{"id":521,"date":"2019-05-31T15:33:00","date_gmt":"2019-05-31T13:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=521"},"modified":"2021-05-31T15:36:39","modified_gmt":"2021-05-31T13:36:39","slug":"pfauen-paradiesische-geschoepfe-auf-erden-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/pfauen-paradiesische-geschoepfe-auf-erden-2\/","title":{"rendered":"Pfauen \u2013 paradiesische Gesch\u00f6pfe auf Erden"},"content":{"rendered":"\n<p>Als ich im vergangenen Sommer einen Ausflug auf die <em>Isola Madre<\/em> im <em>Lago Maggiore<\/em> machte, w\u00e4hnte ich mich im Paradies. Auf dem Spaziergang durch den Wald ersp\u00e4hte ich alsbald eine Lichtung. Sattgr\u00fcnes Gras, umgeben von dunklen Hecken, zeigte sich und wie aus dem Nichts schritt majest\u00e4tisch ein schneeweisser Pfau aus dem Geb\u00fcsch. Er schlug kein Rad, er stand nur da, mit grazilen Bewegungen. Faszination befiel mich. Wo war ich? Im Unterholz begann es zu rascheln und ich gewahrte eine Kreatur, geschm\u00fcckt mit den knalligsten Farben und Mustern, die jeglichem Modedesign die Schau stehlen. Wie sich herausstellte, ein Prachtexemplar eines exotischen Fasans, zu dessen Familie auch der Pfau geh\u00f6rt. Die Touristen machten Fotos, zogen an mir vorbei. Ich blieb stehen und konnte mich nicht sattsehen. Es war als ob mir Einblick in ein kosmisches Zeremoniell gew\u00e4hrt w\u00fcrde. Ein St\u00fcck Himmel auf Erden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"http:\/\/img.over-blog-kiwi.com\/1\/27\/79\/90\/20150608\/ob_fba05d_p1210860.JPG\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb. 1: Weisse Pfauen auf Isola Madre<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pfau ist in Indien und Sri Lanka heimisch. Von dort verbreitete er sich nach China und Japan, wurde aber auch nach Persien gebracht, bekannt durch den Pfauenthron, und kam vor ca. 4000 Jahren \u00fcber die Handelsrouten nach Europa. Urspr\u00fcnglich zur Zierde und Pracht an K\u00f6nigsh\u00f6fen gehalten, so auch von K\u00f6nig Salomon (vgl. <em>1K\u00f6 10,22<\/em>), ist er eine Augenweide f\u00fcr alle. Polygam lebt er gerne mit einem Harem von Weibchen und deren K\u00fcken zusammen, ist leicht zu halten, auch im Winter, braucht jedoch gen\u00fcgend Auslauf. Einzig sein Geschrei kann auf die sensiblen Zeitgenossen entnervend wirken. Dabei hat dies durchaus Sinn, warnt es doch andere Tiere vor Gefahren und k\u00fcndigt Regen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei vielen V\u00f6lkern und Religionen hat der Pfau eine besondere Bedeutung: So ist er der Nationalvogel <em>Indiens<\/em>; nichts darf von ihm exportiert werden. Er ist dem Gott Krishna zugeordnet und verk\u00f6rpert die Sch\u00f6nheit, was besagt, dass der Mensch auch durch die Sch\u00f6nheit Gott erkennen kann. Der Pfau gilt in Indien als heiliges Tier und ist unantastbar. Im <em>Buddhismus<\/em> steht er f\u00fcr geistigen Sieg \u00fcber die drei Daseinsgifte (Begierde, Hass, Unkenntnis). In <em>China<\/em> gilt er als Sinnbild der Verbindung von Himmel und Erde. Im <em>Islam<\/em> ist er der Inbegriff der Reinheit; nur eine Pfauenfeder ist ein w\u00fcrdiges Lesezeichen im Koran.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb.2: Alte chinesische Tapisserie<\/p>\n\n\n\n<p>Von alters her faszinierte der Pfau. Vor allem seine Federn, an deren Ende sich je ein Auge befindet und die allj\u00e4hrlich im Herbst ausfallen, um im Fr\u00fchjahr noch sch\u00f6ner und gr\u00f6sser zu wachsen, befl\u00fcgelten Forscher jeder Couleur. Ein ausgewachsener Pfau, der 30 Jahre alt werden und bis zu 150 Deckfedern haben kann, mit einer L\u00e4nge von bis zu 160 cm, imponiert den Weibchen bei gestellter Schwanzschleppe mit seiner Vielzahl an Augen, so dass diese vor seiner St\u00e4rke und Gesundheit unweigerlich kuschen. Damit hat er vor den andern M\u00e4nnchen die Partie f\u00fcr sich entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das, was von besonderem Interesse ist, sind die Farben. Es gibt den <em>Blauen Pfau<\/em> und den <em>Gr\u00fcnen Pfau<\/em>. Geradezu ern\u00fcchternd wirkt die Antwort der Naturwissenschaften. Eigentlich sei der Pfau grau; die Farben erhalte er nur infolge \u00abInterferenz\u00bb, was so viel heisst wie: Weisses Licht, welches an optisch transparenten Materialien reflektiert wird, erscheint farbig und ergibt ein \u00abvisuelles Ornament\u00bb (wie \u00d6l auf Wasser oder Seifenblasen). Der seltene <em>Weisse Pfau<\/em> ist kein Albino, sondern ein Leuzist (griech. <em>leukos<\/em> = weiss). Er hat eine harmlose Defekt-Mutation, d.h. er hat keine Melanozyten, um Farbe zu produzieren. So ist aus dem \u00dcbel eine Tugend geworden, heisst er doch auch \u00abHochzeitspfau\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die <em>Mythologie<\/em> weiss sich des Pfaus zu bedienen, vor allem die griechisch-r\u00f6mische. Wenn Zeus (Apollon) bzw. Jupiter die Sonne und der (Doppel-)Adler zugeordnet sind \u2013 dieser als Symbol von Licht und Finsternis \u2013 wird Hera bzw. Juno (Diana) mit dem Mond in Verbindung gebracht, begleitet von einem Pfau. Der Pfau steht also im Bereich von Licht und Schatten, verk\u00f6rpert die Buntheit, welche ein Ergebnis von Licht und Schatten ist. So gesehen symbolisiert der Pfau das Ende der Nacht, d.h. das Ende des Todes und der Verwesung. Mit anderen Worten steht er als Fr\u00fchlingssymbol f\u00fcr die Auferstehung, das ewige Leben, die Unsterblichkeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"https:\/\/previews.123rf.com\/images\/cpaulfell\/cpaulfell1401\/cpaulfell140100019\/24820538-sch\u00f6ne-alte-mosaik-aus-der-fr\u00fchen-byzantinischen-zeit-das-eine-palme-und-v\u00f6gel.jpg\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb. 3: Fr\u00fchbyz. Mosaik mit Pfauen und Palme<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl der Pfau nur an erw\u00e4hnter Stelle in der Bibel vorkommt, hat er trotzdem im <em>Christentum<\/em> eine wichtige Bedeutung. In fr\u00fchchristlicher Zeit findet man ihn auf <em>Sarkophagen<\/em> als \u00abSeelenvogel\u00bb, zum Zeichen der Auferstehung. Ebenso in <em>Baptisterien<\/em>, wo er aus Amphoren Wasser trinkt, d.h. der T\u00e4ufling erh\u00e4lt in der Taufe Anteil am \u00abWasser des Lebens\u00bb, des ewigen Lebens. Pfauen unter Palme oder <em>Lebensbaum<\/em> deuten auf Jesus, als den Baum des Lebens hin, der mit der Erde verwurzelt ist, seine Krone aber im Himmel hat. Darstellungen des Pfaus mit <em>Kelch<\/em> und <em>Weintrauben<\/em>, wie sie in der orthodoxen Kirche, vor allem griechischer Tradition, bei <em>Illuminationen<\/em> etwa, ein beliebtes Sujet sind, verweisen auf die Eucharistie und die seligen Freuden im Jenseits. Die Kirche kannte auch liturgische <em>F\u00e4cher<\/em> aus Pfauenfedern (<em>flabella<\/em>), welche in der byzantinischen Liturgie \u2013 in stilisierter Form \u2013 noch gebr\u00e4uchlich sind (<em>rhipidien<\/em>). Mit ihnen wird die unsichtbare Anwesenheit der Cherubim und Seraphim angedeutet, welche im <em>Cherubikon<\/em> besungen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>So verk\u00f6rpert der Pfau die geistige Sch\u00f6nheit der Weisheit und mit seinem Kr\u00f6nchen die k\u00f6nigliche W\u00fcrde des Menschen, die Pfauenaugen den Sternen \u00fcbers\u00e4ten Himmel, der Federf\u00e4cher die vielfl\u00fcglige Engelschar. Der Pfau ist Sinnbild f\u00fcr den gesamten Kosmos in seiner vollen Integrit\u00e4t; seine Sch\u00f6nheit und W\u00fcrde widerspiegeln die F\u00fclle und Anmut der Sch\u00f6pfung Gottes.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"https:\/\/html2-f.scribdassets.com\/6b3jrcjh4w1ofcp2\/images\/55-f469cacb5f.jpg\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb. 4: Baptisterium in Stobi (Mazedonien), 5. Jh.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Brun, Dr. theol.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bildnachweis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 <a href=\"http:\/\/enroutesimone.over-blog.com\/2015\/06\/le-lac-majeur-%20%20%20isola-madre.html\">http:\/\/enroutesimone.over-blog.com\/2015\/06\/le-lac-majeur-<br>&nbsp;&nbsp; isola-madre.html<\/a> (11.3.2019)<\/p>\n\n\n\n<p>2 Privatbesitz<\/p>\n\n\n\n<p>3 <a href=\"https:\/\/de.123rf.com\/photo_24820538_sch%C3%B6ne-alte-%20%20%20mosaik-aus-der-fr%C3%BChen-byzantinischen-zeit-das-eine-%20%20%20palme-und-v%C3%B6gel.html\">https:\/\/de.123rf.com\/photo_24820538_sch%C3%B6ne-alte-<br>&nbsp;&nbsp; mosaik-aus-der-fr%C3%BChen-byzantinischen-zeit-das-eine-<br>&nbsp;&nbsp; palme-und-v%C3%B6gel.html<\/a> (14.3.2019)<\/p>\n\n\n\n<p>4 <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/1253679\/Fr%C3%BChchristliche_%20%20%20Malerei_in_Serbien\">https:\/\/www.academia.edu\/1253679\/Fr%C3%BChchristliche_<br>&nbsp;&nbsp; Malerei_in_Serbien<\/a> (15.3.2019)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Forstner D., Die Welt der christlichen Symbole. Tyrolia: 1977,<br>&nbsp; 230-232<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Spitzing G., Lexikon byzantinisch-christlicher Symbole.<br>&nbsp; Diederichs: 1989, 271-272<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Roob A., Alchemie und Mystik. Taschen: 1996<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Internet: diverse<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich im vergangenen Sommer einen Ausflug auf die Isola Madre im Lago Maggiore machte, w\u00e4hnte ich mich im Paradies. Auf dem Spaziergang durch den Wald ersp\u00e4hte ich alsbald eine Lichtung. Sattgr\u00fcnes Gras, umgeben von dunklen Hecken, zeigte sich und wie aus dem Nichts schritt majest\u00e4tisch ein schneeweisser Pfau aus dem Geb\u00fcsch. Er schlug kein Rad, er stand nur da, mit grazilen Bewegungen. Faszination befiel mich. Wo war ich? Im Unterholz begann es zu rascheln und ich gewahrte eine Kreatur, geschm\u00fcckt mit den knalligsten Farben und Mustern, die jeglichem Modedesign die Schau stehlen. Wie sich herausstellte, ein Prachtexemplar eines exotischen Fasans, zu dessen Familie auch der Pfau geh\u00f6rt. Die Touristen machten Fotos, zogen an mir vorbei. Ich blieb stehen und konnte mich nicht sattsehen. Es war als ob mir Einblick in ein kosmisches Zeremoniell gew\u00e4hrt w\u00fcrde. 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