{"id":231,"date":"2016-09-01T14:11:51","date_gmt":"2016-09-01T12:11:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=231"},"modified":"2021-06-07T14:13:32","modified_gmt":"2021-06-07T12:13:32","slug":"naechstenliebe-zu-welchem-preis-naechstenliebe-um-jeden-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/naechstenliebe-zu-welchem-preis-naechstenliebe-um-jeden-preis\/","title":{"rendered":"N\u00e4chstenliebe \u2013 zu welchem Preis? N\u00e4chstenliebe \u2013 um jeden Preis!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">I. N\u00e4chstenliebe ist das Gebot, welches Christen auszeichnet, auszeichnen sollte. Im Kontakt mit andern Religionen wird dieses Gebot zunehmend von Nicht-Christen in Anspruch genommen. So etwa: <em>Zakat<\/em> und <em>Sadaka<\/em>, die Pflicht- und die Armensteuer, und an Bayram Armen Gutes tun \u2013 f\u00fcr den <em>Islam<\/em>. <em>Mitleid<\/em> haben mit der ganzen Kreatur, d.h. allen Lebewesen mit rechtem Denken, Reden und Handeln begegnen \u2013 im <em>Buddhismus<\/em>. Sich f\u00fcr die Not anderer interessieren, Kranke besuchen \u2013 im <em>Judentum<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">N\u00e4chstenliebe ist explizit ein Gebot, welches Jesus aufgetragen hat. Im Gespr\u00e4ch mit einem Gesetzeslehrer (cf. Lk 10,25-37) macht Jesus anhand der Geschichte vom \u201e<em>Barmherzigen Samariter<\/em>\u201c deutlich, was er mit diesem Gebot meint: ausnahmslos jeder und jede, der meine Hilfe braucht, dem soll man helfen, denn er ist mein N\u00e4chster, meine N\u00e4chste. Helfen ohne Einschr\u00e4nkung. Ohne Wenn und Aber. Ohne Definition von Not. Ohne Pr\u00e4zisierung der Hilfeleistung. Jesus vertraut auf den normalen Menschenverstand, dass es Situationen gibt, die nicht vorg\u00e4ngig durch eine Ethikkommission begutachtet werden m\u00fcssen und keiner Jury bed\u00fcrfen. Man hilft, weil man nicht anders kann, weil man nicht an der Not des andern, der mein Mitmensch ist, vorbei gehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forderung Jesu f\u00fcr die spontane Anwendung der N\u00e4chstenliebe gr\u00fcndet im dreifachen Liebesgebot: \u201e<em>Liebe Gott und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst<\/em>\u201c (cf. Lk 10,27). N\u00e4chstenliebe ist also keine Gef\u00fchlsduselei. Nein. Sie ist verankert in der Gottesliebe, welche eine zweifache Dimension beinhaltet: Weil Gott den Menschen liebt bzw. zuerst geliebt hat <em>und<\/em> der Mensch im Glauben diese Liebe akzeptiert und erwidert. Die N\u00e4chstenliebe ist eigentlich die verl\u00e4ngerte Gottesliebe, praktiziert durch den einzelnen Menschen. Und umgekehrt: durch die erfahrene N\u00e4chstenliebe kann ein Mensch den Weg zu Gott finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da bleibt jedoch noch die dritte Dimension: \u201eliebe\u2026 wie dich selbst\u201c. Dieser kleine Nachsatz wurde in fr\u00fcheren Zeiten vielfach ignoriert und als egoistisch interpretiert. Unter den heutigen Lebensumst\u00e4nden ist er jedoch ins Zentrum ger\u00fcckt. Wer sich selbst nicht liebt, nicht annimmt, mit sich selbst nichts anfangen kann, wer hat da noch den Blick f\u00fcr andere? Man ist nur mit sich selbst besch\u00e4ftigt oder lehnt das Leben als solches ab. Wer kann freim\u00fctig und unberechnet lieben, wenn er sich selbst nicht geliebt weiss?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"304\" height=\"200\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/5-16_httpwww.stmichael-online.dekirchenjahr13.n.trin_.htm_Bild-Paula-Jordan.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-609\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/5-16_httpwww.stmichael-online.dekirchenjahr13.n.trin_.htm_Bild-Paula-Jordan.jpg 304w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/5-16_httpwww.stmichael-online.dekirchenjahr13.n.trin_.htm_Bild-Paula-Jordan-300x197.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 304px) 100vw, 304px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/www.hosentaschenbibel.de\/die-erzaehlbilder.html\">www.hosentaschenbibel.de\/die-erzaehlbilder.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Atelea-Verlag &#8211; Dr. Horst Heinemann, Fuldatal)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die N\u00e4chstenliebe erwartet weder Lohn noch Anerkennung. Zugegeben: dies ist unzeitgem\u00e4ss. N\u00e4chstenliebe ist bedingungslos und ungebunden. Zum Gl\u00fcck jedoch muss sie nicht versteuert werden, nicht einmal \u201eQuellensteuer\u201c wird erhoben. Ausserdem entlastet sie den Staat. Dies sei gesagt: Motivation und Lohn gr\u00fcnden in einer immateriellen Quelle. Sie entspringt dem \u00dcbermass an Barmherzigkeit und Grossherzigkeit, die ein Mensch in seinem Herzen tr\u00e4gt und geht aus dem Glauben und der selbst erfahrenen Liebe hervor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">II. Diese Gedanken zur tatkr\u00e4ftigen N\u00e4chstenliebe sind motiviert durch meine Ferienlekt\u00fcre<a href=\"#_edn1\">[1]<\/a>, die die Geschichte eines 10-j\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlingskindes aus Afghanistan erz\u00e4hlt. Darin finden sich zwei \u00dcberlegungen, die mir zum Anlass dieser Zeilen gereichten. Beide beziehen sich auf den letzten Wegabschnitt, als der inzwischen 14-J\u00e4hrige den Fuss auf europ\u00e4ischen Boden setzt, m.a.W. im christlichen Westen landet. Die spontane Hilfe einer alten \u201eDame\u201c in Griechenland, die ihn vorbehaltlos aufnimmt, zu essen gibt und neu einkleidet, bzw. mehrere positive Begegnungen in Italien, darunter mit einem italienischen Jungen (165ff.), l\u00e4sst ihn zur \u00dcberzeugung kommen, dass man \u201e<em>eine solche Freundlichkeit nur durch Vorbilder (lernt)<\/em>\u201c (167). Was bedeutet diese Einsicht f\u00fcr einen Christen, eine Christin? Ob Eltern, Bekannte oder Religionsvertreter als Vorbilder gelten, spielt nicht wirklich eine Rolle. Wichtig ist einzig die Quelle dieser Vorbilder. Diese entspringt \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 dem Bewusstsein, dass jeder Akt der Barmherzigkeit in der Gottesliebe verankert ist. Konkret heisst dies: Es ist die N\u00e4chstenliebe, diese Aufmerksamkeit unseren Mitmenschen gegen\u00fcber, auch im ganz Kleinen, die uns zu wirklichen Menschen werden l\u00e4sst, zu sichtbaren Gesch\u00f6pfen Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und als der Fl\u00fcchtlingsjunge, in der Zwischenzeit 18-j\u00e4hrig geworden, kurz vor dem Abschluss seiner Berufsausbildung steht, hat er endlich die Kraft, nach acht Jahren \u201eIrrfahrt\u201c durch die verschiedensten L\u00e4nder, mit seiner Mutter wieder Kontakt aufzunehmen. Die Motivation dazu begr\u00fcndet er folgendermassen: \u201e<em>Wer sich um andere k\u00fcmmern will, muss erst einmal selbst mit sich im Reinen sein. Wie kann man lieben, wenn man sein eigenes Leben nicht liebt?\u201c <\/em>(185). Diese Einsicht spricht direkt in die heutige Welt. Wie viele Erwachsene, wie viele Jugendliche \u201eirren\u201c durch die Welt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Erf\u00fcllung, und machen die Erfahrung, dass ihnen das Gl\u00fcck in der Spassgesellschaft unentwegt entwischt? Und wie viele haben nicht den Mut, \u00fcber den eigenen Schatten zu springen, sich vom Tr\u00fcgerischen loszusagen, und sich in jene Richtung aufzumachen, von der sie wissen, dass es die richtige w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Fl\u00fcchtlingsjunge aus einer v\u00f6llig anderen Kultur macht also zwei Grunderfahrungen, die \u00fcberall auf der Welt gemacht werden k\u00f6nnen und somit in allen Kulturen und Religionen G\u00fcltigkeit haben: Zum einen beinhalten sie eine heute mehr denn je gemachte tragische Lebensbeschreibung, wonach Menschen oft unverschuldet aus ihrem vertrauten Lebenskreis hinauskatapultiert werden, und zum andern treffen sie mitten ins Herz des christlichen Glaubens. Was heisst das? Nichts anderes als dass der wahrhaft gelebte christliche Glaube die vermisste Zuneigung und den Mangel an Liebe gar nicht erst aufkommen lassen d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"350\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/5-16_ImMeerKrokodileHeader.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-611\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/5-16_ImMeerKrokodileHeader.jpg 640w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/5-16_ImMeerKrokodileHeader-300x164.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/www.kirchenblatt.ch\">www.kirchenblatt.ch<\/a> \u2013 Jugendseite<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Ausgabe 24. Juli 2016 bis 20. August 2016)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jesu dreifaches Liebesgebot entspringt also mehr als nur einer Lebensweisheit; es ist der Schl\u00fcssel zum gelebten christlichen Glauben. Und so ist jeder wahre Christ, jede wahre Christin, am Mass ihrer N\u00e4chstenliebe zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Maria Brun, Dr. theol.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2019\/07\/2016-5.pdf\">Rundbrief 5\/2016<\/a><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a> Geda Fabio, Im Meer schwimmen Krokodile. M\u00fcnchen: btb-Verlag 2012.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N\u00e4chstenliebe ist das Gebot, welches Christen auszeichnet, auszeichnen sollte. Im Kontakt mit andern Religionen wird dieses Gebot zunehmend von Nicht-Christen in Anspruch genommen. 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