{"id":277,"date":"2018-12-03T14:10:41","date_gmt":"2018-12-03T13:10:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=277"},"modified":"2021-06-03T15:38:57","modified_gmt":"2021-06-03T13:38:57","slug":"in-erwartung-des-gerechten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/in-erwartung-des-gerechten\/","title":{"rendered":"In Erwartung des Gerechten"},"content":{"rendered":"\n<p>Zum Advent geh\u00f6rt das Lied <em>\u201e<strong>Tauet Himmel den Gerechten,<\/strong> Wolken regnet ihn herab\u201c<\/em> (Js 45,8). In diesem Lied aus dem 18. Jh. wird das Harren von Gottes Volk auf das Kommen des Messias beschrieben. Es kn\u00fcpft an eine Verheissung Gottes an, dass die Bedr\u00e4ngten <em>\u201eeinst den Mittler selbst sehen\u201c<\/em> und schliesslich <em>\u201ezum Himmel eingehen\u201c<\/em> werden. Mit diesem <em>Gerechten<\/em> ist niemand Geringerer als der Sohn Gottes gemeint; er wird <em>\u201eLeben, Licht und Gnadenf\u00fclle\u201c<\/em> bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob des Lateinischen kundig oder nicht wird dieses Lied im Advent fr\u00fchmorgens bei Kerzenschein gesungen: <em>\u201eRorate, coeli, desuper, et nubes pluant iustum\u201c.<\/em> Dieser Schrei zum Himmel, dass endlich die <em>\u201eSonne der Gerechtigkeit\u201c<\/em> aufscheinen m\u00f6ge, gab diesen Andachten den Namen \u201eRorate-Gottesdienste\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass durch den <em>Gerechten<\/em> Heil und Gerechtigkeit auf die Erde kommen wird: dies ist eine Zusicherung des alttestamentlichen Gottes. Dabei kann der <em>Gerechte<\/em> als Mittler, Richter, Retter oder Erl\u00f6ser erfahren werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Bibel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im AT finden sich folgende Ansatzpunkte:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gerecht<\/em> ist, wer f\u00fcr Unschuldige eintritt und nicht zul\u00e4sst, dass jemand benachteiligt wird. (Ex 23,6-8)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gerecht<\/em> ist, wer redlich und rechtschaffen ist, und dies Gott und den Mitmenschen gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechtschaffenheit ist eine Forderung Gottes und Inhalt einer Lebensf\u00fchrung, wie sie Gott erwartet und zum Aufbau einer guten Gemeinschaft notwendig ist (Spr 10,24-32). Gott garantiert den Seinen Heil, d.h. denen, die Gott ernst nehmen, und <em>Gerechte<\/em> genannt werden (Js 45,24). Daraus folgt, dass der <em>Gerechte<\/em> sich an die Gebote Gottes h\u00e4lt: Wer die Einzigkeit Gottes anerkennt und die <em>Mizwot<\/em> beachtet, d.h. die 613 im Judentum g\u00fcltigen Vorschriften, gilt als gottesf\u00fcrchtig. Ein solcher Mensch richtet sein ganzes Leben nach den <em>Weisungen<\/em> Gottes aus, indem er die <em>Thora<\/em> befolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das AT sieht f\u00fcr Nicht-Juden nur die sog. <em>Noachidischen Gebote<\/em> vor, basierend auf den Vorgaben Gottes an Noah, welche nur sieben Bestimmungen enthalten (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/1._Buch_Mose\">Gn<\/a> 9,1\u201313). Wer diese Weisungen einh\u00e4lt, wird als <em>Zaddik<\/em> (<em>Gerechter<\/em>) angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Noah \u2013 der Gerechte<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Bibel wird Noah als einer der Ersten als <em>Gerechter<\/em> bezeichnet. Von ihm heisst es, dass er \u201eseinen Weg mit Gott\u201c gegangen sei (Gn 6,9). So hat Gott ihn und seine ganze Familie vor der Sintflut bewahrt und anschliessend mit ihm einen Bund geschlossen. Als Zeichen f\u00fcr diesen Bund zwischen Gott und allen \u201elebenden Wesen\u201c gab Gott den <em>Regenbogen<\/em>, der Himmel und Erde miteinander verbindet (Gn 9,13-17).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/in-erwartung-des-gerechten-2\/\" alt=\"Bildergebnis f\u00fcr regenbogen \u00fcber jerusalem\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb. 1: Regenbogen \u00fcber Jerusalem<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Abraham \u2013 der Gerechte<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abraham wird als erster Mensch dargestellt, der dem Ruf Gottes gefolgt ist und mit Hab und Gut das Land seiner V\u00e4ter zur\u00fcckliess, um \u2013 einzig und allein auf diesen unbekannten, <em>einen<\/em> Gott vertrauend \u2013 in ein Land zu ziehen, welches Gott ihm verheissen hat. Abrahams Handlungen (Gn 14,21-24), besonders im Einsatz um Entrechtete, Fremde und Benachteiligte, gingen aus seinem Glaubensverst\u00e4ndnis hervor und gr\u00fcndeten in einer tiefen Gotteserfahrung. In allem rief er Gott an, der sein st\u00e4ndiger Begleiter war. So wurde Abraham zum Inbegriff des <em>Gerechten<\/em>, auf Grund seiner aus dem Glauben motivierten und praktizierten Gerechtigkeit (Gn 15,6).<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Im Neuen Testament:<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das NT kn\u00fcpft in den Paulus-Briefen bei Abraham an. Er wird als Inbegriff eines <em>Gerechten<\/em> dargestellt. Dabei wird der Glaube als Voraussetzung bezeichnet (Rm 4,2-5), damit die von Gott gewirkte Gerechtigkeit Wirklichkeit werden kann (Rm 3,21-26). Gerecht zu sein h\u00e4ngt also nicht nur von guten Werken ab (Rm 3,27f.). Ferner muss Gerechtigkeit vor Gott und nicht vor den Menschen gelebt (Mt 6,1) und zu selbstloser Liebe gesteigert werden (Mt 5,43-48).<\/p>\n\n\n\n<p>Im NT ist der <em>Gerechte<\/em> der <em>neue<\/em> Mensch, der in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit lebt (Eph 4,24). Dabei soll bei allem Jesus, der Sohn Gottes, der wahrhaft <em>Gerechte<\/em>, Vorbild sein (Rm 4,23f.).<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Gerechter unter den V\u00f6lkern \u2013 Yad Vashem<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Staatsgr\u00fcndung von Israel 1948 wurde der Ehrentitel <em>Gerechter unter den V\u00f6lkern <\/em>nichtj\u00fcdischen Personen zugedacht, welche unter der NS-Herrschaft des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zweiter_Weltkrieg\">Zweiten Weltkriegs<\/a> ihr Leben einsetzten oder sich pers\u00f6nlichen Risiken und Nachteilen aussetzten, um Juden w\u00e4hrend des Holocaust vor der Ermordung zu retten. Quelle ist der <em>Talmud<\/em>, in dem es heisst: \u201eDie Gerechten aus den V\u00f6lkern haben einen Platz in der kommenden Welt\u201c, d.h. im Reich Gottes. So wurde 1953 in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yad_Vashem\"><em>Yad Vashem<\/em><\/a> eine Gedenkabteilung f\u00fcr die <em>Gerechten unter den V\u00f6lkern<\/em> eingerichtet. <em>Yad Vashem<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hebr%C3%A4ische_Sprache\">hebr. <\/a>\u201eDenkmal\u201c und \u201eName\u201c), also etwa mit <em>\u201eDenkmal der Namen\u201c<\/em> zu \u00fcbersetzen, bezieht sich auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jesaja\">Js<\/a> 56,5: \u201eIhnen allen errichte ich in meinem Haus\u2026 ein Denkmal<em>,<\/em> ich gebe ihnen einen Namen<em>\u2026, <\/em>einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/in-erwartung-des-gerechten-2\/\" alt=\"http:\/\/www.pbs.org\/newshour\/extra\/app\/uploads\/2014\/04\/5-15.jpg\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb. 2: Eingang zum Garten mit den Namenstafeln<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Gerechte \u2013 Hanif \u2013 Heilige<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In allen drei monotheistischen Religionen gibt es einen Ausdruck f\u00fcr Menschen, die in einzigartiger Weise ihren Glauben in einen tatkr\u00e4ftigen Wirkungskreis umsetzen und so f\u00fcr die Menschen zu Vorbildern werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Judentum<\/em> wird ein <strong>Gerechter<\/strong>, dessen Handeln und Sein die blosse Gerechtigkeit \u00fcbersteigt, ein <strong>Zaddik<\/strong> genannt. Dies ist ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Religi%C3%B6ser_Titel\">religi\u00f6ser Titel<\/a>, der einen hoch angesehenen, moralisch herausragenden und insofern als heilig erachteten Menschen bezeichnet. Ein <em>Gerechter<\/em> tut mehr, als Gottes Gesetze verlangen. Es ist auch eine Ehrenbezeichnung f\u00fcr einen frommen Juden, der eine besondere Beziehung zu Gott hat. Ein Gerechter wird oft als Ratgeber aufgesucht; manchmal wirkt er auch Wunder.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als<strong> Hanif <\/strong>wird im <em>Islam<\/em> ein Mensch bezeichnet, der Gott ergeben ist (Sure 22,31), der dem einzigen Gott nichts beigesellt, also den richtigen Glauben hat. Insofern folgt er der Religion Abrahams (Sure 2,135; 3,95), welche als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dsch%C4%81hiliyya\">vorislamische<\/a>r <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monotheismus\">Monotheis<\/a>mus bezeichnet wird, jedoch nicht mit Judentum oder Christentum gleichzusetzen ist (Sure 3,67). Mit <em>Hanif<\/em> wird ein <strong>gl\u00e4ubig-frommer<\/strong> Mensch bezeichnet, der seinen Glauben in exemplarischer Weise lebt und praktiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Christentum<\/em> redet man von <strong>Heiligen.<\/strong> Dies sind Menschen, die infolge einer tiefen <strong>Gottesbeziehung<\/strong> ganz vom Glauben durchdrungen sind, so dass sie auch bef\u00e4higt werden k\u00f6nnen, in Gottes Namen Wunder zu wirken. Ihr Leben und Handeln haben Vorbildcharakter. Viele Heilige sind f\u00fcr ihren Glauben gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was einem <strong>Gerechten<\/strong><em>, <\/em><strong>Hanif<\/strong>oder<strong>Heiligen<\/strong><em> gemeinsam<\/em> ist: Sie leben ganz aus dem Glauben, beschr\u00e4nken sich aber nicht darauf, Gottes Weisungen strikt und stur zu befolgen, sondern richten sich in allem nach der menschlichen Bed\u00fcrftigkeit aus, um das Heil der Menschen zu f\u00f6rdern. Einer, der diese Haltung beispielhaft vorgelebt hat, ist Jesus, der <em>Gerechte<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Brun, Dr. theol.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2019\/08\/2019-1.pdf\">Rundbrief 1\/2019<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Advent geh\u00f6rt das Lied \u201eTauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab\u201c (Js 45,8). In diesem Lied aus dem 18. Jh. wird das Harren von Gottes Volk auf das Kommen des Messias beschrieben. Es kn\u00fcpft an eine Verheissung Gottes an, dass die Bedr\u00e4ngten \u201eeinst den Mittler selbst sehen\u201c und schliesslich \u201ezum Himmel eingehen\u201c werden. 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