{"id":1513,"date":"2022-05-01T17:12:00","date_gmt":"2022-05-01T15:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=1513"},"modified":"2025-09-01T18:50:57","modified_gmt":"2025-09-01T16:50:57","slug":"sein-als-mitsein-ein-aspekt-orthodoxer-spiritualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/sein-als-mitsein-ein-aspekt-orthodoxer-spiritualitaet\/","title":{"rendered":"Sein als Mitsein &#8211; Ein Aspekt orthodoxer Spiritualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>Die orthodoxe Spiritualit\u00e4t ist ein weiter Bereich. Im Hinblick auf die aktuelle Weltlage und in der Gewissheit, dass wir auf Ostern zugehen, habe ich das Thema \u00abSein als Mitsein\u00bb gew\u00e4hlt. Wir stehen in der Fastenzeit, wissen jedoch, dass die Karwoche noch vor uns steht und Auferstehung nur stattfinden kann, wenn wir das Kreuz annehmen. Die Idealvorstellung ist, dass \u2013 wenn unser eigener Kreuzweg bevorsteht \u2013 wir nicht alleine sind, sondern von einer nahestehenden Person begleitet werden und uns von Gott getragen f\u00fchlen. Dann werden wir es schaffen, durch die \u00c4ngste von Krieg, Verlust und Tod hindurch zu gehen und dem christlichen Glauben treu zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sein als Mitsein in Gott<\/h3>\n\n\n\n<p>Viele Propheten haben von Gott Zeugnis abgelegt. Die christliche Gotteslehre basiert auf der Annahme, dass sich Gott in Jesus Christus offenbart hat. Das Spezifische, welches das Christentum von anderen Religionen unterscheidet, ist der Glaube an einen dreifaltigen Gott. Diese Offenbarung, welche in Jesus manifest wurde, ist ein Geheimnis, welches nur im Glauben erfasst werden kann. Die g\u00f6ttliche Trinit\u00e4t umfasst Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Kirchenv\u00e4ter aus der Zeit der fr\u00fchen Kirche haben sich dazu ge\u00e4ussert, so z.B. <em>Johannes Damascenus<\/em> (650-754). Er schreibt: Diese drei g\u00f6ttlichen Personen unterscheiden sich \u00abnicht im Wesen\u00bb, sondern \u00abdie gegenseitige Beziehung und die Seinsweise\u00bb<sup data-fn=\"b05597c0-b77f-4615-9a5a-76933d1ab8a6\" class=\"fn\"><a href=\"#b05597c0-b77f-4615-9a5a-76933d1ab8a6\" id=\"b05597c0-b77f-4615-9a5a-76933d1ab8a6-link\">1<\/a><\/sup> machen das je Eigene, das jeder Person Spezifische aus. Diese Beziehung zueinander hat der Mensch jedoch, wie die Aktualit\u00e4t zeigt, nie richtig verstanden. Die innerg\u00f6ttliche Beziehung ist durch ein Band der <em>Liebe<\/em> gekennzeichnet. Die Liebe aber ist eine Gott immanente Eigenschaft. Der Evangelist <em>Johannes<\/em> bezeugt dies in einer Aussage, die einfacher und klarer nicht sein k\u00f6nnte, n\u00e4mlich: \u00abGott ist die Liebe.\u00bb (1Joh 4,8)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liebe Gottes ist der Grund f\u00fcr die Erschaffung der Welt und f\u00fcr das sp\u00e4tere Heilswirken an der Welt. Wir lesen bei <em>Johannes<\/em>: \u00abSo sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder (und jede), der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.\u00bb (Joh 3,16) Es ist der Sohn Gottes, der das Werk der Erl\u00f6sung durch seinen Kreuzestod vollbracht hat, wodurch der Mensch selbst \u2013 durch seine F\u00e4higkeit zur Liebe \u2013 in das g\u00f6ttliche Heilsgeschehen hineingezogen ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"859\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Abendm.00932XX.MD--859x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1516\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Abendm.00932XX.MD--859x1024.jpg 859w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Abendm.00932XX.MD--252x300.jpg 252w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Abendm.00932XX.MD--768x915.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Abendm.00932XX.MD--1289x1536.jpg 1289w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Abendm.00932XX.MD-.jpg 1455w\" sizes=\"(max-width: 859px) 100vw, 859px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sein als Mitsein mit den Mitmenschen<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Mensch hungert nach wahrer, echter Beziehung. Viele \u00fcbersehen dabei, dass Profitbeziehungen oberfl\u00e4chlich sind. Eine Beziehung, die Bestand haben soll, muss aus der Tiefe kommen. Besonders Zeiten der Not zeigen dem Menschen auf, wie lebenswichtig Beziehungen sind; sie sind Ausdruck eines existentiellen Bed\u00fcrfnisses.<\/p>\n\n\n\n<p>Das innere Band, das Menschen miteinander verbinden soll, muss aus einer unversiegbaren Quelle kommen, die f\u00e4hig ist, die Beziehung immer wieder zu erneuern. Echte Beziehung hat mit Liebe zu tun. Liebe zum Mitmenschen. Dass mir der oder die andere nicht egal ist. Es liegt auf der Hand, dass diese Quelle in Gott liegen muss. Der Mensch erf\u00e4hrt die Liebe Gottes als Trost und Beistand, als Kraft und Mut, Wahrheit und Friede (Joh 14; 15).<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Gott selbst, der dem Menschen die Liebe ins Herzen legt. Die Liebe aber will zum Ausdruck kommen und wirksam werden (Gal 5,6). So bewegt die Begegnung mit Gott, im Besondern in der Eucharistie, die Gl\u00e4ubigen zum Engagement f\u00fcr die andern, im Dienst am N\u00e4chsten. Und es ist diese Erfahrung der gelebten N\u00e4chstenliebe, die wiederum den Menschen dazu bewegt, zur Quelle der Liebe zur\u00fcckzukehren, um sich an ihr zu laben und zu st\u00e4rken. Menschliches Sein \u00e4usserst sich als ein Mitsein mit den Mitmenschen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sein als Mitsein mit der himmlischen Welt<\/h3>\n\n\n\n<p>Bei diesem Aspekt geht es um die Dimension, die von dieser in die andere Welt hin\u00fcberreicht \u2013 und umgekehrt, vom Einbruch der himmlischen Welt in die irdische Welt der Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer jemals echte Liebe erfahren hat, weiss, dass in der Liebe die Sehnsucht nach H\u00f6herem schlummert, nach dem, was uns ganz erf\u00fcllt, nach der F\u00fclle unseres Seins, welche nur in Gott zu finden ist. Die Mystiker und Mystikerinnen gehen so weit, dass sie den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang in einer neuen Welt verstehen. So kann man sagen: Der Tod in der irdischen Welt ist die Geburt in der himmlischen Welt. Aus dieser Gewissheit feiert die Kirche den Todestag eines Menschen als Geburtstag in der andern Welt, als Sein in und bei Gott. In der orthodoxen Spiritualit\u00e4t ist das Bewusstsein zentral, dass die Kirche eine einzige ist: Sie verbindet Himmel und Erde; sie umschliesst die Lebenden und die Vorausgegangenen; bereits im Jetzt ist sie die Br\u00fccke zwischen Diesseits und Jenseits. Dies kommt im orthodoxen Verst\u00e4ndnis des Gottesdienstes zum Ausdruck: als g\u00f6ttliche Liturgie bezeichnet, ist sie Abbild der himmlischen Liturgie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sein als Mitsein<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn Gott als der Inbegriff der Liebe bezeugt und erfahren wird, so ist es diese unermessliche Liebe, die \u00abdas Bild von einem Gott, der dem Menschen in eine unerreichbare Ferne entr\u00fcckt ist, auf den Kopf (stellt)\u00bb<sup data-fn=\"021c26c1-a138-4f41-999f-9530d59c1bf2\" class=\"fn\"><a href=\"#021c26c1-a138-4f41-999f-9530d59c1bf2\" id=\"021c26c1-a138-4f41-999f-9530d59c1bf2-link\">2<\/a><\/sup>. Man k\u00f6nnte sagen: F\u00fcr wen \u00abGott\u00bb nur noch eine Energie ist, ein unbekanntes Wesen, ein unerreichbares Etwas, dem ist die Liebe abhanden gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Christin bzw. einen Christen, im Besondern aber f\u00fcr die orthodoxe Kirche, welche vom Evangelium nach <em>Johannes<\/em> inspiriert ist, kann das Reden von und \u00fcber Gott nur mit der Liebe verglichen werden. Dass Gott die Liebe ist: dieser Zentralpunkt durchwirkt das Leben und das Bewusstsein der Orthodoxie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"852\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Anast.MD_.00923XX.MD--852x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1517\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Anast.MD_.00923XX.MD--852x1024.jpg 852w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Anast.MD_.00923XX.MD--250x300.jpg 250w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Anast.MD_.00923XX.MD--768x923.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Anast.MD_.00923XX.MD--1278x1536.jpg 1278w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/08\/CUS_RB-3-2022_Anast.MD_.00923XX.MD-.jpg 1338w\" sizes=\"(max-width: 852px) 100vw, 852px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die orthodoxe Spiritualit\u00e4t ist Ausdruck der Sehnsucht nach Gott, nach dem Sein bei Gott. Dieses Hungern nach Gott hat zur Folge, dass der orthodoxe Gl\u00e4ubige versucht, Gott in sein Leben hineinzuziehen; man m\u00f6chte etwas von diesem G\u00f6ttlichen im irdischen Leben sp\u00fcren, erfahren; man m\u00f6chte mit dem G\u00f6ttlichen kommunizieren k\u00f6nnen. Ebenso m\u00f6chte man mit allen, von denen man glaubt, dass sie bereits bei Gott sind, verbunden bleiben. Auch wenn das Ziel des irdischen Lebens als Weg zu Gott verstanden wird, sind sich orthodoxe Christen bewusst, dass man diesen Weg nicht alleine gehen kann, sondern nur in Gemeinschaft, d.h. in einer Gemeinschaft der Liebe, die Gott und die Lebenden und die Vorangegangenen miteinschliesst. Unser Sein ist ein Mitsein in allen Dimensionen. <\/p>\n\n\n\n<p>Maria Brun, Dr. theol.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Bildhinweis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ikonen von Monika Deschler<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Die Anastasis \u2013 Auferstehungs-Ikone<\/li>\n\n\n\n<li>Die Abendmahls-Ikone<a id=\"_msocom_1\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a id=\"_msocom_1\"><\/a><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"b05597c0-b77f-4615-9a5a-76933d1ab8a6\">P. G. 94, 824. 837. <a href=\"#b05597c0-b77f-4615-9a5a-76933d1ab8a6-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"021c26c1-a138-4f41-999f-9530d59c1bf2\">Theunissen Michael. In: Was ist eine gute Religion? Zwanzig Antworten (hg. v. Uwe Justus Wenzel). M\u00fcnchen 2007, 120. <a href=\"#021c26c1-a138-4f41-999f-9530d59c1bf2-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p>PDF<\/p>\n\n\n\n<p>Projekt: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rundbrief 2022-3. Die orthodoxe Spiritualit\u00e4t ist ein weiter Bereich. Im Hinblick auf die aktuelle Weltlage und in der Gewissheit, dass wir auf Ostern zugehen, habe ich das Thema \u00abSein als Mitsein\u00bb gew\u00e4hlt. Wir stehen in der Fastenzeit, wissen jedoch, dass die Karwoche noch vor uns steht und Auferstehung nur stattfinden kann, wenn wir das Kreuz annehmen. 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