{"id":687,"date":"2013-12-09T14:03:00","date_gmt":"2013-12-09T13:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=687"},"modified":"2021-06-09T14:05:54","modified_gmt":"2021-06-09T12:05:54","slug":"das-jahr-der-gnade-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/das-jahr-der-gnade-ii\/","title":{"rendered":"Das Jahr der Gnade (II)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Zeit ist Gottes Werk, denn ihr Lauf geschieht nur durch die Bewegungen der von Gott geschaffenen Dinge. <\/em>(Augustinus, Gottesstaat 12,27) Die Erfahrung vom Werden und Vergehen in der Natur, der regelm\u00e4ssige und wechselnde Umlauf der Gestirne, die allgemeine Ver\u00e4nderlichkeit der Welt hat die Menschen von jeher zum geheimnisvollen Begriff \u201eZeit\u201c gef\u00fchrt. Wir erleben diese einerseits als einen geradlinigen Fluss mit unumkehrbarer Richtung, als <em>Abfolge von verschiedenen Epochen<\/em> (griech. \u1f10\u03c0\u03bf\u03c7\u03ae \u2013 \u201edas Anhalten\u201c vor einem neuen Abschnitt), andererseits als <em>Wiederholung von gleichf\u00f6rmigen Zyklen <\/em>(griech. \u03ba\u03cd\u03ba\u03bb\u03bf\u03c2 \u2013 \u201eKreis\u201c) oder <em>Perioden<\/em> (griech. \u03c0\u03b5\u03c1\u03af\u03bf\u03b4\u03bf\u03c2 \u2013 \u201eUmlauf\u201c). Zusammen ergeben beide Auffassungen den Fortgang eines Gewindes \u2013 z. B. bei einer Schraube oder einer Wendeltreppe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Mitte der Weltgeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Liturgie von Weihnachten singen die Kopten zur Brotbrechung:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der in Vaters Schoss von Ewigkeit,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>kam herab und nahm Wohnung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>im unbefleckten jungfr\u00e4ulichen Schoss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Jungfrau hat sie Ihn geboren,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und ihre Jungfr\u00e4ulichkeit ist besiegelt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Feiern aller christlichen Traditionen preisen die Menschwerdung des g\u00f6ttlichen Logos in Hymnen, die freudetrunken das Staunen \u00fcber dieses Wunder mit seinen Paradoxien ausdr\u00fccken. Die Gl\u00e4ubigen sind sich bewusst, dass das Leben Christi <em>das zentrale Ereignis der Weltgeschichte<\/em> bedeutet. So lautet ein Sticheron der byzantinischen Laudes am Weihnachtsmorgen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Heute ist Christus in Bethlehem<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>von einer Jungfrau geboren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Heute kommt der Ewige in die Zeit,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und das Wort wird Fleisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die himmlischen M\u00e4chte freuen sich,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erde und Menschen jauchzen&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Geschehnis verbindet Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeitlichkeit, und das mit Nachdruck vielfach wiederholte \u201eHeute\u201c sowie die Gegenwartsform der Verben verdeutlichen das ewige Jetzt Gottes und bekunden die \u00dcberzeugung, dass die liturgische Feier nicht bloss eine nostalgische Erinnerung ist, sondern die Vergegenw\u00e4rtigung des Heilsgeschehens. Auch der syrische Kirchenlehrer Jakob von Sarug (6. Jh.) verwendet dieses \u201eHeute\u201c in seinen ber\u00fchmten Verspredigten h\u00e4ufig, ebenso die Wendung \u201ean diesem Fest\u201c oder \u201ein diesem Mond\u201c, wenn er in einem Memra \u00fcber die Geburt Jesu vom Weihnachtsmonat spricht:<\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem Mond, so fruchtlos, ward die Lebensfrucht\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>zu uns gesandt, um uns zu n\u00e4hren mit dem Heil.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem Mond, da alle Knospen ausgedorrt,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>erbracht\u2018 der Spross aus einer Jungfrau Schoss uns Frucht.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem Mond, da wider einen Tag die Nacht sich wehrt,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>ber\u00fchrt das Licht die Seele, die verfinstert war.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem Mond, da Finsternis der Leuchte weicht,\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>vertreibt den argen B\u00f6sen der Erl\u00f6ser weit.\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"634\" height=\"490\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2013_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-688\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2013_1.jpg 634w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2013_1-300x232.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 634px) 100vw, 634px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Geburt Christi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Malerei auf Leder, \u00c4thiopien)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jahre und Epochen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaft der <em>Zeitrechnung<\/em> bietet viel Interessantes zu Kulturgeschichte und V\u00f6lkerkunde, insbesondere zu Philosophie und Theologie. Mondjahr und Sonnenjahr werden mit verschiedenen Methoden (z. B. Schalttagen) zum Ausgleich gebracht, was eine genaue Naturbeobachtung erfordert. Mythen, Politik und Religion legen den <em>Anfang der \u00c4ra<\/em> fest: z. B. das Jahr der Gr\u00fcndung Roms (Romulus und Remus, 753 v. C.), die \u00c4ra des Diokletian (bei den Kopten \u201e\u00c4ra der M\u00e4rtyrer\u201c, 284), die griechische Indiktion (Konstantins 15-j\u00e4hrige Steuerperiode, 312), die Byzantinische Welt\u00e4ra (Erschaffung der Welt, 5508 v. C.). Die heute weltweit \u00fcbliche Jahresz\u00e4hlung, die \u00c4ra des Abtes Dionysius Exiguus (6. Jh.) mit der Geburt Christi als Ausgangspunkt verbreitete sich erst seit dem 8. Jahrhundert. Inzwischen wissen wir, dass wegen der Ungenauigkeit der antiken Quellen diese Z\u00e4hlung etwa f\u00fcnf Jahre zu sp\u00e4t angesetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir nach \u00c4thiopien, das seit dem 4. Jh. ein christlicher Staat ist, finden wir einen Kalender, der Christi Geburt sogar 7 Jahre und 8 Monate nach dem \u201eunsern\u201c berechnet. (Ein Beispiel zeigt das Plakat von der Ge\u2019ez-Syrisch-Konferenz, an der ich im Mai 2013 bzw. im Genbot 2005 teilnahm.) Eine Jahreszahl nach Christi Geburt versehen die \u00c4thiopier mit <em>\u2018a. m.<\/em> (nat\u00fcrlich in \u00e4thiopischer Schrift) f\u00fcr <em>\u2018amata mehrat<\/em> (\u201e<strong>Jahr der Gnade<\/strong>\u201c, vgl. 2Kor 6,2) \u2013 entsprechend unserer Abk\u00fcrzung <em>n. C.<\/em> f\u00fcr \u201enach Christus\u201c. Jahre vor Christi Geburt werden mit <em>\u2018amata \u2018alam<\/em> (\u201eEpoche der Welt\u201c), <em>\u2018amata fetrat <\/em>(\u201eEpoche der Sch\u00f6pfung\u201c) oder wegen der Vertreibung aus dem Paradies <em>\u2018amata fedda <\/em>(\u201eEpoche der Bestrafung\u201c) genannt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"630\" height=\"747\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2013_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-689\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2013_2.jpg 630w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2013_2-253x300.jpg 253w\" sizes=\"(max-width: 630px) 100vw, 630px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>\u00c4thiopischer und Gregorianischer Kalender<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Addis Ababa, Genbot 19 &#8211; 22, 2005 = 27. &#8211; 30 Mai 2013)<\/p>\n\n\n\n<p>Jahresanfang ist im \u00e4thiopischen wie im koptischen Kalender der 1. Maskaram bzw. Th\u00f4out, das entspricht dem 29. August (Thronbesteigung Ks. Diokletians, s. o.) nach altem Stil (julianisch), sodass er auf \u201eunseren\u201c 11. September f\u00e4llt (gregorianisch). F\u00fcr einen Neubeginn eignet sich dieses Datum besser als der willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte 1. Januar, weil es kirchlich das Ged\u00e4chtnis der Enthauptung Johannes\u2018 des Vorl\u00e4ufers ist, dessen Gestalt als Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil immer wieder die irrige Meinung anzutreffen ist, die ostkirchlichen Traditionen kennten das Fest der leiblichen Geburt Christi nicht oder aber sie feierten es am 7. Januar, lasse ich hier drei Daten von Weihnachten 2013 folgen (wobei alle denselben Tag bedeuten und wegen der gregorianischen Kalenderreform auf \u201eunsern\u201c 7. Jan. 2014 fallen):<\/p>\n\n\n\n<p>jul. 25. Dez. 2013 (z. B. russische Kirche) =<\/p>\n\n\n\n<p>kopt. 29. Choiak 1730 =<\/p>\n\n\n\n<p>\u00e4th. 29. Tahsas 2006<\/p>\n\n\n\n<p>Andersherum betrachtet: Wenn wir Abendl\u00e4nder am 25. Dez. 2013 nach neuem Stil Weihnachten feiern, stehen die genannten Ostchristen noch in der Vorbereitungszeit, im Weihnachtsfasten (der greg. ist dem jul. Kal. um 13 Tage voraus):<\/p>\n\n\n\n<p>jul. 12. Dez. 2013 =<\/p>\n\n\n\n<p>kopt. 16. Choiak 1730 =<\/p>\n\n\n\n<p>\u00e4th. 16. Tahsas 2006<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zeit und Kirchenjahr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit ihren Anf\u00e4ngen haben die christlichen Gemeinden ihr Leben mit Ged\u00e4chtnisfeiern geordnet, die Jesus und Gottes Heilswerk gegenw\u00e4rtig machen. Als Angelpunkte der Erl\u00f6sung betrachten wir die Inkarnation und die Auferstehung Christi, also Weihnachten mit Epiphanie und Karfreitag mit Ostern. Fastenzeiten verschiedener L\u00e4nge und Intensit\u00e4t dienen nach j\u00fcdischem Vorbild (vgl. z. B. Joel 1,14; Mt 4,2) zur Busse, zur Reinigung von Leib und Seele und zur Vorbereitung auf besondere Augenblicke. Sowohl Festzeiten wie auch Fastenzeiten geben dem menschlichen Dasein eine Struktur und helfen (mit reichen Ritualen, falls diese nicht vernachl\u00e4ssigt werden), die Gegenwart Gottes immer tiefer zu erfahren. Da die Muttergottes und die Heiligen in enger Verbindung mit Christus gelebt haben, weisen auch ihre Gedenkfeiern auf den Herrn. Ebenso bedeuten die liturgischen Tages-, Wochen-, Monats- und Jahreszyklen nicht etwa ein Kreisen oder Treten an Ort, sondern sind auf Ihn und das <em>Ende der Zeiten<\/em> (Heb 9,26) ausgerichtet. Am 1. September, dem byzantinischen Neujahrstag, singt man in der 4. Ode des Orthros:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Den Sch\u00f6pfer, Der aus dem Nicht-Sein<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>mit Weisheit das All gebildet hat<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und durch Sein Wollen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die Uml\u00e4ufe der Zeiten herbeif\u00fchrt,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>lobt und r\u00fchmt Ihn in Ewigkeit!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitte der Weltgeschichte<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/687"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=687"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/687\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":690,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/687\/revisions\/690"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}