{"id":235,"date":"2017-01-02T14:33:09","date_gmt":"2017-01-02T13:33:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=235"},"modified":"2025-07-24T18:42:29","modified_gmt":"2025-07-24T16:42:29","slug":"von-der-inful-zur-iffele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/von-der-inful-zur-iffele\/","title":{"rendered":"Von der Inful zur Iffele"},"content":{"rendered":"\n<p>Die ersten Dezembertage sind erf\u00fcllt von verschiedenen Br\u00e4uchen zu Ehren des Hl. Nikolaus, des Bischofs von Myra, welches in der heutigen T\u00fcrkei liegt. Bei uns bekannt als Samichlaus, ist er allen Kindern eine vertraute Gestalt. Am 6. Dezember, dem Todestag dieses grossen Heiligen und Kinderfreundes aus dem 4. Jh., gedenkt man seiner in der ganzen christlichen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Ortsbr\u00e4uche beginnen am Vorabend. Besonders bekannt ist das Chlausjagen am Abend des 5. Dezember in K\u00fcssnacht am Rigi. Es interessieren hier vor allem die prachtvollen <em>Iffelen<\/em>. Der imposante Kopfschmuck wird von sogenannten \u00abLichtkl\u00e4usen\u00bb getragen, die in weissen Gew\u00e4ndern mit goldenen und roten B\u00e4ndern und G\u00fcrteln verziert, die bis zu 2 m hohen und bis zu 20 kg schweren Kunstwerke dem begeisterten Publikum zur Schau tragen. Kenner wissen, dass diese <em>Iffelen<\/em> in aufwendiger Handarbeit von 600 bis 1000 Std. Arbeitszeit sorgf\u00e4ltig nach alter Tradition angefertigt werden. <em>Iffelen<\/em> zu tragen ist ein M\u00e4nnerprivileg.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort \u00ab<em>Iffele<\/em>\u00bb mutet unbekannt, fremd an. Es leitet sich von \u00ab<em>Inful<\/em>\u00bb, lateinisch \u00ab<em>infula<\/em>\u00bb ab, wobei die etymologische Herkunft unsicher ist. Hergeleitet von \u00ab<em>in \u2013 fala<\/em>\u00bb, griechisch \u00ab<em>en \u2013 phal\u00f2s<\/em>\u00bb, w\u00fcrde es \u00ab<em>im Licht Seiende, Leuchtende<\/em>\u00bb heissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf alle F\u00e4lle hat der Begriff \u00ab<em>Inful<\/em>\u00bb eine vorchristliche Bedeutung. Er stammt aus dem altr\u00f6misch \u2013 griechischen Kultur- und Kultusraum und bezeichnete eine weisse, ev. auch rote Stirnbinde, 2 bis 3 Finger breit, aus Wolle gefertigt. Eine solche <em>Inful<\/em> trugen Priester, Vestalinnen, Betende und wurde auch Opfertieren umgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Macht man einen weiteren etymologischen Link zum hebr\u00e4ischen Begriff \u00ab<em>Tefillin<\/em>\u00bb, der im Deutschen mit \u00abGebetsriemen\u00bb (von <em>tefilah<\/em> = <em>Gebet<\/em>) \u00fcbersetzt wird, im Englischen und Franz\u00f6sischen jedoch mit \u00ab<em>Phylacteries<\/em>\u00bb (von griech. <em>phylasso<\/em> = <em>besch\u00fctzen<\/em>, <em>bewahren<\/em>) wiedergegeben wird, macht dies durchaus Sinn. Der Betende bzw. der Priester \u00f6ffnet sich im Moment seiner religi\u00f6sen Handlung und setzt sich dabei allen m\u00f6glichen geistigen Kr\u00e4ften aus. Die <em>Inful<\/em> &#8211; als Zeichen seiner Weihe an die G\u00f6tter und seiner Unverletzlichkeit \u2013 \u00abbewahrt ihn vor dem B\u00f6sen\u00bb, h\u00e4tte also eine Schutzfunktion inne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Inful<\/em> geh\u00f6rte zum Ornat eines Liturgen, war die Insignie eines bestimmten Amtstr\u00e4gers und wurde in sp\u00e4teren Zeiten zur Auszeichnung eines k\u00f6niglichen Ranges.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach alttestamentlicher Tradition wird im Buch Exodus 28,36-38 beschrieben, dass Aaron zur Aus\u00fcbung seiner priesterlichen Funktion nebst den offiziellen Gew\u00e4ndern eine Goldspange an der Turbanartigen Kopfbedeckung angebracht, um die Stirn gelegt und mit violetten B\u00e4ndern am Hinterkopf gebunden werden solle. Auf der Goldspange sollten die Worte \u00ab<em>Heilig dem Herrn<\/em>\u00bb eingraviert sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Inful des Hohepriesters<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Zeit wurde die <em>Inful<\/em> gleichbedeutend mit der \u00ab<em>Mitra<\/em>\u00bb. Wie vom Wort her zu verstehen ist, kommt die Bezeichnung aus dem alten Persien. Heute noch tragen die Parsen solch hohe Kopfbedeckungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u00ab<em>Mitra<\/em>\u00bb wurde ins Griechisch \u00fcbernommen und bedeutet \u00ab<em>Stirnbinde<\/em>\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem 4. Jh. wurde die <em>Mitra<\/em> zur Kopfbedeckung der Bisch\u00f6fe, zun\u00e4chst flach, oft ein Schleierartiges Tuch um die Stirn fixierend, wobei die B\u00e4nderreste, die die Metallspange zusammenhielten, in den Nacken und \u00fcber die Schultern fielen, die sog. \u00ab<em>vittae<\/em>\u00bb (lat. \u00abB\u00e4nder\u00bb). Ab dem 11. Jh. wurde das Tragen der <em>Mitra<\/em> f\u00fcr die Bisch\u00f6fe bei der Ausf\u00fchrung feierlicher kultischer Handlungen f\u00fcr obligatorisch erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisch\u00f6fe mit flacher Mitra<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Zeit, d.h. seit dem 15. Jh., besonders aber in der Epoche von Louis XIV und Louis XV gingen die <em>Mitren<\/em> immer mehr in die H\u00f6he und ver\u00e4nderten ihre Form zu dreieckigen Spitzh\u00fcten. Ein senkrechtes Band sollte zus\u00e4tzlich eine optische Verl\u00e4ngerung bewirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also urspr\u00fcnglich eine simple Wollbinde war (griech. \u00ab<em>diadema<\/em>\u00bb = <em>das<\/em> <em>Umgebundene<\/em>; im heutigen Sprachgebrauch bekannt als <em>Diadem<\/em>), wurde zu einem Schmuckst\u00fcck, mutierte dann \u2013 in Anlehnung an die Phrygische M\u00fctze \u2013 zu einer Kappe, wuchs in die H\u00f6he und stabilisierte sich. So tragen die Bisch\u00f6fe heute im Westen die Mitra f\u00fcr festliche Angelegenheiten und ein bescheidenes K\u00e4ppchen (\u00ab<em>Pileolus<\/em>\u00bb, lat. \u00ab<em>pileus<\/em>\u00bb = <em>Hut<\/em>, <em>M\u00fctze, <\/em>auch<em> \u00abSubmitrale\u00bb <\/em>genannt, welches mit der j\u00fcdischen <em>Kippa<\/em> verwandt ist) f\u00fcr den Alltag; im Osten \u2013 in Anlehnung an die byzantinischen Kaiser \u2013 eine Krone bei Feierlichkeiten und einen hohen Hut f\u00fcr den Alltag (griech. <em>Kalimavkion<\/em> = <em>das Nacken Bedeckende<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Die heute in der Westkirche gebr\u00e4uchliche Mitra besteht eigentlich aus zwei 3-eckigen Schilden (lat. \u00ab<em>cornua<\/em>\u00bb), die im 12. Jh. entstanden. Die Schilde standen anf\u00e4nglich seitlich und wurden mit einem Stirnband um eine niedrige Haube gebunden. Schliesslich wurden sie gedreht, um Stirn- und Nackenseite zu besch\u00fctzen. Die Bord\u00fcre um die Mitra sowie die beiden im Nacken herabh\u00e4ngenden B\u00e4nder erinnern an die ur-spr\u00fcngliche Funktion. Die griechische Bezeichnung <em>Mitra<\/em> stand gleichbedeutend neben dem lateinischen Begriff <em>Infula<\/em>, zu Deutsch <em>Inful<\/em> oder in \u00e4lterer Version <em>Infeln<\/em> oder eben <em>Iffele, <\/em>auch<em> Niffele<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir den Bogen zum Anfang spannen, so wird deutlich, dass die <em>Iffelen<\/em> der verschiedenen Chlausumz\u00fcge \u00fcberdimensionierte <em>Infulen<\/em> bzw. <em>Mitren<\/em> sind, entweder mit geometrischen Mustern oder religi\u00f6sen Motiven versehen. Es handelt sich hierbei um eine gut 100-j\u00e4hrige Volkskunst. Je nach Region unterstehen die <em>Iffelen<\/em>-Gestaltungen klaren Vorgaben. In K\u00fcssnacht soll auf der Stirnseite der Hl. Nikolaus dargestellt sein, auf der Nackenseite ein Kreuz und das Christusmonogramm IHS. In Egerkingen, welches ebenfalls eine grosse Tradition kennt, werden verschiedene Heilige, Wallfahrtskirchen, auch die Seligpreisungen und weitere religi\u00f6se Themen aus dem christlichen Glaubens auf den <em>Iffelen<\/em> repr\u00e4sentiert. Die abstrakten Ornamente orientierten sich anf\u00e4nglich an gotischen Kirchenfenstern; heute werden den K\u00fcnstlern gewisse Freiheiten zugestanden. Die erhellten <em>Iffelen<\/em> sind ein beeindruckendes n\u00e4chtliches Zeugnis der christlichen Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Brun, Dr. theol.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a id=\"wp-block-file--media-f38bd1ef-948f-4d23-9105-0f779a33761c\" href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/07\/CUS_RB-1-2017-bereinigt.pdf\">CUS_RB-1-2017-bereinigt<\/a><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2025\/07\/CUS_RB-1-2017-bereinigt.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-f38bd1ef-948f-4d23-9105-0f779a33761c\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weihnachten in Luzern. Weihnachtsf\u00fchrer 2016 der Stadt Luzern, 90-91.<\/p>\n\n\n\n<p>Nouveau Larousse illustr\u00e9, Paris 1897-1904 (infule\/mitre).<\/p>\n\n\n\n<p>Infula: Dicitonnaire Gaffiot, Latin-Fran\u00e7ais, Paris 1934.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.etimo.it\">www.etimo.it<\/a>; <a href=\"http:\/\/www.treccani.it\">www.treccani.it<\/a>; <a href=\"http:\/\/www.garzantilingistica.it\">www.garzantilingistica.it<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Duden \u2013 Deutsche Rechtschreibung, Mannheim 1996.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitra: GEO Themenlexikon. Bd. 16: Religionen, Mannheim 2007. LThK, Freiburg 1986.<\/p>\n\n\n\n<p>de.wikipedia.org; fr.wiktionary.org; el.wikipedia.org; es.wikipedia.org;<\/p>\n\n\n\n<p>de.pons.com; <a href=\"http:\/\/www.religionfacts.com\/tefillin\">www.religionfacts.com\/tefillin<\/a>;<\/p>\n\n\n\n<p>Herders neues Bibellexikon, Freiburg 2008 (Priester).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibel. Einheits\u00fcbersetzung, Stuttgart 1982.<\/p>\n\n\n\n<p>Spezifische Internet- Artikel zu Nikolaus von Myra, Klausjagen, Iffelen, Inful, Mitra, K\u00f6nigsbinde, Phrygische M\u00fctze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ersten Dezembertage sind erf\u00fcllt von verschiedenen Br\u00e4uchen zu Ehren des Hl. Nikolaus, des Bischofs von Myra, welches in der heutigen T\u00fcrkei liegt. Bei uns bekannt als Samichlaus, ist er allen Kindern eine vertraute Gestalt. Am 6. Dezember, dem Todestag dieses grossen Heiligen und Kinderfreundes aus dem 4. 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