{"id":1505,"date":"2022-07-01T09:28:00","date_gmt":"2022-07-01T07:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=1505"},"modified":"2025-08-28T09:37:54","modified_gmt":"2025-08-28T07:37:54","slug":"in-frieden-lasst-uns-beten-zum-herrn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/in-frieden-lasst-uns-beten-zum-herrn\/","title":{"rendered":"In Frieden lasst uns beten zum Herrn\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Frieden \u2013 nichts w\u00fcnschen wir uns mehr, als dass endlich Friede sei. In diesen Wochen und Monaten beten Millionen von Menschen um den Frieden in der Ukraine, um ein Ende des Krieges, ein Ende all des Leidens und Sterbens, ein Ende der Gewalt und des Schreckens. \u2013 Der Friede &#8211; so sehr herbeigesehnt und doch so zerbrechlich &#8211; ist das grosse Thema in der Heiligen Schrift wie auch in der Liturgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00f6ttliche Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos, wie auch jene des Hl. Basilios, beginnt nach dem Eingangssegen mit der grossen Friedenslitanei<em>:<br><br>\u00a0\u201eIn Frieden lasst uns beten zum Herrn!\u201c<\/em><br><br>Es mag \u00fcberraschen, dass diese Litanei nicht mit einer eigentlichen Bitte an Gott er\u00f6ffnet wird, sondern mit einer Aufforderung an uns, die Betenden: Tretet mit einem friedvollen Herz vor Gott; bringt eure Bitten ohne Groll, ohne Gedanken des Zornes, des Hasses oder der Vergeltung vor den Herrn. Nur ein Herz, das sich st\u00e4ndig um diesen inneren Frieden bem\u00fcht, mag dann inst\u00e4ndig um den Frieden bitten:<br><em><br>\u201eUm den himmlischen Frieden und das Heil unserer Seelen lasst uns beten zum Herrn.\u201c<br><br>\u201eUm den Frieden der ganzen Welt, um das Wohl der heiligen Kirchen Gottes und um die Einheit aller lasst uns beten zum Herrn<\/em>.\u201c<sup data-fn=\"cbe50ba5-5a01-4c6f-bbd6-375ef8f76d79\" class=\"fn\"><a href=\"#cbe50ba5-5a01-4c6f-bbd6-375ef8f76d79\" id=\"cbe50ba5-5a01-4c6f-bbd6-375ef8f76d79-link\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bitte um den Frieden, vorgetragen durch den Diakon, wie auch der Zuspruch des Friedens durch den Priester: <em>\u201eFriede euch allen!\u201c<\/em> wiederholt sich immer wieder. Es kann nie genug um diesen Frieden gebetet und es kann uns nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden, dass Gott uns den Frieden in Jesus und durch ihn zugesprochen und verheissen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch ist die allt\u00e4gliche Erfahrung oft eine andere: Der innere Friede mit sich selbst, mit Gott und dem\/der N\u00e4chsten ist so zerbrechlich; ein unbedachtes Wort gen\u00fcgt und der Friede ist dahin. Nicht anders im Grossen, draussen in der Welt, im Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen und Kulturen und in den Beziehungen der Staaten untereinander. Da kommt \u2013 gerade auch f\u00fcr gl\u00e4ubige Christen &#8211; immer wieder mal die Frage auf, wo denn nun dieser versprochene Friede sei, begleitet vom Zweifel daran, dass es so etwas wie \u201eFrieden\u201c \u00fcberhaupt je geben kann und geben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage und Zweifel sind berechtigt; der Blick in die eigene Seele und erst recht der Blick in die Welt macht es uns nicht leicht, hoffnungsvoll zu bleiben und an der M\u00f6glichkeit des Friedens festzuhalten. Da mag es hilfreich sein, einen Blick in die Heilige Schrift, sowohl ins erste wie auch ins zweite, neue Testament zu werfen. Unz\u00e4hlige Male ist hier vom Frieden die Rede, aber nicht blau\u00e4ugig oder naiv, sondern ganz n\u00fcchtern und klar: Friede ist nicht einfach, Friede wird. Friede ist ein Prozess, sp\u00fcrbar und sichtbar da, wo der Mensch sein Herz f\u00fcr Gott \u00f6ffnet und so den Frieden zun\u00e4chst bei sich selber einl\u00e4sst. Friede w\u00e4chst, nicht zuallererst durch Worte, sondern vielmehr durch eine Haltung der Friedfertigkeit. Was das konkret bedeutet, hat Jesus un\u00fcberbietbar in seiner Bergpredigt festgehalten:<br><br><em>\u201eSelig, die keine Gewalt anwenden,<br>denn sie werden das Land erben.<br>Selig, die hungern und d\u00fcrsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.<br>Selig, die Barmherzigen,<br>denn sie werden Erbarmen finden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Selig, die ein reines Herz haben,<br>denn sie werden Gott schauen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Selig, die Frieden stiften,<br>denn sie werden S\u00f6hne (und T\u00f6chter) Gottes genannt werden\u2026\u201c<\/em> Mt 5,5-9<\/p>\n\n\n\n<p>Kein einfacher Weg zum Frieden, wie die Welt ihn sich w\u00fcnscht. Aber von einem Frieden, der einfach zu haben und m\u00fchelos zu finden w\u00e4re, hat Jesus nie gesprochen. Vielmehr kann er in seiner Abschiedsrede den J\u00fcngern klaren Wein einschenken:<br><br><em>\u201eFrieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.\u201c <\/em>Joh 14,27<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar gibt es einen Frieden, wie die Welt sich ihn w\u00fcnscht, und dann gibt es da einen Frieden, den Jesus im Blick hat, wohl wissend, dass dieser Frieden vom einzelnen Menschen viel, sehr viel abverlangt:<br><br><em>\u201eLeistet dem, der euch etwas B\u00f6ses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schl\u00e4gt, dann halt ihm auch die andere hin\u2026Liebet eure Feinde und betet f\u00fcr die, die euch verfolgen, damit ihr S\u00f6hne (und T\u00f6chter) eures Vaters im Himmel werdet\u2026\u201c<\/em> Mt 5,39.44-45<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind Worte, die einem angesichts des Leidens und Sterbens in der Ukraine und an vielen anderen Orten auf der Welt im Halse stecken bleiben. Es sind Worte, die so ganz und gar nicht politisch korrekt sind und selbst von \u00fcberzeugten Pazifisten auch innerhalb der Kirchen kaum mehr in den Mund genommen werden. Verst\u00e4ndlich, denn welch ein Hohn w\u00e4re es, den Opfern von Gewalt und Terror, die verzweifelt um ihr Leben k\u00e4mpfen, das Wort von der Feindesliebe vorzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.orthodoxe-ikone.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"850\" height=\"567\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-4-2022_Jesus-und-der-Apostel-Thomas.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1506\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-4-2022_Jesus-und-der-Apostel-Thomas.jpg 850w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-4-2022_Jesus-und-der-Apostel-Thomas-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CuS_RB-4-2022_Jesus-und-der-Apostel-Thomas-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Auferstandene w\u00fcnscht den J\u00fcngern den Frieden.<br>Der zweifelnde Apostel Thomas erkennt den Herrn an seinen Wundmalen Joh 20.19-31<br>Quelle: https:\/\/www.orthodoxe-ikone.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Also bleibt es doch dabei, dass der Friede in dieser Welt nur nach weltlichen Massst\u00e4ben zu haben ist, also um den Preis einer stetig wachsenden Aufr\u00fcstung, um ein labiles und jederzeit gef\u00e4hrdetes Gleichgewicht des Schreckens aufrecht zu erhalten? Das k\u00f6nnte man so sehen, wenn die Definition von \u201eFrieden\u201c sich darin ersch\u00f6pfen w\u00fcrde, die Abwesenheit von Krieg zu konstatieren. Was aber ist dann mit dem Frieden, der Jesus den J\u00fcngern und uns zuspricht, jener Frieden, den uns die Welt nicht zu geben vermag? Vielleicht ist es hier mit dem Frieden \u00e4hnlich wie mit der Gesundheit. Gem\u00e4ss der Weltgesundheitsorganisation WHO wird Gesundheit so definiert:<br><br><em>\u201eGesundheit ist ein dynamischer Zustand ganzheitlichen physischen, mentalen, spirituellen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.\u201c\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Anlehnung an diese Definition k\u00f6nnte man wohl zurecht das gleiche vom Frieden sagen; Frieden ist mehr als Abwesenheit von Krieg und Gewalt: Friede \u2013 im Sinne Jesu \u2013 ist zutiefst ganzheitlich und f\u00fcr das Wohl und Heil des Menschen eine unabdingbar notwendige Voraussetzung, denn nur in einem Umfeld des inneren und \u00e4usseren Friedens ist ein Leben in physischem, mentalem, spirituellem und sozialem Wohlbefinden m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben, die Spannung zwischen dem Frieden, wie die Welt ihn gibt und dem Frieden, den Jesus verheisst, ist kaum aufzul\u00f6sen. Realit\u00e4t und Ideal sind wie so oft auch in Fragen des Friedens schwer in Einklang zu bringen. Sich damit einfach abzufinden, w\u00e4re aber aus christlicher Sicht doch zu wenig. Die Zusage Jesu gilt: <em>\u201eMeinen Frieden gebe ich euch\u2026\u201c<\/em>, aber auch der Stachel bleibt sp\u00fcrbar, dass es ist ein Friede ist, <em>\u201e\u2026nicht wie die Welt ihn gibt\u2026\u201c<\/em>. Darum bleiben wir unaufh\u00f6rlich im Gebet und m\u00fchen uns, in der Liturgie im Frieden und um den Frieden zu bitten: <em>\u201eWieder und wieder lasst uns in Frieden beten zum Herrn\u201c<\/em>, w\u00e4hrend der Priester w\u00e4hrend der zweiten Antiphon auch in unserem Namen leise betet:<br><br>\u201e<em>Herr, unser Gott, Du hast uns diese gemeinsamen und einm\u00fctigen Gebete geschenkt. Du hast uns auch versprochen, wo zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, dass Du sie erh\u00f6ren willst. So erf\u00fclle denn jetzt auch die Bitten Deiner Diener zu ihrem Heile: Gib uns in dieser Welt die Erkenntnis Deiner Wahrheit und in der zuk\u00fcnftigen das ewige Leben&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bl\u00e4ttler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"cbe50ba5-5a01-4c6f-bbd6-375ef8f76d79\">Gem\u00e4ss dem liturgischen Buch zur Chrysostomos-Liturgie, herausgegeben von der Patriarchalen Liturgiekommission der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, M\u00fcnchen \u2013 Eichst\u00e4tt \u2013 Paderborn, 2013 <a href=\"#cbe50ba5-5a01-4c6f-bbd6-375ef8f76d79-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rundbrief 2022-4. Frieden \u2013 nichts w\u00fcnschen wir uns mehr, als dass endlich Friede sei. In diesen Wochen und Monaten beten Millionen von Menschen um den Frieden in der Ukraine, um ein Ende des Krieges, ein Ende all des Leidens und Sterbens, ein Ende der Gewalt und des Schreckens. \u2013 Der Friede &#8211; so sehr herbeigesehnt und doch so zerbrechlich &#8211; ist das grosse Thema in der Heiligen Schrift wie auch in der Liturgie.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"[{\"id\":\"cbe50ba5-5a01-4c6f-bbd6-375ef8f76d79\",\"content\":\"Gem\\u00e4ss dem liturgischen Buch zur Chrysostomos-Liturgie, herausgegeben von der Patriarchalen Liturgiekommission der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, M\\u00fcnchen \\u2013 Eichst\\u00e4tt \\u2013 Paderborn, 2013\"}]"},"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1505"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1505"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1510,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1505\/revisions\/1510"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}