{"id":743,"date":"2011-12-09T15:08:00","date_gmt":"2011-12-09T14:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=743"},"modified":"2021-07-05T10:39:51","modified_gmt":"2021-07-05T08:39:51","slug":"das-zeugnis-der-sprache-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/das-zeugnis-der-sprache-i\/","title":{"rendered":"Das Zeugnis der Sprache (I)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Sprache<\/em> kann Menschen verbinden oder trennen. Wer nicht Englisch versteht, f\u00fchlt sich in einer Gruppe von Leuten, die sich auf Englisch unterhalten, unbehaglich, ja ausgegrenzt oder gar abgelehnt, selbst wenn Freunde darunter sind, mit denen er sonst bestens auskommt. Die Sprache bildet Gruppen und Fraktionen, und das ist schon deutlich sp\u00fcrbar, wo es sich innerhalb der gleichen Sprachgemeinschaft um sozial, beruflich oder altersm\u00e4ssig ungleiche \u201eKlassen\u201c handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst und schwerwiegend wirkt sich das <em>Sprachproblem im religi\u00f6sen Bereich<\/em> aus. Viele moderne Menschen k\u00f6nnen mit der Sprache von Bibel und Liturgie \u201enichts mehr anfangen\u201c. Geht man der Sache nach, kommt man zuerst auf zwei wichtige Gr\u00fcnde, dann auf die entscheidende Ursache. Der erste Grund ist die <em>Sprachentwicklung<\/em>, die h\u00e4ufig mit Bedeutungsverschiebungen verbunden ist. Wer mit den modernen Ansichten von Menschenw\u00fcrde das Wort \u201eGottesfurcht\u201c (s. u.) h\u00f6rt, m\u00f6chte es spontan ablehnen, da schon die Pr\u00e4ambel der UNO-Erkl\u00e4rung der Menschenrechte (1948) \u201eFreiheit von Furcht und Not\u201c fordert. Der zweite Grund h\u00e4ngt mit dem ersten zusammen: die <em>Unvertrautheit<\/em> mit biblischer und liturgischer Sprache. Es ist heutzutage selbstverst\u00e4ndlich, sich in allen m\u00f6glichen Bereichen weiterzubilden; man kennt sich im eigenen Beruf, in Sport, Wirtschaft, Politik, Naturwissenschaft und anderem aus \u2013 oft bis in kleinste Details; aber auf dem Gebiet von Glauben und Religion bleiben viele in den Kinderschuhen stecken. Sie erinnern sich allenfalls an Einzelheiten aus dem Religionsunterricht, die Redeweise von Bibel, Liturgie und Predigt empfinden sie jedoch als lebensfremd oder leere Worth\u00fclsen, weil ihnen die Bedeutung der W\u00f6rter fremd ist. Und hier ist wohl die entscheidende Ursache zu sehen: Die Religion hat im Leben der \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c Gesellschaft ihren <em>Stellenwert<\/em> verloren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprache und Tradition<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um auf die <em>Gottesfurcht<\/em> zur\u00fcckzukommen: der Ausdruck besagt nicht etwa \u00e4ngstliche Befolgung religi\u00f6ser Gebote, sondern Anerkennung der Autorit\u00e4t und Bewunderung der Gr\u00f6sse Gottes, und er verweist auf die \u00fcberw\u00e4ltigende Faszination, die jedes Gotteserlebnis ausl\u00f6st. Christen in den ostkirchlichen Gebieten, in denen das Religi\u00f6se noch eine Wirklichkeit im Alltag bedeutet, werden in den vielf\u00e4ltigen Gottesdienstformen (neben der eucharistischen Liturgie sind es besonders die Vesper und das Morgenamt, aber auch die reich ausgestalteten Riten von Taufe, Trauung und Bestattung) mit der Tradition der biblischen Sprache vertraut, mit den Erz\u00e4hlungen, den bildkr\u00e4ftigen Redewendungen sowie den theologischen Betrachtungen \u2013 dies nicht in trocken-akademischer Rede, sondern in variantenreichen Hymnen, die zu h\u00f6ren und mitzusingen Freude macht. Das gl\u00e4ubige Volk h\u00e4ngt sehr an diesen Formen, sogar an einer alt\u00fcberlieferten Liturgiesprache, von der sich die Alltagssprache allm\u00e4hlich entfernt hat (wie z. B. das Russische vom Kirchenslavischen). Die Ostkirchen haben jedoch immer wieder das Prinzip angewendet, bei einem einschneidenden Sprachwechsel die alte Kirchensprache zugunsten der Volkssprache aufzugeben \u2013 und so singen die Ukrainer heute selbstverst\u00e4ndlich ukrainisch, die Rum\u00e4nen rum\u00e4nisch, die Serben serbisch, die arabischen Christen arabisch, die indischen Thomaschristen in Malayalam, obwohl sie die gesch\u00e4tzte alte Sprache (Kirchenslavisch, Griechisch oder Syrisch) gelegentlich immer noch pflegen. Diese zu verlassen kann freilich schmerzvoll sein, wenn man sie als geistige Heimat erlebt hat. Ein Auswanderer hat nur dann eine Chance, den Verlust der Heimat zu verschmerzen, wenn er anstelle des bisherigen Lebens ein besseres erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Syrische Dichter-Theologen wie Ephr\u00e4m (4. Jh.) und Jakob von Serugh (5. Jh.) hatten der semitisch-urchristlichen Spiritualit\u00e4t eine meisterhafte Gestalt geschaffen, deren Sch\u00e4tze auch Armenien, Byzanz und Rom beeinflussten. Sp\u00e4ter hatten es die Slavenapostel Kyrill und Method (9. Jh.) dank ihrer ausgezeichneten literarischen und theologischen Bildung fertiggebracht, den grossartigen Schatz der byzantinisch-griechischen Kirche ins Slavische umzuformen. Die \u201eEmigration\u201c in eine moderne Sprache ist dann erfolgreich, wenn diese als Umgangs- und Muttersprache ebenfalls eine geistige Heimat ist und wenn sie in ihrer Entwicklung einen Stand erreicht hat, der die \u00dcbernahme des alten Erbes erm\u00f6glicht, der Wortschatz also eine ebenb\u00fcrtige \u00dcbertragung zul\u00e4sst. Eine Gefahr bringt der Sprachenwechsel aber dann mit sich, wenn mit der alten Kirchensprache auch nonverbale Aussagen (Zeremonien, Gesten, Rituale) achtlos aufgegeben werden, f\u00fcr die kein passender Ersatz bereitsteht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eReligionsunterricht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6stlichen Kirchen bewahren bis heute die Klugheit und Begabung, \u00fcbereifrigen oder sektiererischen Reformern zu widerstehen, die radikale S\u00e4uberungen anstreben. Verbunden mit den aussagekr\u00e4ftigen Zeremonien bilden die liturgischen Texte einen beachtlichen \u201eReligionsunterricht\u201c. Einige herausgegriffene Beispiele m\u00f6gen dies zeigen, anhand von W\u00f6rtern, mit denen der s\u00e4kularisierte Mensch nur unklare oder aber neue Begriffe verbindet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"340\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2011_ELI614.02204C.Jounieh-03-1024x340.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-744\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2011_ELI614.02204C.Jounieh-03-1024x340.jpg 1024w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2011_ELI614.02204C.Jounieh-03-300x100.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2011_ELI614.02204C.Jounieh-03-768x255.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2011_ELI614.02204C.Jounieh-03-1536x510.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/06\/CUS_RB-6-2011_ELI614.02204C.Jounieh-03.jpg 2005w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Verkl\u00e4rung<\/strong> Christi mit <strong>Elija<\/strong> und <strong>Mose<\/strong>; Beschriftung in Griechisch und Arabisch; Fresko, Jounieh, E. 20. Jh.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eucharistiefeier wird im R\u00f6mischen Ritus <em>Messe<\/em> genannt. Die Bezeichnung ist nicht gerade g\u00fcnstig gew\u00e4hlt, denn sie geht auf die lateinische Entlassungsformel zur\u00fcck, wobei <em>missa<\/em> als \u201eWegschicken\u201c oder \u201eAussendung\u201c aufzufassen ist. Doch bei diesem Wort denkt hierzulande mancher an eine Warenausstellung oder einen Jahrmarkt (der fr\u00fcher mit einem Festgottesdienst verbunden war). Der deutlichere Ausdruck <em>Messopfer<\/em> wird heute vermieden, weil man mit \u201eOpfer\u201c gew\u00f6hnlich Verkehrsunf\u00e4lle und Krieg assoziiert. Es gibt auch Theologen, die Gebete ab\u00e4ndern oder weglassen, die das Wort <em>Opfer<\/em> enthalten. Es kommt auch in der neuen Gestalt der Messe mehrmals vor, z. B. bei der Bereitung der Gaben: <em>Der Herr nehme das Opfer an aus deinen H\u00e4nden\u2026\u201c<\/em>, in den verschiedenen Hochgebeten nach der Wandlung: <em>\u2026 dieses heilige und lebendige Opfer\u2026&nbsp; \u2013 \u2026 dieses Opfer unserer Vers\u00f6hnung\u2026&nbsp; \u2013 \u2026 das Opfer, das Dir wohlgef\u00e4llt und der ganzen Welt Heil bringt. <\/em>Der syrische Ritus nennt die eucharistische Liturgie <em>einen Qurbana<\/em>, was \u201eOpfer\u201c heisst (vgl. Korb\u00e1n bei Mk7,11), und in den Gebeten wird der Ausdruck sehr h\u00e4ufig mit aller Selbstverst\u00e4ndlichkeit verwendet. Seine Grundbedeutung ist <em>das Nahen<\/em> (das Hintreten vor Gott), von daher dann <em>das Darbringen<\/em> (einer Gabe) und <em>die Opfergabe<\/em>. Alle Religionen kennen Opfer in verschiedenen Formen. Aus den liturgischen Texten wird die Bedeutung von Wort und Sache klar: Es geht um eine Gabe f\u00fcr Gott als Ausdruck von Dankbarkeit, Hingebung, Demut und S\u00fchne. Die Frage nach dem Opfereinzug mit dem \u201eKlingelbeutel\u201c ist mit der urchristlichen Sammlung f\u00fcr die Armen und dem Brauch der Agape zu erkl\u00e4ren, die eine Fortsetzung in den vielf\u00e4ltigen sozialen Aufgaben der Kirche findet. Wenn von <em>Heil<\/em> die Rede ist, haben wir die profanen und religi\u00f6sen Bedeutungen zu bedenken: 1.&nbsp;Gesundheit, Wohlergehen, Gl\u00fcck; 2.&nbsp;Rettung aus der Gottferne (s. u. <em>S\u00fcnde<\/em>); Gemeinschaft mit Gott im \u00fcbernat\u00fcrlichen Leben. In diesem Zusammenhang begegnet uns auch <em>die Erl\u00f6sung<\/em>: Rettung des s\u00fcndigen Menschen durch Tod und Auferstehungdes Gottmenschen Jesus Christus. Unter <em>S\u00fcnde<\/em> ist eine Verfehlung gegen die g\u00f6ttliche Ordnung oder eine gegen Gott und Mensch gerichtete b\u00f6se Tat zu verstehen. (Dass die Gastronomie-Werbung ein St\u00fcck Torte als \u201ekleine S\u00fcnde zum Nachtisch\u201c anpreist, ist mindestens leichtsinnig). Den bildlichen Ausdruck <em>Lamm Gottes<\/em> verstehen wir, wenn wir in der Liturgie die Hinweise auf den j\u00fcdischen Tempelkult, den Brauch des Passah-Lammes und verschiedene Bibelstellen kennen lernen, wobei es immer um das s\u00fchnende und erl\u00f6sende Leiden des <em>Messias<\/em> und des k\u00f6niglichen <em>Gottesknechtes<\/em> geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche W\u00f6rter, die wir kaum mehr verwenden, k\u00f6nnen wir durch heute gebr\u00e4uchliche ersetzen (etwa <em>frohlocken<\/em> und <em>Abt\u00f6tung<\/em> durch <em>sich freuen<\/em> und <em>Verzicht<\/em>), wenn nicht die Gefahr einer Verw\u00e4sserung besteht, aber die eigentlichen theologischen Fachausdr\u00fccke (zu den genannten k\u00e4men <em>Versuchung<\/em>, <em>katholisch<\/em> und viele andere weithin missverstandene) sind kaum auswechselbar. Man muss ihre Bedeutung erlernen, wodurch auch die \u201ereligi\u00f6se Sache\u201c wieder ins Leben r\u00fcckt \u2013 und dazu dient vorz\u00fcglich die <em>liturgische Sprache<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler<\/p>\n\n\n\n<p>Protodiakon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache kann Menschen verbinden oder trennen. Wer nicht Englisch versteht, f\u00fchlt sich in einer Gruppe von Leuten, die sich auf Englisch unterhalten, unbehaglich, ja ausgegrenzt oder gar abgelehnt, selbst wenn Freunde darunter sind, mit denen er sonst bestens auskommt. 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