{"id":518,"date":"2019-04-30T15:31:00","date_gmt":"2019-04-30T13:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=518"},"modified":"2021-07-05T10:11:04","modified_gmt":"2021-07-05T08:11:04","slug":"glaube-aus-dem-herzen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/glaube-aus-dem-herzen-2\/","title":{"rendered":"Glaube aus dem Herzen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Wesentliche bleibt der Vernunft verborgen<\/h2>\n\n\n\n<p>Es gibt unendlich viel zu analysieren, zu diskutieren, zu lamentieren, auch in der Kirche. Probleme gibt es tats\u00e4chlich mehr als genug; so ist es schon mal gut, dass \u00fcber so viele Missst\u00e4nde in der Kirche wie z.B.&nbsp; \u00fcber die Missbrauchsf\u00e4lle, \u00fcber Machtmissbrauch, \u00fcber mangelnde Glaubw\u00fcrdigkeit der kirchlichen Mitarbeiter\/innen, \u00fcber Vertrauensverlust usw. nicht mehr einfach geschwiegen, sondern offen gesprochen wird. Es ist gut, sich den dunkeln Seiten zu stellen und Licht in diese Dunkelheit zu bringen, damit sich grundlegend und heilsam etwas \u00e4ndern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer anderen Ebene sind die theologischen Diskussionen, die sich an Glaubensinhalten, an moralisch-ethischen \u00dcberzeugungen oder auch an Traditionen und \u00dcberlieferungen des konkreten Glaubensvollzuges entz\u00fcnden. Da w\u00e4re es sicherlich immer mal wieder angebracht, innezuhalten und auch das Herz mit ins Spiel all der Erw\u00e4gungen einzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der belgische Autor und Journalist Freddy Derwahl (geb. 1946), der von sich selber sagt: <em>\u201eIch bin kein \u00fcberzeugter, sondern ein suchender Christ. Als Autor stehe ich dabei immer im Konflikt zwischen Gef\u00e4hrdung und Gnade. Das ist riskant. Als Journalist sehe ich diese Wegwerf- und Endzeit-Gesellschaft mit dem kritischen Blick f\u00fcr bleibende Werte und demokratische Kultur,\u201c <\/em>geht der Bedeutung des Herzens im Glauben nach.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>Als suchender Christ hat Derwahl mehrmals die orthodoxe M\u00f6nchsrepublik auf dem Heiligen Berg Athos besucht und auf ber\u00fchrende Weise \u00fcber seine Erfahrungen geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Buch \u201eDie Athosreise\u201c (1996) tr\u00e4gt eines der Kapitel den Titel: <em>\u201eDas Herz des Vaters Nikolaos\u201c;<\/em> darin schildert er die Begegnung mit dem weisen M\u00f6nch Nikolaos, die ihn doch nachhaltig gepr\u00e4gt zu haben scheint. Derwahl schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Warum soll ich es leugnen, dass ich seine N\u00e4he suchte? Seit Stunden schafft er in den Beeten des Klosterhofes unter den riesigen Zypressen. Ein emsiges Kommen und Gehen von den Rosen zu den L\u00f6wenm\u00e4ulchen, ein B\u00fccken und Stehen, ein Hegen und Pflegen mit Harke und Giesskanne. Manchmal f\u00fchrt er nachdenklich die braunen Finger in den krausen Bart, und ein ver-schwiegenes Grinsen verr\u00e4t, was ihm wieder einfiel; er vergass die rosa Tulpe dr\u00fcben, und schon gilt ihr seine ganze Hingabe\u2026 So geht es in schwebender Gelassenheit ununterbrochen hin und her.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Als er dann n\u00e4her tritt und den Schlauch spr\u00fchend \u00fcber seine kleine Licht- und Schattenherrlichkeit h\u00e4lt, sehe ich zum ersten Mal seine Stirn. Harmonisch geschwungene Falten, die in der Mitte ein tiefer Einschnitt trennt, ein Meisterwerk symmetrischer Gewaltenteilung zwischen G\u00fcte und Weisheit, deren fein gesponnenes Netz alle menschlichen H\u00f6hen und Tiefen tr\u00e4gt; sie haben sich ganz in ihm eingezeichnet, eingeritzt. Es ist auch ein Schriftzug des Leidens darin, mehr noch, diese Linien haben sich zu einer Geometrie des Mitleidens verformt, sind hindurchgegangen von der langen Pr\u00fcfung zur Kompassion, zur Kunst universalen Mitempfindens. Dann g\u00f6nnt er sich endlich einen kleinen spitzb\u00fcbischen Blick auf den Titel meines Buches \u201aGlaube aus dem Herzen\u2018, eine Einf\u00fchrung in das Wesen der Orthodoxie, und die ganze Sorgenlandschaft dieses g\u00fctigen Vatergesichtes wandelt sich zu einem strahlenden L\u00e4cheln: \u201a<strong>Ja, das Herz\u2018,<\/strong> so beugt er sich zu mir, <strong>\u201adas Herz ist der entscheidende Ort\u2018<\/strong><\/em><strong>.<\/strong><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das Stichwort \u201eHerz\u201c f\u00fchrt nat\u00fcrlich sogleich zum ganz grossen Thema auf dem Athos, zum \u201eHerzensgebet\u201c und dessen Entstehung und zu den grossen theologischen Auseinander-setzungen in der Bewertung und Einordnung dieser Gebetsform. So bewegt also die Geschichte des \u201eHerzensgebetes\u201c auch war<em>, \u201eVater Nikolaos hat f\u00fcr die kirchengeschichtliche Chronik dieser alten Kontroverse nur die Bezeichnung \u201aStroh\u201c \u00fcbrig. Und f\u00fcr die modische Wiederentdeckung des Hesychasmus als Streugut der fern\u00f6stlich gestylten Hippiekultur die Bekr\u00e4ftigung \u201anoch mehr Stroh\u2018.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er sagt das nicht in weltfremdem \u00dcbermut, sondern vielmehr mit einem leisen Bedauern, dass man so elementare Dinge des Herzens zerreden k\u00f6nnte. Auch verweist er darauf, dass dieses Gebet der Herzensstille zwar auf dem Athos zu einer grossen Bl\u00fcte gekommen sei und bis zum heutigen Tag in der Verborgenheit weiterbl\u00fche, doch handle es sich dabei nicht, wie im Westen vermutet, um eine Methode und auch nicht um eine Psychotechnik, sondern um dein Ideal, das bereits von den W\u00fcstenv\u00e4tern erstrebt wurde und schliesslich von dem Mystiker Symeon, dem Neuen Theologen um die Jahrtausendwende, als die Schau des \u201aunzug\u00e4nglichen Lichtes Gottes\u2018 umschrieben wurde. [\u2026] F\u00fcr diese Schau des Lichtes, \u201ain das Christus auf dem Berg Tabor geh\u00fcllt war\u2018, gibt es in der V\u00e4tertradition eine F\u00fclle von Be-zeichnungen, allesamt Crescendo-Versuche, dem \u201aUnnennbaren\u2018 einen Namen zu geben: Weg der Erkenntnis; Anbetung, die alle R\u00e4ume \u00fcbersteigt; Wachsamkeit des Geistes; das Werk der zuk\u00fcnftigen Zeit; die himmlische Lebensart; das Land der Lebendigen; das geheimnisvolle Schauen; das in Christus verborgene Leben; die \u00fcberhelle Dunkelheit\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201aSehen Sie\u2018 sagt Vater Nikolaos mit einem bek\u00fcmmerten L\u00e4cheln, \u201adas ist kein Theologenstreit mehr, hier wird ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen dem \u00f6stlichen und dem westlichen Denken ber\u00fchrt, es geht um das Mysterium, und das ist der Kernpunkt unseres Glaubens. Erbs\u00fcnde, Dreifaltigkeit, Eucharistie, Kreuzestod, Auferstehung lassen sich nicht vor das Tribunal menschlicher Vernunft zerren, sie unterliegen auch keiner Mehrheits-entscheidung\u2026\u2018<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Meine hilflose Frage, was man denn machen kann, beantwortet er nur mit einer schweigenden \u00d6ffnung seiner G\u00e4rtnerh\u00e4nde, und die Ritzen und F\u00e4ltchen seiner Stirn formen sich zu einem gotischen R\u00e4tselbild. \u201aDer Weg ist ebenso geheimnisvoll wie sein Ziel\u2018, sagt er schliesslich ganz leise, \u201aer f\u00fchrt \u00fcber Abgr\u00fcnde und durch die H\u00f6lle, er kann Jahre dauern und bedeutet Kampf mit einem unerbittlichen Feind. Der Weg heisst Demut und das Ziel Jesus\u2018.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann schl\u00e4gt er mir mit der flachen Hand zweimal auf die Knie und geht zu seinen Beeten zur\u00fcck\u2026. Jeder einzelnen Blume gilt seine liebevolle Aufmerksamkeit. Als er schliesslich \u00fcber all diese Pracht den Schlauch h\u00e4lt und mit dem Daumen munter das Spiel des Wassers reguliert, leuchtet um seine hagere Gestalt das bunte Licht der Regenbogen.\u201c<a href=\"#_ftn3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"577\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1-577x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-519\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1-577x1024.jpg 577w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1-169x300.jpg 169w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1-768x1363.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1-865x1536.jpg 865w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1-1154x2048.jpg 1154w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/CUS_RB-2-2019_91ANZGCzCNL-1.jpg 1442w\" sizes=\"(max-width: 577px) 100vw, 577px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein ber\u00fchrendes Buch, das auch die Schattenseiten einer M\u00f6nchsrepublik nicht \u00fcbergeht und ausblendet, das aber doch das Herz aufgehen l\u00e4sst ob all den Erfahrungen mit Menschen, deren Glaube ganz aus dem Herzen kommt und zu Herzen geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bl\u00e4ttler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<p>Verlag Pattloch, Augsburg<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN-10: 3629006884:<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN-13: 978-3629006882<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Freddy Derwahl, Die Athosreise, Pattloch 1996, Klappentext<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Die Athosreise, S. 101-102<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Die Athosreise, S. 104<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt unendlich viel zu analysieren, zu diskutieren, zu lamentieren, auch in der Kirche. 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