{"id":500,"date":"2020-01-31T15:06:00","date_gmt":"2020-01-31T14:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=500"},"modified":"2021-07-05T10:05:32","modified_gmt":"2021-07-05T08:05:32","slug":"begegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/begegnung\/","title":{"rendered":"Begegnung"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein weihn\u00e4chtliches Motiv im Leben und im Glauben<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir leben von Begegnungen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand lebt sich selber (R\u00f6mer 14,7), abgeschlossen, im Vakuum, v\u00f6llig losgel\u00f6st von mitmenschlichen Beziehungen und Begegnungen. Selbst der W\u00fcstenvater beispielsweise oder \u2013 was es auch gab \u2013 die W\u00fcstenmutter der fr\u00fchen Kirche lebte zwar allein, abgeschieden, zur\u00fcckgezogen, aber niemals beziehungslos. Die regelm\u00e4ssige Begegnung mit den Mitbr\u00fcdern oder Mitschwestern und der Kontakt zu den vielen ratsuchenden Menschen geh\u00f6rte selbstverst\u00e4ndlich zu diesem Leben in Abgeschiedenheit dazu. \u00dcber allem aber stand \u2013 und steht bis heute \u2013 nicht die Suche nach der Einsamkeit um ihrer selbst willen oder um der \u00abb\u00f6sen\u00bb Welt zu entfliehen, sondern die Suche nach echter Begegnung: Begegnung und lebendige Beziehung mit und zu Gott, einerseits erfahrbar in der Stille der Einsamkeit und damit in der intensiven, unausweichlichen Begegnung mit sich selbst, mit all den Tiefen und Abgr\u00fcnden im eigenen Herzen, anderseits erfahrbar in den vielf\u00e4ltigen und keineswegs nur harmonischen Begegnungen mit den Mitbr\u00fcdern, den Mitschwestern und den vielen Suchenden, die in ihren pers\u00f6nlichen N\u00f6ten Rat und Hilfe bei den V\u00e4tern und M\u00fctter der W\u00fcste suchten und suchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo solche Begegnung gelingt, kommt etwas in Bewegung<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon schreibt die Psychologin und Psychotherapeutin Anna Thekla K\u00fchnis Hartmann (1942-2016) einleitend zu ihrem Buch: \u00abBegegnung bewegt\u00bb<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>: \u00abZu seinem vollen Menschsein bedarf der Einzelne des Mitmenschen, der Umwelt, der Begegnung mit Anderen und Anderem. Begegnung impliziert Bewegung auf ein Gegen\u00fcber hin oder umgekehrt. Im Anderen, im Du erkennen wir Gemeinsames und Unterschiedliches. Wir brauchen das gleichgerichtete Mit-sein wie das Gegen\u00fcber, die Best\u00e4tigung wie die Konfrontation.\u00bb<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Dabei beschr\u00e4nkt sich A. Th. K\u00fchnis Hartmann keineswegs auf mitmenschliche Begegnungen. Auch die Begegnung mit einem inspirierenden Buch oder einem faszinierenden Bild kann etwas im eigenen Leben in Bewegung bringen. Verborgen Schlummerndes erwacht, bekommt auf einmal Raum und Ausdrucksform, kann sich entfalten und das Leben bereichern, vielleicht gar erst so richtig zum Bl\u00fchen bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ikonen sind eine Einladung zur Begegnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von solchen Begegnungen geben die Ikonen der ostkirchlichen Tradition ein lebendiges Zeugnis. Zum einen \u2013 so K\u00fchnis Hartmann \u2013 sind es die vielf\u00e4ltigen Motive ikonographischer Darstellung, die mitten hineinf\u00fchren in das Geheimnis tiefer Begegnung mit Gott, dem N\u00e4chsten\/der N\u00e4chsten und sich selbst. Zum andern aber ist es auch die Begegnung des Betrachters\/der Betrachterin mit der betrachteten Ikone, die sich nicht in einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Dargestellten ersch\u00f6pft, sondern vielmehr die Tiefenschichten des Betrachters\/der Betrachterin dermassen anspricht, dass etwas in ihm\/ihr auf schon fast geheimnisvolle Weise ausgel\u00f6st wird und in Bewegung kommt. Der Grund, weshalb Ikonen so stark auf ihre Betrachter wirken, d\u00fcrfte in ihrer N\u00e4he zu jenem Ph\u00e4nomen liegen, das der Schweizer Psychiater und Begr\u00fcnder der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung (1875-1961) die \u00abArchetypen\u00bb nannte, also jene Erfahrungen, Bilder, Symbole, ja auch Emotionen, die sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte tief in der menschlichen Psyche eingeschrieben haben und daher \u00fcber alle Zeiten und Kulturen hinweg wirksam bleiben. So kann K\u00fchnis Hartmann schreiben: \u00abIkonen, die Bilder der Ostkirche, haben f\u00fcr diejenigen, die ihnen mit offenem Sinn und Geist begegnen, solch anstossende, bewegende Wirkung. Von \u00e4hnlicher symbolkr\u00e4ftiger Bildhaftigkeit sind \u00fcbrigens auch die orthodoxen liturgischen Texte, die Hymnen. Die Wirkung beider beruht auf der Tatsache, dass es sich um archetypische Bilder handelt. Die Ostkirche versteht sie als von einer unsichtbaren transzendenten Wirklichkeit gepr\u00e4gte Abbilder. Als solche zeugen sie von Lebensstrukturen, die allem Geschaffenen immanent sind und die zu jeder Zeit G\u00fcltigkeit haben. Es sind Lebensmuster, in die wir eingebettet sind.\u00bb<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"448\" height=\"632\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-1-2020_Weisen-auf-dem-Weg-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-501\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-1-2020_Weisen-auf-dem-Weg-2.jpg 448w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-1-2020_Weisen-auf-dem-Weg-2-213x300.jpg 213w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die Weisen \u2013 Wagnis des Aufbruchs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unter all den weihn\u00e4chtlichen ikonographischen Motiven greift K\u00fchnis Hartmann das Beispiel der drei Weisen heraus (vgl. Bild<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>), um die Tiefenschichten dieser biblischen Erz\u00e4hlung in ihrer bildhaften Darstellung auszuloten. Darin spielen nebst den Weisen, dem Engel und dem Stern selbst die Pferde eine zentrale Rolle in der Deutung der Darstellung. Diese edlen und kraftvollen Tiere und Wegbegleiter des Menschen haben in einer umfassenden Betrachtung der Ikone ihre ganz eigene und fast schon zentrale Bedeutung. Allein die marginal scheinende Beobachtung, dass nicht alle Hufe der Pferde auf dem Boden stehen, sondern gewissermassen \u00fcber den Rahmen hinausweisen, mag den Betrachter\/die Betrachterin darauf hinweisen, dass sich das hier Dargestellte nicht eingegrenzt und in einen engen Rahmen gepresst werden kann. Was sich hier abspielt, \u00abhat Bedeutung und Wirkung \u00fcber Raum und Zeit hinweg\u00bb (K\u00fchnis Hartmann). Zusammenfassend: \u00abAus symbo-lischer Sicht verk\u00f6rpern Pferde animalische Triebst\u00e4rke und tragende, bewegende Lebenskr\u00e4fte von grosser Instinktsicherheit, die in manchen Belangen der menschlichen Vernunft \u00fcberlegen sind. In der Regel lenkt der Reiter sein Pferd. Wenn er in der optimalen Beziehung zu seinem Tier dessen Charakter und Eigenarten Rechnung tr\u00e4gt, erbringt das Pferd seinerseits die verl\u00e4sslichsten Leistungen. In extremen Situationen kann, ja muss der Mensch ihm gelegentlich die Z\u00fcgel frei geben und seiner Instinktsicherheit vertrauen. Es findet z.B. in den Stall zur\u00fcck, wenn der Reiter die Orientierung verloren hat. Einem solchen Verzicht auf die F\u00fchrungsfunktion entsprechen Lebenssituatio-nen, die wir mit den uns zug\u00e4nglichen Entscheidungskriterien nicht mehr zu durch-schauen und zu bew\u00e4ltigen verm\u00f6gen. Unsere Einsichten und unsere Logik stossen an Grenzen oder werden durchkreuzt. Das sind Lebenslagen, die oft mehr instinktiv und aus der Beziehung zum Unbewussten ausgetragen und durchgehalten werden k\u00f6nnen, als mit Logik und Wissen. Zu sp\u00fcren, wann und in welcher Form wir unsere Ich-Pl\u00e4ne und Ich-Ziele aufgeben sollten, wann wir die \u201aZ\u00fcgel aus den H\u00e4nden geben m\u00fcssen\u2018, ist jedoch nicht immer leicht\u2026Die Beziehung zwischen Ross und Reiter kann\u2026Sinnbild werden f\u00fcr die Ich-Selbst-Beziehung. Die Magier haben \u00c4hnliches erfahren und sind auf die innere Weisung eingegangen.\u00bb<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> &#8211; Die Begegnung mit der biblischen Erz\u00e4hlung der Weisen und ihrer ikonographischen Darstellung kann tief gehen und einiges in Bewegung bringen. So wird die altbekannte Erz\u00e4hlung der Weisen zu einer erneuten Chance, sich im H\u00f6ren des Wortes Gottes und im Betrachten des Bildes tief ber\u00fchren und bewegen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bl\u00e4ttler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> A. Thekla K\u00fchnis Hartmann, Begegnung bewegt. Begegnungen von Menschen auf Ikonen, Begegnungen von Menschen mit Ikonen, Verlag Fluhegg, 2007<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> K\u00fchnis Hartmann, S. 7<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> K\u00fchnis Hartmann, S. 8<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Fresko auf der S\u00fcdfassade der Klosterkirche von Humor in Rum\u00e4nien, K\u00fchnis Hartmann, S. 77<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> K\u00fchnis Hartmann, S. 79-80<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weihn\u00e4chtliches Motiv im Leben und im Glauben<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/500"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=500"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/500\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":502,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/500\/revisions\/502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}