{"id":42,"date":"2013-01-01T22:18:06","date_gmt":"2013-01-01T21:18:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=42"},"modified":"2021-06-09T13:57:52","modified_gmt":"2021-06-09T11:57:52","slug":"ein-kleines-kind-der-ewige-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/ein-kleines-kind-der-ewige-gott\/","title":{"rendered":"Ein kleines Kind \u2013 der ewige Gott"},"content":{"rendered":"\n<p>Ist Kerubs Wagen, ist Maria Dein Gef\u00e4hrt?<br> Bist Du beim Vater, bist in Josefs Judenland,<br> in Vaters Schosse oder in Mariens Schoss,<br> bei einer ird\u2019schen Mutter, auf kristallnem Thron?<br> Sind Feuerfl\u00fcgel Deine St\u00e4tte, Wind und Sturm,<br> ist es der Arm der jungen Mutter, der Dich tr\u00e4gt?<br> Soll auf des Kerubs Fl\u00fcgel-St\u00fctze ich Dich sehn,<br> ist Sitz des h\u00f6chsten Herrn das Knie der gl\u00e4ub\u2019gen Frau?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hymnen auf die N\u00e4he Gottes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Zitat aus einer Verspredigt auf die Geburt Christi zeigt, dass Jakob von Sarug (syrischer Kirchenlehrer, 6. Jh.) bei seinen Zuh\u00f6rern eine grosse Vertrautheit mit den Texten des Alten und Neuen Testaments voraussetzen konnte: mit den Bildern der prophetischen Visionen und der Psalmen sowie mit den Berichten der Evangelisten. F\u00fcr viele Bibel-entw\u00f6hnte Christen (?) des Abendlandes m\u00fcsste jede Zeile kommentiert werden!<\/p>\n\n\n\n<p>In der syrisch-pal\u00e4stinischen Kirche begegnen wir der urchristlichen Tradition, die nach \u00c4gypten und \u00c4thiopien, nach Armenien und Georgien, nach Byzanz und Rom ausstrahlte. Gerade die grossartigen liturgischen Hymnen des hl. Eph-r\u00e4m (\u00abHarfe des Heiligen Geistes\u00bb, 4. Jh.) beeinflussten die Theologie nachhaltig, denn sie fanden \u00fcberall Nachahmer, in Konstantinopel zum Beispiel Romanos (\u00abder Melode\u00bb, 6. Jh., urspr\u00fcnglich aus Syrien, wie Ephr\u00e4m Diakon und Dichter-Theologe).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"631\" height=\"498\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_XCGeb.SyrerKl.WadiNatrun.07195X.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-676\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_XCGeb.SyrerKl.WadiNatrun.07195X.jpg 631w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_XCGeb.SyrerKl.WadiNatrun.07195X-300x237.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 631px) 100vw, 631px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Fresko im Syrer-Kloster<\/strong>, Wadi Natrun, um 1100<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Ikonographie fr\u00fcher Jahrhunderte ist voll klarer und dichter Aussagen. Eine Wandmalerei im Syrerkloster des \u00e4gyptischen Wadi &nbsp;&nbsp;&nbsp;Natrun zeigt viele Details, die wir aus russischen Ikonen kennen (die aber schon auf einer Elfenbeintafel des 5. Jh. im Vatikanischen Museum zu sehen sind). Dem Kritiker, der meint, die Mutter Jesu wende sich von ihrem Kind ab, ist zu erkl\u00e4ren, dass sie den Betrachter ansieht und als &nbsp;<em>Maria, Geb\u00e4rerin Gottes<\/em> (so lautet die syrisch-aram\u00e4ische Beschriftung auf der roten Kline) auf Christus weist, wie sie es auf den Hodegetria-Ikonen tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Im H\u00f6hlendunkel stehn in derselben Estrangelo-Schrift die Worte des Engelgesangs: <em>Ehre sei Gott in den H\u00f6hen, und auf Erden Friede und gute Hoffnung den Menschen <\/em>(Lk 2,14). Die Magier aus dem Orient, welche als Gelehrte die Gestirne zu deuten versuchen, finden die Wahrheit im Kind in der Krippe, und sie bringen Ihm ihre Gaben: <em>Gold dem K\u00f6nig, Weihrauch dem Sohn Gottes, Myrrhe dem sterblichen Menschen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"635\" height=\"632\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_Flucht.Aeth_.07194X.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-677\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_Flucht.Aeth_.07194X.jpg 635w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_Flucht.Aeth_.07194X-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_Flucht.Aeth_.07194X-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Flucht nach \u00c4gypten<\/strong> (Marienkirche, Tana-See)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als Neugeborener ist Jesus dem Tod geweiht; dies deutet der steinerne Futtertrog an, der einem Schlachtopferaltar gleicht, ebenso die &nbsp;Wickelt\u00fccher, die an die Totenbinden erinnern. Diese vorausschauende Darstellung macht deutlich, wie sich der g\u00f6ttliche Heilsplan erf\u00fcllen sollte: Der Brief an die Hebr\u00e4er legt dar, dass Christus als Hoherpriester des Neuen Bundes sich Selbst als das endg\u00fcltige Opfer dem Vater dargebracht und so f\u00fcr alle Zeiten Erl\u00f6sung bewirkt hat (bes. Kap. 9). Sowohl das Fest der <em>Erscheinung des Herrn<\/em> (am 6. Januar) wie auch das der <em>Geburt Christi dem Fleische nach<\/em> (am 25. Dezember) hat unter diesem Gesichtspunkt eine ernste Note, die jedoch nicht Schrecken und Abwehr erzeugen soll, sondern Staunen, Ehrfurcht und Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flucht nach \u00c4gypten (und \u00c4thiopien, wie die dortigen Christen gern erg\u00e4nzen) zeigt drastisch, \u00abdass der Menschensohn keinen Ort hat, wo Er sein Haupt hinlegen kann\u00bb (Mt 8,20). Gleichzeitig bleibt genug Raum f\u00fcr Vorstellungen beschaulicher Art, die sich etwa in den Darstellungen der heiligen Familie, des besorgten N\u00e4hrvaters Josef und der stillenden Maria niederschlagen. Doch darf es nicht bei einer oberfl\u00e4chlichen Idylle bleiben, die einerseits zum behaglichen Familienfest und andererseits schliesslich zum neuheidnischen Weihnachtsrummel f\u00fchrt. Dieser koppelt sich vom Sinn des Weihnachtsfestes ab, w\u00e4hrend gerade Bilder der <em>Galaktotrophousa <\/em>(der \u00abMilchn\u00e4hrenden\u00bb) die geschichtliche Wirklichkeit und das tiefe Geheimnis der Mensch-werdung Gottes betonen. So sagt Jakob von Sarug in einem andern <em>Memra<\/em> auf die Geburt des Herrn:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Maria hat als Kindlein Dich ans Herz gedr\u00fcckt \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>zu schwach ist jeder Mund f\u00fcr der Geschichte Wort.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dem All-Ern\u00e4hrer gab die Magd geborgte Milch,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Hand, die alle Himmel spannt\u2019, hielt ihre Brust.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Paradoxie und Glaube<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Dichter-Theologen werden nicht m\u00fcde, von biblischen Stellen ausgehend das Wunder der Inkarnation zu meditieren. In einem liturgischen Gesang der Koptischen Kirche klingt der Prolog des Johannes-Evangeliums an (vgl. Jo 1,14):<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Jesus Christus, Gottes Wort, in Fleisch sich h\u00fcllt\u2019,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und Einer von uns ward, da sahn wir Seinen Glanz.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersetzungen k\u00f6nnen nur unzul\u00e4nglich wiedergeben, was Romanos mit dem Aufgebot aller Mittel griechischer Verskunst in seinem Weihnachtskontakion ausgedr\u00fcckt hat. Vor allem besch\u00e4ftigt ihn die Verwirklichung der Paradoxien: dass Gott Mensch wird, dass der Sch\u00f6pfer sich wie ein Gesch\u00f6pf geb\u00e4ren l\u00e4sst, dass \u00abder \u00fcber allen Wesen Seiende\u00bb, der Ewige und Unendliche in die Zeit und die Begrenztheit der Materie kommt, dass eine Jungfrau Mutter wird. Der Gl\u00e4ubige macht deswegen nicht Kurzschluss, sondern denkt wie Maria und Josef \u00fcber alles nach und l\u00e4sst sich aufkl\u00e4ren; er findet diese Paradoxien nicht (mehr) absurd, unglaublich oder verr\u00fcckt, sondern staunenswert und wunderbar. Wieder und wieder umspielt der Melode die Kernw\u00f6rter <em>Geburt, Kind, Stern, Erscheinung, Gott<\/em>, und \u00fcberw\u00e4ltigt von der liebenden Zuwendung und der \u00abGenialit\u00e4t\u00bb von Gottes Heilsplan singt er in der Schlussstrophe, indem er Maria zu ihrem Kind sprechen l\u00e4sst:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Heiland, heile die Welt, die im Unheil versunkene.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Da erschienen Du bist mir und den weisen Reisenden\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und s\u00e4mtlicher Sch\u00f6pfung, so rette das Deine.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Du hast das Licht den Magiern offenbart, Dein Antlitz, das g\u00f6ttliche;\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>sie knien nieder, Gaben, erlesene,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>bringen Dir sie dar, gar sch\u00f6ne, kostbare.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und ihrer werde ich bald bed\u00fcrfen,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>denn nach \u00c4gypten muss ich ziehn, um Deinetwillen fort zu fliehn,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>o mein F\u00fchrer, mein Sohn und Sch\u00f6pfer und mein ganzer Reichtum:\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>ein kleines Kind und vor aller Ewigkeit Gott!<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"521\" height=\"777\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_XCGeb.03403X-1H12Jh.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-679\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_XCGeb.03403X-1H12Jh.jpg 521w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-1-2013_XCGeb.03403X-1H12Jh-201x300.jpg 201w\" sizes=\"(max-width: 521px) 100vw, 521px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Christi Geburt<\/strong> (westl. Buchmalerei, 1. H. 12. Jh.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/08\/cus_rb_2013_1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rundbrief 1\/2013<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hymnen auf die N\u00e4he Gottes<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":680,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions\/680"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}