{"id":1536,"date":"2022-01-01T17:55:00","date_gmt":"2022-01-01T16:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=1536"},"modified":"2025-09-04T18:04:39","modified_gmt":"2025-09-04T16:04:39","slug":"stimme-eines-rufers-in-der-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/stimme-eines-rufers-in-der-wueste\/","title":{"rendered":"Stimme eines Rufers in der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 7. Januar (nach julianischem Kalender) gedenken die byzantinischen Kirchen Johannes des T\u00e4ufers und Vorl\u00e4ufers Jesu Christi. \u2013 Eine einzigartige, beeindruckende Gestalt jenseits aller Konventionen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Grosse Pers\u00f6nlichkeiten und wichtige Ereignisse k\u00fcndigen sich an oder besser: sie werden angek\u00fcndigt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist seit je her so. Kein K\u00f6nig tritt einfach so unangemeldet auf, auch nicht der Papst, nicht ein Staatspr\u00e4sident, ein Filmstar oder eine Sportgr\u00f6sse. Wenn so jemand an die \u00d6ffentlichkeit tritt, wird der rote Teppich ausgerollt, die Medienleute sind in ihrem Element, das Gerangel um das beste Foto, das exklusive Interview, den intimsten Hintergrundbericht ist gross. Der angek\u00fcndigten Person wird lautstark zugejubelt und gl\u00fccklich ist, wem es gelingt, ihr die Hand zu dr\u00fccken, ein Autogramm zu ergattern oder gar ein paar Worte mit ihr zu wechseln. \u2013 Jene also, die den Empfang in jeder Hinsicht minuti\u00f6s vorbereiten, haben grosse Verantwortung; sie sorgen daf\u00fcr, dass nichts dem Zufall \u00fcberlassen bleibt. Nur sie haben den \u00dcberblick und wissen, was sich gem\u00e4ss Protokoll geziemt und was \u2013 wie es so sch\u00f6n heisst \u2013 ein \u00abno go\u00bb ist. Diese Leute im Dienste der Grossen und Ber\u00fchmten wissen um ihre Rolle im Hintergrund; wird dem K\u00f6nig zugejubelt, ist dies auch ihr Erfolg, wird der Pr\u00e4sident ausgebuht oder gar mit Eiern beworfen, trifft es auch sie hart.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes, genannt der T\u00e4ufer, ist so einer, der ganz im Dienst eines Gr\u00f6sseren, steht und dennoch nicht ganz hinter diesem Gr\u00f6sseren verschwindet. Er weist unabl\u00e4ssig von sich selber weg und auf diesen Gr\u00f6sseren hin, und trotzdem folgen viele Menschen ihm, sind fasziniert und begeistert von ihm. Johannes ist eine \u00abNaturgewalt\u00bb, die hereinbricht und der sich kaum jemand entziehen kann, obwohl \u2013 oder vielleicht gerade, weil \u2013 seine Worte erschrecken, aufr\u00fctteln und zutiefst beunruhigen. Aber offenbar trifft er den Nerv seiner Zeit und spricht von den Dingen, die die Menschen in ihrer \u00e4usseren und inneren Not, in ihrer Suche nach Gott, in ihrer Sehnsucht nach einem tragenden Glauben, umtreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abTr\u00e4te Johannes der T\u00e4ufer in unseren Tagen auf, w\u00fcrde seine Stimme einen Orkan von Worten entfachen, die uns schwer in die Ohren und m\u00fchsam \u00fcber die Lippen wollten. Schon der Ort der W\u00fcste, den er sich f\u00fcr sein Wirken w\u00e4hlt, ist eine einzige symbolische Verneinung.\u00bb<\/em><sup data-fn=\"567426f2-fb8d-4da7-8372-d2c89523c6e2\" class=\"fn\"><a href=\"#567426f2-fb8d-4da7-8372-d2c89523c6e2\" id=\"567426f2-fb8d-4da7-8372-d2c89523c6e2-link\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u00abeinzige Verneinung\u00bb zeigt sich schon an seinem \u00c4usseren: \u00ab<em>Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen G\u00fcrtel um seine H\u00fcften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig\u201c<\/em> (Mk 1,6). Im Gegensatz zu den Tempelpriestern und Schriftgelehrten tritt er nicht in sch\u00f6nen, edlen Gew\u00e4ndern und nicht im Tempel oder in den Synagogen auf, sondern draussen, im unwirtlichen Niemandsland, fern von jeder Sicherheit und Feierlichkeit. Die Menschen sp\u00fcren offensichtlich sehr genau: Hier spricht jemand zu uns, der niemandem nach dem Mund redet, der sich vor niemandem f\u00fcrchtet, der sich einzig und allein seinem Herrn, Gott, verpflichtet weiss. Johannes ist Prophet, durch und durch; er kann sich Gottes Auftrag nicht entziehen; was immer geschehen mag, er muss verk\u00fcnden, was ihm aufgetragen ist: \u00ab<em>Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe\u00bb<\/em> (Mt 3,2).<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund; seine Worte sind bisweilen hart, sehr hart, so etwa, wenn er zu den Pharis\u00e4ern und Sadduz\u00e4ern sagt: \u00ab<em>Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem<\/em> <em>kommenden Gericht entrinnen k\u00f6nnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt\u00bb <\/em>(Mt 3,7b).<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, schafft sich Johannes schon sehr bald Feinde. Dies aber \u00e4ngstigt ihn nicht. Er l\u00e4sst keinen Zweifel aufkommen: Keine seit Genera- tionen verwaltete und verh\u00e4rtete Religion, keine bis ins kleinste Detail festgelegte Tradition, keine religi\u00f6s-moralische Leitungsinstanz ist mit dem je pers\u00f6nlichen Glauben an Gott gleichzusetzen. Es braucht \u00abUmkehr\u00bb, eine Abkehr von ausgetretenen Pfaden, einen Neuanfang aus pers\u00f6nlicher Entscheidung, ein Vertrauen in die G\u00fcte Gottes, jenseits einer bequemen, aber gef\u00e4hrlichen Sicherheit, alles sei in Ordnung, wenn man sich nur an die Gesetze und Gebote des Tempels halte. \u2013 Schon hier und jetzt, in der W\u00fcste, klingt an, was einmal jener verk\u00fcnden wird, der nach Johannes kommt, denn auch darin ist der T\u00e4ufer klar: Er, Johannes, ist \u00abnur\u00bb der Vorl\u00e4ufer, der Ank\u00fcndiger, der Wegbereiter; er bereitet den Auftritt eines anderen vor, wenn er sagt: \u00ab<em>Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist st\u00e4rker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen\u00bb<\/em> (Mt 3,11). Johannes nimmt sich zur\u00fcck; er weiss sehr genau um seine Rolle; nicht er ist der \u00abStar\u00bb, der Erwartete, der Herbeigesehnte, er ist \u00abnur\u00bb der lebendige Hinweis auf den Kommenden. Darin aber ist er eindeutig und kompromisslos:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"397\" height=\"463\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/09\/CUS_RB-1-2022_Johannes-d.-Taeufer_bearb.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1537\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/09\/CUS_RB-1-2022_Johannes-d.-Taeufer_bearb.jpg 397w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/09\/CUS_RB-1-2022_Johannes-d.-Taeufer_bearb-257x300.jpg 257w\" sizes=\"(max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Jetzt ist die Zeit, mutig voranzugehen und ernst zu machen mit der Hoffnung, dass ein neues, befreites Leben aus dem Glauben m\u00f6glich ist. Und es gibt tats\u00e4chlich Menschen, die dem Ruf des Johannes folgen und sich in die Arme Gottes werfen, indem sie in den Fluten des Jordan untertauchen und ein Zeichen ihres Neuanfangs setzen. Ja, k\u00f6nnte man sagen, \u00ab<em>Gott sei Dank gibt es<\/em> <em>Menschen, die halten es nicht aus, zu lange zu warten. Sie verstehen den Mann am Jordan. Sie begreifen, warum Johannes der T\u00e4ufer Entscheidungen erzwingen m\u00f6chte, und zwar unbedingt heute, auch wenn die einzige Resonanz, die er bekommt, sich auf diese Menschen beschr\u00e4nkt, die sich wie gequ\u00e4lt, wie ausgesetzt, wie am Rande des Lebens f\u00fchlen. Sie freilich haben ein Leben lang darauf gewartet, dass jemand sagt: fangt von vorn an; wagt euch noch einmal und lebt, wie wenn ihr neu zur Welt gekommen w\u00e4ret, beginnt noch einmal von vorn und lebt wirklich<\/em>.\u00bb<sup data-fn=\"e4db1d11-f51c-4e94-880c-faf3da022094\" class=\"fn\"><a href=\"#e4db1d11-f51c-4e94-880c-faf3da022094\" id=\"e4db1d11-f51c-4e94-880c-faf3da022094-link\">2<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Der Ruf zur Umkehr des Johannes ist ein zeitloser Aufruf zur Selbstbesinnung: Wo stehe ich in meinem (Glaubens-)Leben. Was will ich, was brauche ich wirklich, um im Vertrauen leben zu k\u00f6nnen. Wo ist Umkehr angesagt, also Abkehr von totgelaufener Routine, von verkrusteter Fr\u00f6mmigkeit und Befreiung von einem Glauben, der einsch\u00fcchtert, Angst macht, niederdr\u00fcckt und das Leben mehr erstickt, als dass er es f\u00f6rdert und zum Bl\u00fchen bringt? Johannes ermutigt zu dieser Umkehr, denn nach ihm wird Jesus in seinem Handeln und in seiner Verk\u00fcndigung genau diese Umkehr zu einem Glauben aus Vertrauen einfordern. Er wird nicht aufh\u00f6ren, Gott als die Liebe zu verk\u00fcnden, der uns aufatmen, aufbl\u00fchen und im Vertrauen aufgehoben sein l\u00e4sst. \u2013 Johannes bahnt diesem Gott einen Weg durch all das Dickicht dieser Welt; er ist der Vorl\u00e4ufer\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bl\u00e4ttler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"567426f2-fb8d-4da7-8372-d2c89523c6e2\">Eugen Drewermann, Das Matth\u00e4usevangelium. Bilder der Erf\u00fcllung, Walter-Verlag Olten, 1992, S. 307 <a href=\"#567426f2-fb8d-4da7-8372-d2c89523c6e2-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"e4db1d11-f51c-4e94-880c-faf3da022094\">E. Drewermann, S.309-310 <a href=\"#e4db1d11-f51c-4e94-880c-faf3da022094-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p>PDF<\/p>\n\n\n\n<p>Projekt:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rundbrief 2022-1. Am 7. Januar (nach julianischem Kalender) gedenken die byzantinischen Kirchen Johannes des T\u00e4ufers und Vorl\u00e4ufers Jesu Christi. \u2013 Eine einzigartige, beeindruckende Gestalt jenseits aller Konventionen\u2026 Grosse Pers\u00f6nlichkeiten und wichtige Ereignisse k\u00fcndigen sich an oder besser: sie werden angek\u00fcndigt. Dies ist seit je her so. Kein K\u00f6nig tritt einfach so unangemeldet auf, auch nicht der Papst, nicht ein Staatspr\u00e4sident, ein Filmstar oder eine Sportgr\u00f6sse.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"[{\"id\":\"567426f2-fb8d-4da7-8372-d2c89523c6e2\",\"content\":\"Eugen Drewermann, Das Matth\\u00e4usevangelium. Bilder der Erf\\u00fcllung, Walter-Verlag Olten, 1992, S. 307\"},{\"id\":\"e4db1d11-f51c-4e94-880c-faf3da022094\",\"content\":\"E. Drewermann, S.309-310\"}]"},"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1536"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1536"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1536\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1539,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1536\/revisions\/1539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}