{"id":579,"date":"2018-12-03T15:41:00","date_gmt":"2018-12-03T14:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=579"},"modified":"2021-07-05T10:12:53","modified_gmt":"2021-07-05T08:12:53","slug":"die-wuestenvaeter-als-therapeuten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/die-wuestenvaeter-als-therapeuten-2\/","title":{"rendered":"Die W\u00fcstenv\u00e4ter als Therapeuten"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zu: Daniel Hell, Die Sprache der Seele verstehen. Die W\u00fcstenv\u00e4ter als Therapeuten. Freiburg i. B.: Herder; 3. Neuauflage der 7. Auflage (2007), 2010.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Hell, emeritierter klinischer Direktor an der PUK Z\u00fcrich, hat schon 1992 in seinem Buch \u201eWelchen Sinn macht Depression?\u201c die Grenzen des g\u00e4ngigen Krankheitsverst\u00e4ndnisses \u00fcberschritten und gewagt, der medizinisch als Neurotransmitterst\u00f6rung erkl\u00e4rbaren Depression einen m\u00f6glichen Sinn zuzuerkennen. Er sah das wichtige Bed\u00fcrfnis der Betroffenen, in die Bew\u00e4ltigung des Leidens auch die Frage nach dessen Sinn mit aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eDie Sprache der Seele verstehen. Die W\u00fcstenv\u00e4ter als Therapeuten\u201c ist er noch weiter gegangen, indem er durch den Mund der \u201eW\u00fcstenv\u00e4ter\u201c ein Seelenverst\u00e4ndnis darlegt, das geistig-seelisches Wachstum in die Bew\u00e4ltigung psychischer Leiden integriert. Er schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDies scheint mir die grosse Entdeckung der W\u00fcstenv\u00e4ter zu sein: dass sie die menschlichen Probleme nicht im seelischen Erleben suchen, sondern in den Gedanken und den Leidenschaften, die durch Wunschvorstellungen oder Bef\u00fcrchtungen entstehen.\u201c (S. 32)<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigene innere Wahrheit finden und so Gott n\u00e4her kommen: das war das Anliegen der W\u00fcstenv\u00e4ter. Als W\u00fcstenv\u00e4ter bezeichnet man vor allem jene fr\u00fchen christlichen Einsiedler wie z.B. Antonius den Grossen, die in der Zeit von ca. 300-600 n. Chr. in den W\u00fcstengebieten des Nahen Ostens, vor allem in \u00c4gypten, ein Leben in Abgeschiedenheit, Kontemplation und Askese f\u00fchrten. Kein Besitz, keine Gesellschaft, keine Abh\u00e4ngigkeit sollte sie davon ablenken, auf das eigene Herz zu h\u00f6ren. Sie waren so etwas wie, \u201eAussteiger\u201c in einer Zeit, als das Christentum zur Staatsreligion wurde und sich alte Herrschaftsfamilien der Kirchenorganisation bem\u00e4chtigten. Zu dieser Bewegung geh\u00f6rten auch Frauen und fr\u00fchere Verbrecher und manche andere Aussteiger. Gerade das anarchische Ideal der W\u00fcstenm\u00f6nche trug dazu bei, dass sich der Kreis der W\u00fcstenm\u00f6nche zu einem sehr bunten V\u00f6lkchen entwickelte, in dem unterschiedliche Charaktere Platz fanden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Alle einte das Ideal der christlichen Askese: Anstrengung im Erwerb der Tugenden, die sich in den Geboten der Liebe \u00e4ussert. Askese ist nicht \u201eLeben in einer H\u00f6hle und st\u00e4ndiges Fasten\u201c, sondern die F\u00e4higkeit, die eigenen Instinkte zu regulieren. Vom Einsiedler Antonius heisst es zum Beispiel: \u201eMehr und mehr bezwang er seinen K\u00f6rper und machte ihn sich gef\u00fcgig [&#8230;]. Denn, so sagte er, die Spannkraft der Seele sei dann stark, wenn die k\u00f6rperlichen L\u00fcste schwach seien.\u201c (Athanasius, Leben des Antonius 7-14.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zentrum war aber das best\u00e4ndige Beten. Neben dem Morgen- und Abendgebet pflegten die W\u00fcstenv\u00e4ter w\u00e4hrend der Arbeit und allen Verrichtungen ein verinnerlichtes Meditieren. Sie wiederholten kontinuierlich einzelne S\u00e4tze aus der Bibel. Evagrius Ponticus schrieb: \u201eEs wurde uns nicht vorgeschrieben, best\u00e4ndig zu arbeiten, zu wachen und zu fasten. Hingegen ward uns geboten, unabl\u00e4ssig zu beten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundfrage der W\u00fcstenv\u00e4ter lautete: \u201eWer bin ich eigentlich? Was wird mir an mir selber klar, wenn ich auf mein Erleben Acht habe und mich der Stille aussetze?\u201c Oftmals erscheint es den W\u00fcstenv\u00e4tern angezeigt, lieber zu schweigen und dadurch den um Rat Bittenden zum eigenen Suchen herauszufordern, als wortgl\u00e4ubige Fragesteller vorschnell mit dem gew\u00fcnschten Gut zu befriedigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein angesehener Eremit besuchte den Altvater Poimen. Dieser empfing ihn mit Freude, und nachdem sie sich umarmt hatten, begann der Besucher viel \u00fcber die Heilige Schrift und von himmlischen Dingen zu sprechen. Da wandte sich Altvater Poimen von ihm ab und gab ihm keine Antwort. Als der Besucher sah, dass Poimen nicht mit ihm sprechen wollte, ging er betr\u00fcbt davon und sagte zu seinem Begleiter: \u201eIch habe diese ganze Wanderung umsonst gemacht. Denn er will nicht mit mir reden!\u201c Da ging sein Begleiter wieder in die H\u00f6hle des Altvaters Poimen hinein und sagte: \u201eAbbas, Deinetwegen kam dieser grosse Mann von weit her in diese Gegend. Warum hast Du denn nicht mit ihm gesprochen?\u201c Der Altvater gab zur Antwort: \u201eEr wohnt in den H\u00f6hlen und spricht Himmlisches, ich aber geh\u00f6re zu den Unteren und rede Irdisches. Wenn er von den Leidenschaften der Seele und den Problemen des Lebens gesprochen h\u00e4tte, dann h\u00e4tte ich ihm wohl Antwort gegeben. Wenn er aber \u00fcber Geistliches spricht, so verstehe ich das nicht.\u201c Der Begleiter ging nun hinaus und sagte das dem Besucher. Nun ging der Besucher nochmals zu Altvater Poimen hinein und fragte ihn: \u201eWas soll ich tun, wenn die Leidenschaften der Seele \u00fcber mich Macht gewinnen?\u201c Poimen richtete sich freudig auf und sagte: \u201eJetzt bist Du richtig gekommen. Nun \u00f6ffne Deinen Mund f\u00fcr diese Dinge und ich werde ihn mit G\u00fctern f\u00fcllen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gegen Ende des 4. Jh. hat dann Evagrius Ponticus, ein gebildeter W\u00fcstenvater der dritten Generation, diese Erfahrungen der W\u00fcstenv\u00e4ter in seiner praktischen Lehre vom M\u00f6nchtum und besonders vom Kampf gegen die acht Gedanken oder Laster systematisiert. Er erwarb durch sein schriftstellerisches Schaffen und seine wissenschaftliche Bildung hohes Ansehen unter den W\u00fcstenv\u00e4tern. Zu den acht Gedanken\/Lastern geh\u00f6rt auch die Akedia, ein Gem\u00fctszustand innerhalb des Bedeutungsfelds von Traurigkeit, Melancholie und \u00dcberdruss.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Akedia als Depression ist D. Hell als Psychiater auf diese fr\u00fchchristlichen W\u00fcstenm\u00f6nche gestossen. Sie blieben selbst nicht von depressiven Verstimmungen verschont und haben dabei ein eigenes Verst\u00e4ndnis des depressiven \u00dcberdrusses entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr D. Hell wurde klar, dass das Bem\u00fchen um einen gelassenen Umgang mit den Kr\u00e4ften der Seele die W\u00fcstenv\u00e4ter zu einer Lebensweisheit gef\u00fchrt hat, die sich &#8211; trotz aller Unterschiede in der Lebensf\u00fchrung &#8211; auch in unserer Zeit hilfreich einsetzen l\u00e4sst. D. Hell sp\u00fcrt dem Wissen der W\u00fcstenv\u00e4ter nach, das sich aus moderner Sicht als \u201epsychotherapeutisch&#8220; bezeichnen l\u00e4sst. Sie haben zwar keine \u201eSeelenlehre&#8220; im heutigen Sinne entwickelt, aber ihr Weg zu emotionaler Ausgeglichenheit (als \u201eReinheit des Herzens\u201c bezeichnet) vermag f\u00fcr ihn moderne Ans\u00e4tze der Psychologie und Psychotherapie neu zu erhellen. Ihre Erkenntnisse zur \u201el\u00e4hmenden Unruhe&#8220; oder \u201espirituellen Tr\u00e4gheit&#8220; lassen sich nutzen f\u00fcr den Umgang mit dem, was wir heute \u201edepressive Verstimmung&#8220; nennen. Sie war f\u00fcr die W\u00fcstenv\u00e4ter eine Herausforderung und wurde aber auch als Chance verstanden, zu seelischer Gelassenheit und innerer St\u00e4rke zu gelangen, Eigenschaften also, die in unserer Zeit zunehmender -Beschleunigung und Anspr\u00fcche von aussen aktueller sind denn je.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber wo sich die Techniken der modernen Verhaltenstherapie und der W\u00fcstenv\u00e4ter \u00e4hneln m\u00f6gen, ist doch das Ziel ein grundlegend anderes. Es geht den W\u00fcstenv\u00e4tern bekanntlich nicht um eine m\u00f6glichst grosse F\u00e4higkeit, den Alltag zu bestehen. Noch weniger geht es ihnen um v\u00f6llige Leidensfreiheit, sondern um die Erfahrung der Transzendenz, d.h. um das innere Erleben des \u201ag\u00f6ttlichen Keims\u2018\u201c. (S. 54)<\/p>\n\n\n\n<p>Kilian Karrer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu: Daniel Hell, Die Sprache der Seele verstehen. Die W\u00fcstenv\u00e4ter als Therapeuten. Freiburg i. B.: Herder; 3. Neuauflage der 7. Auflage (2007), 2010.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=579"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":580,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579\/revisions\/580"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}