaher ist die orthodoxe Spiritualit\u00e4t die Erfahrung des Lebens in Christo, die Atmosph\u00e4re des neuen Menschen, der durch die Gnade Gottes wiederbelebt wurde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage stellt sich, ob wir Katholiken uns zu schnell mit dem gelegentlichen Empfang der Sakramente der Vers\u00f6hnung und Kommunion zufrieden geben und lieber Kirche und Welt ver\u00e4ndern wollen, statt uns um unser eigenes geistliches Leben zu m\u00fchen. Wie wir gesehen haben, ist dies eine \u00f6kumenisch durchaus wichtige Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>P. Kilian Karrer<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2019\/07\/Rundbrief-2014_4.pdf\">Rundbrief 4\/2014<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich der Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land f\u00fchrte \u201eDie Tagespost\u201c ein Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Theophilos III. von Jerusalem. Die Lekt\u00fcre hat mich aufhorchen lassen. Denn im Gegensatz zu unserer landl\u00e4ufigen Meinung, dass Katholiken und Orthodoxe nur theologische Kleinigkeiten und Erinnerungen an vergangenes Unrecht trennen, kommt darin zum Ausdruck, dass der Unterschied im Denken und im Glauben doch gr\u00f6sser ist. Es geht dabei um das Eigentliche, n\u00e4mlich um das Kirchenverst\u00e4ndnis und um das Ziel des christlichen Lebens.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/140"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=140"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":661,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions\/661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=140"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=140"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}