{"id":507,"date":"2020-08-31T15:14:00","date_gmt":"2020-08-31T13:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=507"},"modified":"2021-07-05T10:03:53","modified_gmt":"2021-07-05T08:03:53","slug":"die-unbekannten-assyrer-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/die-unbekannten-assyrer-i\/","title":{"rendered":"Die UNBEKANNTEN ASSYRER (I)"},"content":{"rendered":"\n<p>K\u00fcrzlich besuchte ich assyrische Eheleute, die seit Jahrzehnten im schweizerischen Exil leben und inzwischen auch Schweizer B\u00fcrger geworden sind. Sie erz\u00e4hlten von den Schikanen, denen \u00abt\u00fcrkische\u00bb Christen in Ostanatolien unterworfen sind. Kinder m\u00fcssen den islamischen Religionsunterricht besuchen, die Familiennamen werden durch t\u00fcrkische ersetzt, im Milit\u00e4rdienst wurde \u0160em\u201bun, der zu seinem christlichen Namen stand (es ist der des Apostels Petrus), st\u00e4ndig geschlagen und aufgefordert, zum Islam \u00fcberzutreten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Assyrer<\/em> sind heutzutage weitgehend ein unbekanntes, ja sogar ein vergessenes Volk. Wenn \u00fcberhaupt, hat man aus dem Geschichts- und Religionsunterricht noch eine vage Erinnerung an die kriegerischen Semitenst\u00e4mme von Assur im n\u00f6rdlichen und die von Babel im s\u00fcdlichen Zweistromland. Beide \u00aberbten\u00bb grosse Kulturg\u00fcter von den Sumerern, den genialen Erfindern der Keilschrift (im 4. Jahrtausend v. C.!). Assyrien erlebte seine beste Zeit \u2013 mit wirtschaftlicher und politischer Machtausdehnung \u2013 zwischen 900 und 600 v.&nbsp;C., danach hatte Babylonien seine Hochbl\u00fcte: K\u00f6nig Nebukadnezar eroberte Ninive im Norden und Jerusalem im Westen, was zur \u00abBabylonischen Gefangenschaft\u00bb der Juden von 586 bis 538 f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"578\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-2-1024x578.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-508\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-2-1024x578.jpg 1024w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-2-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-2-768x433.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-2-1536x866.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-2-2048x1155.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die Kirche des Ostens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachkommen jener heidnischen Assyrer sind die Christen im n\u00f6rdlichen Mesopotamien: im Nordosten des heutigen Staates Syrien, im benachbarten S\u00fcdosten der T\u00fcrkei \u2013 dort vor allem im Tur Abdin (\u00abBerg der Diener [Gottes]\u00bb) \u2013, im Norden des Irak und im Westen des Iran.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist in dieser Region eine der ersten Kirchen entstanden? Historische Quellen belegen, dass schon im 2.&nbsp;Jh. jenseits des Euphrat christliche Gemeinden bestanden. Nach apokryphen Berichten, die sich auf die Weisen aus dem Morgenland (Mt 2,1-12) und auf das Sprachenwunder an Pfingsten (Apg 2,8-11) berufen, gelangten Nachrichten von Geburt und Lehre, Leiden und Auferstehung des Gottessohnes schon im 1.&nbsp;Jh., ja sogar zu Lebzeiten Jesu nach Mesopotamien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00e4rtyrerkirche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00e4nder des \u00abFruchtbaren Halbmonds\u00bb erleben seit Jahrtausenden politische und soziale Umbr\u00fcche; lange Zeit bildete der Euphrat die Grenze zwischen dem Imperium von Rom (bzw. Konstantinopel) und dem persischen Grossreich der Sassaniden (Neupersisches Reich, 3. \u2013 7.&nbsp;Jh.). Um dem Herrscher nicht noch mehr Argumente f\u00fcr grausame Verfolgungen zu liefern, durften sich die Christen nicht mit der westlichen Kirche (zu der Byzanz geh\u00f6rt!) solidarisieren. Sie organisierten sich als <em>Assyrische Kirche des Ostens<\/em> unter einem eigenen Oberhaupt, dem Katholikos-Patriarchen von Seleukeia-Ktesiphon (Doppelstadt am Tigris, unweit des heutigen Bagdad).<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Perser Nisibis 363 eroberten, musste <em>Ephr\u00e4m der Syrer<\/em>, der heilige Diakon und Asket, der bedeutende Dichter-Theologe, mit einem grossen Teil der Bev\u00f6lkerung seine Heimat verlassen und die be-r\u00fchmte \u00abSchule der Perser\u00bb in Edessa weiterf\u00fchren. Seine \u00abNisibenischen Hymnen\u00bb sind ein bewegendes Zeugnis der politischen und theologischen Konflikte, die er erlebt hat. Er hat gewaltige Werke in Prosa und Poesie hinterlassen, die dem vielfach verkopften und verweltlichten Christentum biblisches Wissen und christliche Spiritualit\u00e4t auf wohltuende Weise nahebringen kann. Hier sei nur eine von vielen hundert Stanzen aus den 87 \u00abHymnen \u00fcber den Glauben\u00bb zitiert (84,1)<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jener Sch\u00e4cher fand den Glauben, dieser fand ihn,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>hob ihn hoch zum Paradiese. <\/em>(Lk 23,42f.)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jener schaut am Baum des Lebens <\/em>(= am Kreuz)<\/p>\n\n\n\n<p><em>so die Frucht und kostet sie an Adams Stelle.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Anspielung auf Gen 3,22)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie einige R\u00f6mische Kaiser der ersten drei Jahrhunderte haben persische Herrscher die Christen als angebliche Staatsfeinde auszurotten versucht, wobei unbeschreiblich grausame Foltern angewandt wurden. 640 eroberten die muslimischen Araber Nisibis, womit der Islam und die arabische Sprache vorherrschend wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stirbt das aram\u00e4ische Christentum aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Assyrer blieben trotz wiederholten Massakern ihrem <em>Glauben<\/em> und der aram\u00e4ischen <em>Sprache<\/em> treu, auch als im 13. Jh. Turkv\u00f6lker ins Land eindrangen, das 1515 zum Osmanischen Reich geschlagen wurde. Nun aber wurden Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung der Christen noch schlimmer. W\u00e4hrend des I. Weltkriegs kam es zum systematischen Genozid der Assyrer wie der Armenier, und seither wiederholen sich Pogrome und Morde, Verw\u00fcstung und Vertreibung. Die Mandatsm\u00e4chte (Frankreich und Grossbritannien im Namen des V\u00f6lkerbunds) haben es nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vers\u00e4umt, f\u00fcr dieses Volk einen eigenen Staat einzurichten; der Vertrag von Lausanne (1923) hat ihm nicht einmal Minder-heitenrechte zuerkannt! (Den europ\u00e4ischen Staaten war es damals wichtiger, noch mehr Kolonien f\u00fcr sich zu gewinnen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Stolz k\u00f6nnen diese Urchristen darauf hinweisen, dass ihre Liturgiesprache das Syrisch-Aram\u00e4ische ist, also verwandt mit Jesu Muttersprache \u2013 w\u00e4hrend Jahrhunderten Verkehrssprache von \u00c4gypten bis Indien&nbsp;\u2013 und dass ihr neuaram\u00e4ischer Dialekt nach dem Griechischen und Chinesischen das \u00e4lteste noch lebendige Idiom der Welt ist. Gleichzeitig aber stellen sie fest, dass ihre Sprache wohl dem Untergang geweiht ist, denn sie kann in der T\u00fcrkei nur heimlich gelehrt werden. Oft stellen desinformierte und fanatisierte Muslime christliche Familien vor die Alternative: Konversion, Auswanderung oder Tod.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"539\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-1-1024x539.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-509\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-1-1024x539.jpg 1024w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-1-300x158.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-1-768x404.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-1-1536x808.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-4-2020_Assyrer-1-2048x1077.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die zerrissene assyrische Flagge in der versch\u00fctteten Hand und die zerst\u00f6rten Mauern in verw\u00fcsteter Landschaft auf einem Bild im Wohnzimmer unseres Freundes zeigt die Trauer dieses Volkes, dem die Heimat genommen wird und das im Exil mit seiner Sprache ein St\u00fcck seiner Identit\u00e4t verliert. Damit diese nicht ganz verschwindet, halten die Assyrer auch in der Diaspora ihrem Glauben die Treue.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser Zuversicht und vom \u00dcberleben einer Hochkultur erfahren wir einiges im n\u00e4chsten Rundbrief.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Illustrationen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1) Kartenskizze: Nahost\/ Assyrien<\/p>\n\n\n\n<p>2) Bild: Sterbendes Assyrien<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Ausg. E. Beck, <em>Des heiligen Ephraem des Syrers Hymnen de Fide<\/em> (CSCO 154\/155; Scriptores Syri 73\/74) 1955. \u2013 Die \u00dcbs. hier im Versmass des syrischen Originals, JPD.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich besuchte ich assyrische Eheleute, die seit Jahrzehnten im schweizerischen Exil leben und inzwischen auch Schweizer B\u00fcrger geworden sind. 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