{"id":143,"date":"2014-09-01T15:53:02","date_gmt":"2014-09-01T13:53:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=143"},"modified":"2021-06-07T15:45:24","modified_gmt":"2021-06-07T13:45:24","slug":"das-zeugnis-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/das-zeugnis-der-sprache\/","title":{"rendered":"Das Zeugnis der Sprache"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">&nbsp;<\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"717\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_1-717x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-655\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_1-717x1024.jpg 717w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_1-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_1-768x1097.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_1-1075x1536.jpg 1075w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_1.jpg 1275w\" sizes=\"(max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Muttersprache<\/em> eines Menschen ist die Sprache, in die er \u201ehineingeboren\u201c worden ist \u2013 daher englisch neben <em>mother tongue<\/em> (\u201eMutter-Zunge\u201c) auch <em>native language<\/em> genannt, \u00e4hnlich russisch <em>\u0440\u043e\u0434\u043d\u043e\u0439 \u044f\u0437\u044b\u043a<\/em> (\u201eGeburts-Sprache\u201c) \u2013 von \u201eVatersprache\u201c ist bekanntlich nicht die Rede. Mit der Sprache unserer Umgebung nehmen wir eine bestimmte Kultur auf, in der wir geistig Wurzeln schlagen. Diese Wurzeln sind so tiefgr\u00fcndig, dass wir nach der Pubert\u00e4t nur mit etlicher M\u00fche andere Sprachen lernen, und viele Menschen empfinden Fremdsprachen unwillk\u00fcrlich als seltsam oder sogar als abartig. Auch aus diesem Grunde ist es ihnen zuwider, sie zu lernen. Man neigt ja dazu, Ungewohntes und Unverstandenes als gef\u00e4hrlich und feindlich anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lob der Sprachenvielfalt<\/h2>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zu den gr\u00f6ssten Verbrechen, aus politischen oder religi\u00f6sen Gr\u00fcnden einem Volk die eigene Sprache zu verbieten und eine andere aufzuzwingen. Deshalb und weil die H\u00e4lfte aller Sprachen der heutigen Menschheit vom Aussterben bedroht sind, hat die UNESCO den 21. Februar zum Tag der Muttersprache erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon 1500 Jahre fr\u00fcher hat Jakob von Serugh (gest. 521) die Existenz vieler Sprachen als kulturellen Wert betont. Sein <em>Memra <\/em>auf das Pfingstfest ist als eindr\u00fcckliche Predigt in rund vierhundert Versen eines jener literarischen Werke, in denen die syrischen Kirchenv\u00e4ter hohes poetisches Niveau, tiefen theologischen Gehalt und didaktisches Geschick vereinen. Einige der zw\u00f6lfsilbigen Verse sollen seine Gedanken auf Deutsch wiedergeben.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>(V. 85) Gegr\u00fcsst seid ihr von <em>Babels auserw\u00e4hlter Schar<\/em>,<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>die gleichsam singt mit allen Zungen dieser Welt.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>(89) Da sie versteht, wie man in allen Sprachen spricht,<\/p>\n\n\n\n<p>ist sie in Stimme, Wort und Zungen Babel gleich.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der J\u00fcnger Schar, die nicht in Schriften kundig war,<\/p>\n\n\n\n<p>besingt in neuen Sprachen t\u00e4glich Gottes Ruhm.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er das Wort von J\u00fcnger-Zungen nun vernahm,<\/p>\n\n\n\n<p>so nannte Simon Petrus \u201eBabel\u201c die Gemeinde bald.<\/p>\n\n\n\n<p>(283) Dass jede Zunge froh des Sohnes Botschaft singt,<\/p>\n\n\n\n<p>tut kund der Welt: Die V\u00f6lker sind Sein Eigentum.<\/p>\n\n\n\n<p>(287) Wenn e\u00edne Sprache nur der Botschaft Werkzeug w\u00e4r,<\/p>\n\n\n\n<p>so k\u00e4men J\u00fcnger nur aus e\u00ednem Volk allein.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>(291) H\u00e4tt Er in fremder Zunge sich an sie gewandt,<\/p>\n\n\n\n<p>die Lehre k\u00e4m den H\u00f6rern gar befremdlich vor.<\/p>\n\n\n\n<p>(369) In allen Sprachen str\u00f6mt der Lehre hohe Flut,<\/p>\n\n\n\n<p>wie gut begossne Lilien keimen Kirchen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese und weitere Verse bezeugen ein klares Eintreten f\u00fcr die Idee der \u201eInkulturation\u201c und gegen die Tendenzen der Zentralisierung, die im Verlauf der Kirchengeschichte im Osten und Westen aufgekommen sind. Damit h\u00e4ngt die Abweisung eines Sprachenmonopols zusammen, und Jakob von Serugh kann in diesem Punkt als Vorl\u00e4ufer der Slavenapostel Kyrillos und Methodios gelten, die im 9. Jh. die sog. Dreisprachen-H\u00e4resie ablehnten. M\u00f6glicherweise hat er ein Vorr\u00fccken des Griechischen zuungunsten der Volkssprache verhindern wollen; gerade im 5. Jh. wurde das Neue Testament neu ins Syrische \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bildersprache<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Bilder an den Kirchenw\u00e4nden und die Miniaturen in mittelalterlichen B\u00fcchern werden oft als \u201eArmenbibel\u201c bezeichnet, weil sie den Analphabeten die Geschichten der Heiligen Schrift erz\u00e4hlen: Bei den Frauen beispielsweise, die sich gr\u00fcssend umarmen, muss es sich um Maria und Elisabet handeln. (Dass Ikonen stets mit Namen, Titeln und auch l\u00e4ngeren Texten versehen sind, dient dazu, jede Unsicherheit der Deutung auszuschliessen.)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"602\" height=\"475\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-657\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_2.jpg 602w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-5-2014_2-300x237.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die gemalten Bilder f\u00fcr den <em>Betrachter<\/em> gleichsam eine Sprache darstellen, also eine Aussage machen, sind richtig gew\u00e4hlte Worte f\u00e4hig, im <em>Zuh\u00f6rer<\/em> ein Bild zu erzeugen, das er versteht. Gerade der Orientale liebt es, auch abstrakte Begriffe und komplizierte Sachverhalte in bildkr\u00e4ftiger Sprache \u201eanschaulich\u201c zu machen. Dichter-Theologen wie Jakob von Serugh verliehen ihren Predigten eine Versform, die man auch singend nachvollziehen konnte. Die damaligen H\u00f6rer sind von solchen Rhythmen sicher begeistert gewesen und fanden in ihnen <em>eine geistige Heimat<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler<\/p>\n\n\n\n<p>Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2019\/07\/Rundbrief-2014_5.pdf\">Rundbrief 2014_5<\/a><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Teil I in Rundbrief 6\/2011.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Das Original ist syrisch-aram\u00e4isch (einst Verkehrssprache von Pal\u00e4stina bis Persien).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Jakob ahmt hier eine viel verwendete Grussformel der Apostelbriefe nach (<em>\u0161a\u2019el \u0161l\u0101m\u0101<\/em> \u201enach Frieden fragen\u201cf\u00fcr griech. <em>aspazesthai<\/em> \u201egr\u00fcssen\u201c), dazu die Ausdrucksweise des Petrus, der mit der Babel-Metapher die Christengemeinde im heidnischen Rom meint (1Pet 5,13).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Gem\u00e4ss der Anordnung Jesu bei Mt 28,19 u. Apg 1,8 verbreiteten die J\u00fcnger in allen L\u00e4ndern das Evangelium.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Die Zusammenstellung der W\u00f6rter <em>q\u0101l\u0113<\/em> \u201eStimmen\/ T\u00f6ne\/ Kl\u00e4nge\u201c, <em>mel\u0113<\/em> \u201eW\u00f6rter\/ Worte\/ Ausdr\u00fccke\u201c und <em>le\u0161\u0101n\u0113<\/em> \u201eZungen\/ Sprachen\u201c mit ihren weiteren begrifflichen Konnotationen (\u201eLied, Gesang, Rede, Schriftwort, Heilige Schrift, Logos, Versprechen, Sinn, Aussage, Urteil, Volk\u201c usw.) ist eines der zahlreichen Beispiele daf\u00fcr, wie der Prediger-Poet \u201espielerisch\u201c mit den theologischen Gedanken umgeht.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Die Meinung, dass die Erw\u00e4hlung zum Heil ausschliesslich dem Volk Israel gelte, widerlegt Paulus als \u201eApostel der Heiden\u201c nachdr\u00fccklich, z. B. R\u00f6m 9-11; vgl. auch die entsprechende Einsicht des Petrus Apg 10,34f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Muttersprache eines Menschen ist die Sprache, in die er \u201ehineingeboren\u201c worden ist \u2013 daher englisch neben mother tongue (\u201eMutter-Zunge\u201c) auch native language genannt, \u00e4hnlich russisch \u0440\u043e\u0434\u043d\u043e\u0439 \u044f\u0437\u044b\u043a (\u201eGeburts-Sprache\u201c) \u2013 von \u201eVatersprache\u201c ist bekanntlich nicht die Rede. Mit der Sprache unserer Umgebung nehmen wir eine bestimmte Kultur auf, in der wir geistig Wurzeln schlagen. Diese Wurzeln sind so tiefgr\u00fcndig, dass wir nach der Pubert\u00e4t nur mit etlicher M\u00fche andere Sprachen lernen, und viele Menschen empfinden Fremdsprachen unwillk\u00fcrlich als seltsam oder sogar als abartig. Auch aus diesem Grunde ist es ihnen zuwider, sie zu lernen. 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