{"id":489,"date":"2021-01-31T14:45:00","date_gmt":"2021-01-31T13:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=489"},"modified":"2021-07-05T09:59:25","modified_gmt":"2021-07-05T07:59:25","slug":"wehklagen-auch-an-weihnachten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wehklagen-auch-an-weihnachten-2\/","title":{"rendered":"Wehklagen auch an Weihnachten"},"content":{"rendered":"\n<p>Rahel weint um ihre Kinder, oder: Das \u201eFest der unschuldigen Kinder\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Weihnachtsfest ist sch\u00fctzenswert\u2026<\/h2>\n\n\n\n<p>Das \u201eHochfest der Geburt des Herrn\u201c oder \u2013 wie es in den Kirchen des Ostens genannt wird \u2013 das Fest \u201eGeburt unseres Herrn, Gottes und Erl\u00f6sers Jesus Christus dem Fleische nach\u201c gilt hier im Westen als das beliebteste Fest im Kirchenjahr. Mag sein, dass der eigentliche religi\u00f6se Inhalt dieses Festes immer mehr hinter den neueren Bezeichnungen \u201eFest der Liebe\u201c und \u201eFest der Familie\u201c zu verschwinden droht, doch das Bed\u00fcrfnis, auch \u00fcber alle kirchlichen Kreise hinaus an \u201eWeihnachten\u201c festzuhalten, ist ungebrochen. Dies gilt offensichtlich ganz besonders in dieser schwierigen Zeit der Covid-Pandemie, wie die Rede des \u00f6sterreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz vom 14. November anl\u00e4sslich seiner Ank\u00fcndigung und Rechtfertigung eines weiteren Lockdowns zeigt:<br><em>&#8222;Denn nur so k\u00f6nnen wir eine \u00dcberforderung unseres Gesundheitssystems verhindern\u2026 Nur so k\u00f6nnen wir vor allem das Weihnachtsfest retten und trotz der Pandemie diese Zeit, zwar vorsichtig, aber w\u00fcrdig, gemeinsam verbringen.&#8220;<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u2026es ersch\u00f6pft sich aber nicht im famili\u00e4ren Beisammensein\u2026<\/h2>\n\n\n\n<p>Sind Heiligabend und Weihnachtsfeiertag vorbei, f\u00e4llt die \u00fcber Wochen aufgebaute (freudige) Spannung ab und das \u201eFest der Liebe\u201c ist \u2013 f\u00fcr die einen leider, f\u00fcr die anderen gl\u00fccklicherweise \u2013 wieder vor\u00fcber. Dem \u201eFest der Liebe und der Familie\u201c und den damit verbundenen Erwartungen gerecht zu werden, ist nicht leicht, ja f\u00fcr viele geradezu belastend. Wie soll dieses Fest gelingen, wenn im eigenen Leben \u201eLiebe\u201c und \u201eFamilie\u201c mit belastenden Erinnerungen verbunden sind oder schon gar nicht vorkommen? Wer mag da noch genauer hinschauen, welche weiteren (Lebens-)Themen in den Tagen nach dem Weihnachtsfest anklingen? Wird das theologische Anliegen wahrgenommen, die Geburt Jesu nicht allzu leicht auf gef\u00fchlvolle und idyllische Bilder zu reduzieren, sondern sie in einem gr\u00f6sseren heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu sehen? Schon der zweite Weihnachtstag weist in diese Richtung: Die Erinnerung an den ersten M\u00e4rtyrer Stephanus (in der lateinischen Westkirche) oder an die Gottesmutter Maria und den M\u00e4rtyrerbischof Euthymios von Sardes (in den byzantinischen Ostkirchen) deutet unmissverst\u00e4ndlich darauf hin, wie sehr im Leben und im Glauben Freud und Leid, Licht und Dunkel unweigerlich zusammengeh\u00f6ren. Dies klingt schon im weihn\u00e4chtlichen Geschehen selber an: Vom ersten Moment an ist das Leben Jesu bedroht und durch schwierige Umst\u00e4nde gepr\u00e4gt, also weit davon entfernt, in einer heilen, idyllischen Welt aufgehoben zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u2026sondern \u00f6ffnet den Horizont auch f\u00fcr die grossen und schwierigen Themen des Lebens.<\/h2>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens mit dem \u201eFest der unschuldigen Kinder\u201c am 28. (Westkirche) bzw. 29. Dezember (Ostkirche) wird die weihn\u00e4chtliche Idylle gest\u00f6rt: Das Evangelium berichtet, wie K\u00f6nig Herodes in seinem Wahn, das Kind in Betlehem k\u00f6nnte ihm den K\u00f6nigsthron streitig machen, alle Knaben bis zu zwei Jahren in Betlehem und Umgebung t\u00f6ten l\u00e4sst. Und der Evangelist Matth\u00e4us f\u00fcgt an: <em>\u201eDamals erf\u00fcllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: \u201aEin Geschrei war in Rama zu h\u00f6ren, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht tr\u00f6sten lassen, denn sie waren dahin\u2018\u201c<\/em> (Mt 2,16-18; Jer 31,15). \u2013 Rahel, Tochter Labans, war die grosse Liebe Jakobs; zweimal sieben Jahre musste Jakob seinem Onkel Laban dienen und zuerst dessen erste Tochter Lea heiraten, bevor er schliesslich Rahel zur Frau bekam. Rahel blieb lange kinderlos, bis sie ihm doch noch zwei S\u00f6hne gebar: Josef und Benjamin. Damit wurde sie zur Ahnmutter von zweien der zw\u00f6lf St\u00e4mme des Volkes Israel (Gen 29-35); sie starb bei der Geburt ihres J\u00fcngsten und wurde auf dem Weg nach Betlehem begraben. \u2013 Und die Klage Rahels? Jeremia tr\u00f6stet die im babylonischen Exil (586 \u2013 538 v.Chr) lebenden Israeliten und der Herr selbst sieht das Leid der St\u00e4mme Israels; er \u201eh\u00f6rt\u201c geradezu die Klage der Ahnmutter Rahel, die um die Nachfahren ihrer S\u00f6hne trauert und deren Untergang beklagt. Matth\u00e4us setzt das Leiden Israels im Exil in Beziehung zum Leiden des Volkes unter der Herrschaft des Herodes. Und er l\u00e4sst schon jetzt anklingen, welch grausames Schicksal dieses Kind in der Krippe erwarten wird. &#8211; Die Psychotherapeutin A. Thekla K\u00fchnis Hartmann deutet die Thematik noch weiter aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"203\" height=\"268\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-1-2021-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-490\" \/><figcaption>Fresko Kloster San Mark, Su\u0161ica, Skopje, 14. Jh.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Um des EINEN willen wurden in Bethlehem mehrere, ja alle Knaben im ungef\u00e4hren Alter bis zweij\u00e4hrig ermordet. Das fordert heraus, \u00fcber die Relationen zwischen Geopferten und Geretteten nachzudenken, allgemein wie die Kinder von Bethlehem betreffend. Jedes Opfer im Strassenverkehr oder im Krieg und jedes Ungeborene, das in der \u201aAbw\u00e4gung der G\u00fcter\u2018 \u2013 als w\u00e4re der Mensch eine Sache \u2013 nicht leben darf, ist ein Toter zu viel. Unser menschlicher Gerechtigkeitssinn aber wird noch mehr schockiert, wenn wir ihn auf Gottes Pl\u00e4ne \u00fcbertragen, wenn Opfer und Gewinn in einem so offensichtlichen Missverh\u00e4ltnis stehen und wir einer solchen Ungerechtigkeit ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcberstehen, wie es der Kindermord war. Wir b\u00e4umen uns auf wie Rahel. Rahel, das heisst Mutterschaft, l\u00e4sst uns an Fruchtbarkeit denken. Ihre Kinder, die Kinder Israels, wurden wie L\u00e4mmer zur Schlachtbank gef\u00fchrt, geopfert um des <\/em><strong>einen<\/strong><em> Lammes willen. Dieses sollte durch den Tod der vielen vor dem Zugriff des Herodes gerettet werden, damit es \u2013 wenn seine Zeit erf\u00fcllt sein wird \u2013 sich selbst als Lamm freiwillig darbringen k\u00f6nne. Nur diese ganzheitliche Sicht gibt Sinn, da das Leben des <\/em><strong>einen<\/strong><em> Kindes schliesslich dem Heil der <\/em><strong>gesamten<\/strong><em> Sch\u00f6pfung und somit auch den ermordeten Kindern von Bethlehem galt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Rahel vertritt alle M\u00fctter und alles M\u00fctterliche in jedem Menschen, die um ermordete Kinder, um verlorenes, zerst\u00f6rtes Leben \u2013 leibliches wie seelisches \u2013 weinen. Wir kennen wohl alle Trauer um Verluste echter Lebensm\u00f6glichkeiten; manche rieben sich tot an uns gesetzten Einschr\u00e4nkungen; manchen gestanden wir den n\u00f6tigen Lebensraum nicht zu. Wer denkt aber nicht auch \u00fcber sein pers\u00f6nliches Schicksal hinaus an all die unz\u00e4hligen M\u00fctter und V\u00e4ter aller Zeiten, die ihre realen Kinder wie ihre geistigen Lebensm\u00f6glichkeiten durch Hunger, Krankheit und Katastrophen, durch Krieg und menschliche Destruktion verloren haben? Wie aktuell bleien Rahels und unsere Klagen leider noch immer\u2026\u201c<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie aktuell muten diese Worte in der heutigen Corona-Zeit an, gerade in der Weihnachtszeit, in der das Bed\u00fcrfnis nach Gemeinschaft, nach einem \u201eheilen Leben\u201c, nach Gerechtigkeit und Frieden besonders sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihrer tiefenpsychologischen Betrachtung des Textes von der Ermordung der Kinder von Bethlehem und in der entsprechenden Deutung der dazugeh\u00f6rigen Ikone (Fresko im Kloster San Mark) f\u00fchrt A. Thekla K\u00fchnis Hartmann den Leser und Betrachter in die Tiefen der eigenen Seele. So kann Rahels Klage um die toten Kinder, ihre Trauer, ihre Verzweiflung zu einem inneren Bild werden, &#8211; zu einem Bild oder Symbol f\u00fcr den eigenen pers\u00f6nlichen Schmerz \u00fcber nicht gelebtes Leben, \u00fcber zerst\u00f6rte Hoffnungen, \u00fcber erlittenes Unrecht. Die Klage, der Schmerz ist aber keineswegs Zeichen einer abgr\u00fcndigen Hoffnungslosigkeit, denn: <em>\u201eIndem Rahel trauern kann, bleibt sie wandlungsf\u00e4hig. Tr\u00e4nen bringen oft seelische Erstarrung wieder in Fluss; sie k\u00f6nnen befreien, entspannen und wirken wie das Lebenswasser in den M\u00e4rchen.\u201c<\/em><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>\u2013 Selbst in gr\u00f6sster Dunkelheit, in Leid und Not, kann der Samen f\u00fcr eine wunderbare Wandlung liegen; auch dies ist die Botschaft von Weihnachten, jenseits jeder oberfl\u00e4chlichen Idylle. Darauf kann uns dieses \u201eFest der unschuldigen Kinder\u201c aufmerksam machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bl\u00e4ttler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>[1] Rahel weint um ihre Kinder, Trauer \u00fcber ungelebtes Leben, S. 91-92 in: A. Thekla K\u00fchnis Hartmann, Heilung unter dem Schatten. Heilungen auf Ikonen \u2013 Heilung durch Ikonen, Verlag Fluhegg 2011<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> K\u00fchnis Hartmann, S. 94<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rahel weint um ihre Kinder, oder: Das \u201eFest der unschuldigen Kinder\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=489"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":493,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489\/revisions\/493"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}