{"id":728,"date":"2011-04-09T14:52:00","date_gmt":"2011-04-09T12:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=728"},"modified":"2021-07-05T10:40:16","modified_gmt":"2021-07-05T08:40:16","slug":"verehrung-von-reliquien-ikonographie-eines-maertyrer-festes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/verehrung-von-reliquien-ikonographie-eines-maertyrer-festes\/","title":{"rendered":"\u00abVerehrung von Reliquien\u00bb &#8211; Ikonographie eines M\u00e4rtyrer-Festes"},"content":{"rendered":"\n<p>Reliquien sind in der westlichen Welt seit einiger Zeit nicht mehr hoch im Kurs. Mit Recht verweist man auf Missbr\u00e4uche, die den Reliquienkult l\u00e4cherlich gemacht und in \u00fcblen Ruf gebracht haben. Schaut man aber genauer hin \u2013 wie es Historiker und Theologen tun sollten&nbsp; \u2013, erkennt man, dass Reformation und \u00abAufkl\u00e4rung\u00bb in diesem Punkt das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine r\u00e4tselhafte Ikone<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Galerie russischer und griechischer Ikonen pr\u00e4sentierte vor kurzem eine eigenartige Darstellung, die sowohl f\u00fcr Veranstalter und Kunsthistoriker als auch f\u00fcr orthodoxe Theologen und Ikonenexperten r\u00e4tselhaft war. Sie zeigt vor dem Hintergrund einer f\u00fcnfkuppligen Kirche in russischer Architektur und einer T\u00fcr, die einem Stadttor \u00e4hnelt, zwei Heilige, links einen Bischof und rechts eine F\u00fcrstin. Der Namenszug am obern Rand verweist auf den Patriarchen <em>Nikephoros I.<\/em>, der 806-15 die Kirche von Konstantinopel geleitet hat und im Ikonoklasten-Streit mit bedeutenden theologischen Schriften f\u00fcr die orthodoxe Bilderlehre aufgetreten ist.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Die gekr\u00f6nte Dame, deren Name verwischt ist, d\u00fcrfte <em>Theodora<\/em> sein, die nach dem Tod ihres Gatten, des bilderfeindlichen Kaisers Theophilos (842) mit dem Fest der Orthodoxie (seit 843 am 1.&nbsp;Fastensonntag) die Ikonenverehrung wieder einf\u00fchrte.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Die Heiligen stehen beide mit halb erhobenen H\u00e4nden betend da, Nikephoros h\u00e4lt gleichzeitig in der Linken ein Buch, Theodora als Pendant in der Rechten ein Schriftblatt mit ihrer F\u00fcrbitte: <em>Herr und Gott, erh\u00f6re mich\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den Heiligen steht ein grosser, halb abgedeckter Sarkophag. Auf den ersten Blick sieht man darin einen Mann und eine Frau liegen, mit gekreuzten H\u00e4nden, wie in friedlichem Schlaf. Wohl um anzudeuten, dass ihre Leiber unverwest aufgefunden wurden, sind sie unbekleidet dargestellt. Zwischen und hinter ihren Nimben sind weitere Heiligenscheine zu erkennen, was auf ein Massengrab hinweist, in welchem eine grosse Zahl von M\u00e4rtyrern bestattet sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Auffindung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im liturgischen Kalender der byzantinischen Kirche gibt es verschiedene Feste, die der Auffindung der Gebeine von M\u00e4rtyrern gewidmet sind; das bekannteste ist wohl die erste und zweite Auffindung der Reliquien Johannes\u2019 des Vorl\u00e4ufers am 24. Februar. Kurz vorher, am 22. Februar, wird der <em>Auffindung der Gebeine der heiligen M\u00e4rtyrer vom Eugenios-Quartier<\/em> gedacht. Diesem Ged\u00e4chtnis wird solches Gewicht beigemessen, dass es im <em>Menaion<\/em> normalerweise das einzige Offizium des Tages bildet, obwohl Kalender und Synaxarion einige Heilige auff\u00fchren. Nach der Tradition wurde das Massengrab beim Eugenios-Tor zu Konstantinopel entdeckt.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Als selbst\u00e4ndige Darstellung auf Ikonen d\u00fcrfte das Ereignis \u00e4usserst selten zu finden sein; dagegen kommt es h\u00e4ufig auf Monatsikonen und sogar auf Jahreskalender-Ikonen an der entsprechenden Stelle vor, obwohl es verh\u00e4ltnism\u00e4ssig viel Platz beansprucht: Man sieht da etwa Volk und Kleriker, die and\u00e4chtig vor offenen S\u00e4rgen stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem \u00abhervorgehobenen\u00bb Paar handelt es sich um <em>Andronikos<\/em> und <em>Junia<\/em>, die Landsleute und Mitarbeiter des Apostels Paulus, der sie im R\u00f6merbrief gr\u00fcssen l\u00e4sst (16,7).<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Von der kirchenslavischen Aufschrift auf dem hinteren Rand des Sarkophags l\u00e4sst sich nur noch das erste Wort entziffern: <em>Auffindung<\/em>, einst d\u00fcrfte sie den vollst\u00e4ndigen Namen des Festes (s. o.) wiedergegeben haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wozu Reliquien und Ikonen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Verwendung von Reliquien und Ikonen ist in Theologie und Praxis des christlichen Ostens so stimmig gekl\u00e4rt, dass das abendl\u00e4ndische Christentum gut daran t\u00e4te, folgende Gedanken aufzunehmen:<\/p>\n\n\n\n<p>1. Die getauften Gl\u00e4ubigen sind Glieder eines Leibes (1Kor 12,13); sie bilden die Gemeinschaft der Heiligen \u2013 eine Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die Angeh\u00f6rigen dieser Familie, die noch im Diesseits leben, pflegen das Andenken an jene Br\u00fcder und Schwestern, die ihnen als Vorbilder im Glauben vorangegangen sind, und rufen sie an, sich bei Gott als Helfer und F\u00fcrbitter einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Zusammen mit den \u00fcberlieferten Berichten helfen Reliquien (Gebeine oder Gebrauchsgegenst\u00e4nde) der verehrten Heiligen, das Andenken lebendig zu erhalten und den Glauben zu st\u00e4rken. Deshalb bewahrt man sie sorgf\u00e4ltig auf, auch in kostbar gefertigten Schreinen.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Eine Ikone, richtig aufgefasst, ist ein Reliquienschrein,<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> der den Gl\u00e4ubigen den \u00abKontakt\u00bb zur dargestellten Person erleichtert; wir verehren nicht Tafelbilder und Knochen, als ob sie als solche es verdienten.<\/p>\n\n\n\n<p>5. Ikonen lassen sich letztlich nur im Zusammenhang mit dem Gottesdienst richtig \u00abverstehen\u00bb. Am 22. Febr. beziehen sich zahlreiche liturgische Texte auf Invention und Translation der Reliquien, die damit verbundenen Wunder und die F\u00fcrbitte der Heiligen. So singt man im Luzernarium der Vesper:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nach vielen Jahren der Verborgenheit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>sind die siegreichen M\u00e4rtyrer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>jetzt erschienen&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als kostbarer Schatz&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und bereichern die Kaiserstadt,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>auf den H\u00e4nden eines weisen Bischofs getragen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und feierlich zur heiligen Kirche gebracht,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>den Betern als Gabe<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>best\u00e4ndig zu Gesundheit und Nutzen,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>zu Erleuchtung und Beistand<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>derer, die sie aufnehmen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als treue Diener Gottes.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Er starb 828 im Exil; Fest: 2. Juni, Gedenktag der \u00dcbertragung (846): 13. M\u00e4rz.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Gest. als Nonne 867; Fest: 11. Febr.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Die Pylai Eugeniou (Porta Eugenii) standen im Norden der antiken Akropolis (bzw. der Serail-Spitze von \u0130stanbul), nahe der Stelle, wo mit einer<br>&nbsp; Kette die Einfahrt ins Goldene Horn abgesperrt werden konnte \u2013 auf dem Territorium des heutigen Bahnhofs.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Die Kenntnis wurde dem Kleriker <em>Nikolaos Kalligraphos<\/em> in einer Vision zuteil. \u2013 Der Gedenktag von <em>Andronikos<\/em> und <em>Junia<\/em> ist der 17. Mai. (Sie<br>&nbsp; waren vermutlich ein Ehepaar; doch im Westen wird aus <em>Junia<\/em> h\u00e4ufig der m\u00e4nnliche Name <em>Junias<\/em> gemacht, der sonst nicht bezeugt ist \u2013<br>&nbsp; vielleicht h\u00e4ngt dies mit der Idee des Z\u00f6libats zusammen!) \u2013 Sp\u00e4ter lie\u00df Ks. Andronikos I. (1183-1185) im Eugenios-Viertel zu Ehren seines<br>&nbsp; Namenspatrons eine Andronikoskirche bauen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> In manchen Ikonen ist denn auch eine Reliquienkapsel eingef\u00fcgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reliquien sind in der westlichen Welt seit einiger Zeit nicht mehr hoch im Kurs. Mit Recht verweist man auf Missbr\u00e4uche, die den Reliquienkult l\u00e4cherlich gemacht und in \u00fcblen Ruf gebracht haben. Schaut man aber genauer hin \u2013 wie es Historiker und Theologen tun sollten  \u2013, erkennt man, dass Reformation und \u00abAufkl\u00e4rung\u00bb in diesem Punkt das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet haben.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/728"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=728"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":746,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/728\/revisions\/746"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}