{"id":782,"date":"2009-01-05T11:27:00","date_gmt":"2009-01-05T10:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=782"},"modified":"2021-07-05T11:29:08","modified_gmt":"2021-07-05T09:29:08","slug":"syrisches-erbe-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/syrisches-erbe-iii\/","title":{"rendered":"SYRISCHES ERBE (III)"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwei Tage nach dem schrecklichen Blutbad von Mumbai flog ich dorthin, nicht etwa als Katastrophentourist, sondern weil ich zu einer Konferenz von Theologen in Pune eingeladen war. Diese Millionenstadt in Maharashtra, die \u00abK\u00f6nigin des Dekkan\u00bb genannt, ist sowohl historisch (Gandhi sass 1942 als Gefangener im Aga Khan-Palast) wie auch wirtschaftlich von Bedeutung (Auto- und Computer-Industrie, Verkehrsknotenpunkt). Dazu ist es ein Zentrum der Wissenschaft (neun Universit\u00e4ten, \u00fcber hundert Forschungsinstitute) und der Religionen: Ber\u00fchmte Hindu-Tempel, die gr\u00f6sste Synagoge Indiens und verschiedene christliche Kirchen \u2013 auch die gr\u00f6sste theologische Bibliothek Indiens \u2013 sind in Pune daheim.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u00abBethany Ashram\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Syro-Malankarische Kirche <\/em>(die mit Rom verbundene Kirche des westsyrischen oder antiochenischen Ritus in Indien) ist ein relativ kleiner, aber bedeutender Teil der so genannten Thomas-Christen im s\u00fcdindischen Kerala. Weil von dort Tausende in die andern indischen Staaten auswandern (auch bei uns in der Schweiz leben und arbeiten viele Keralites), haben die <em>Bethany Fathers <\/em>(\u00abPatres von Betanien\u00bb)<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> 1955 in Pune eine Niederlassung errichtet, den <em>Bethany Ashram<\/em>, der zu einem Zentrum der kirchlichen Aktivit\u00e4ten des Ordens wurde. Von dieser spirituellen Heimat aus wurden viele Pfarreien gegr\u00fcndet, und als Seminar hat der Ashram f\u00fcr den Orden gegen 150 Priester ausgebildet.<\/p>\n\n\n\n<p>In den indischen Bundesstaaten gibt es zw\u00f6lf solcher Malankara-Zentren, und diese unterhalten jeweils bis zu zehn Stationen. Acht dieser Zentren werden vom Bethany-Orden betreut, der damit eine grossartige seelsorgerische und soziale Arbeit leistet. Denn die Migranten aus Kerala kommen sich in Delhi oder Mumbai ebenso fremd vor wie ein Walliser in Z\u00fcrich oder ein Kanadier in der T\u00fcrkei. Vor allem Jugendliche sind auf Betreuung durch die heimische Kirche angewiesen, denn auch eine r\u00f6misch-katholische Pfarrei ist f\u00fcr sie sprachlich und spirituell viel zu fremd.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von der Kirche gef\u00fchrten Schulen aller Stufen haben ein hohes Niveau und werden dementsprechend gesch\u00e4tzt. Weil sie auch Kindern der unteren Schichten Aufstiegsm\u00f6glichkeiten bieten, tragen sie dazu bei, das diskriminierende Kastensystem Indiens zu durchbrechen. Doch leider wird gerade dies zum Anlass f\u00fcr die neuerliche Christenverfolgung, denn gewisse Grossgrundbesitzer wollen auch in Zukunft ungebildete Dalits als Sklaven ausbeuten k\u00f6nnen. Die Verunglimpfung des Christentums als \u00abunindisch\u00bb ist dabei bloss ein t\u00f6richter Vorwand.<\/p>\n\n\n\n<p>So sind die Ordensleute von der Nachfolge Christi \u2013 parallel zu den \u00abBetanien-Patres\u00bb gibt es auch die Kommunit\u00e4t der \u00abBetanien-Schwestern\u00bb \u2013 zu Pionieren des kirchlichen Pluralismus geworden, die m\u00f6nchische Zur\u00fcckgezogenheit mit einem Leben in Gemeinschaft und mit vielf\u00e4ltiger apostolischer Aktivit\u00e4t verbinden. Die Bezeichnung ihrer H\u00e4user als <em>Bethany Ashram <\/em>weist auch hin auf die Verbindung von Christentum und indischer Kultur: In Betanien war Jesus \u00f6fters Gast im Haus von Lazarus, Martha und Maria (vgl. Jo 11,1-44; 12,1-8), die zu den ersten christlichen Zeugen geh\u00f6rten, und ein Ashram ist ein Zentrum der religi\u00f6sen Besinnung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebet und Wissenschaft <\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Erweiterung des Ashrams von Pune zu einem theologischen Forschungsinstitut 1992 mit Namen <em>Bethany Vedavijnana Peeth <\/em>(Institut f\u00fcr \u00f6stliche Theologie) bedeutete einen wichtigen Schritt der Syro-Malankarischen Kirche auf dem Weg zur Selbstfindung. Die Herrschaft der Portugiesen hat im 17. Jh. die Kirche der Thomas-Christen weitgehend verwestlicht (der lateinische Ritus galt den Europ\u00e4ern als der einzig richtige), und heute muss die indische Kirche versuchen, die verlorene <em>Inkulturation<\/em>, die Verwurzelung in der eigenen Kultur, wiederzugewinnen. Das \u00abGesetz des Thomas\u00bb, d. h. Theologie und Praxis der Thomas-Kirche, der die ber\u00fcchtigte Synode von Udayamperur (Diamper) von 1599 H\u00e4resie und heidnische Missbr\u00e4uche unterstellte,<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> soll wieder gelten: <em>Hindu im Kulturellen, Christ im Religi\u00f6sen, Orientale im Gottesdienst. <\/em>Und Rom w\u00fcnscht diese R\u00fcckkehr zur Tradition ausdr\u00fccklich.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deutung des Emblems<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dreieck:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dreifaltigkeit<\/p>\n\n\n\n<p>Auge:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Auge Gottes<\/p>\n\n\n\n<p>Hand:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Symbol des Lehrens<\/p>\n\n\n\n<p>Buch:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Heilige Schrift<\/p>\n\n\n\n<p>Licht:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wachstum des Sch\u00fclers<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sch\u00fcler, der fest an den dreieinigen Gott glaubt, verlangt nach Erkenntnis Gottes. Die Heilige Schrift und die Worte des Gurus (des religi\u00f6sen Lehrers) erleuchten den Geist des Sishyas (des Sch\u00fclers, J\u00fcngers), damit er als Licht in der Welt scheine.<\/p>\n\n\n\n<p>Schriftzug in Syrisch, Englisch und Hindi: \u00abSchulung f\u00fchrt zu Erkenntnis\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die BVP-Konferenz im Dezember 2008 besch\u00e4ftigte sich mit der <em>Jakobus-Liturgie<\/em>, die auf die urchristliche Form der Liturgie von Jerusalem zur\u00fcckgeht und in den Kirchen des westsyrischen Ritus bis heute gefeiert wird. Dieser Gottesdienst l\u00e4sst in seiner schlichten und zugleich erhabenen Feierlichkeit, mit seinen Hymnen von unerreichter theologischer Tiefe, in einer Sprache voll orientalischer Poesie und mit Riten voll reicher Symbolik nicht nur das Leben Jesu gegenw\u00e4rtig werden, sondern <em>die ganze Heilsgeschichte<\/em> von der Sch\u00f6pfung bis zur Wiederkunft des Herrn am J\u00fcngsten Tag. Bibel und urchristliche Tradition sind die Quellen der Theologie, die f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen in der Eucharistiefeier zu lebendiger Wirklichkeit werden, weil diese Liturgie einen dauernden Dialog zwischen allen Teilnehmern darstellt: Priester, Diakon und Volk sind gemeinsam \u00abZelebranten\u00bb, sie feiern das Geheimnis, das wir Gott nennen, in Lobpreis und Dank, Bitte, Busse und Anbetung. Einen Kirchenchor ben\u00f6tigt man nicht, denn die einfache Gesangsart, eine Art Rezitativ, erm\u00f6glicht es allen, auch ohne Notenschrift mitzusingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allen Anwesenden kommen je nach ihrem Stand bestimmte Aufgaben zu: Der Priester ist als Verwalter der Sakramente mit der Darbringung des eucharistischen Opfers und des Gebets betraut (beim Beten wendet er sich wie das Volk nach Osten, zum Segnen dagegen nach Westen zum Volk hin); der Diakon (der als \u00abVerbindungsmann\u00bb h\u00e4ufig vom Altarraum ins Kirchenschiff wechselt) leitet die Versammlung durch Gebetsintentionen, Erkl\u00e4rungen und ordnende Zurufe, damit die Liturgie \u2013 w\u00f6rtlich \u00abdas Werk des Volkes\u00bb oder \u00ab\u00f6ffentlicher Dienst\u00bb \u2013 richtig vollzogen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr die genannte dialogische Struktur des syrischen <em>Qurbono<\/em> (w\u00f6rtlich \u00abDarbringung, Opfer\u00bb) zeigen die Worte zum Friedensgruss:<\/p>\n\n\n\n<p>P&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Friede sei mit euch allen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>V&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Und mit deinem Geiste.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>D&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Barekhmor!<\/em><a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><em> Geben wir einander in der Liebe unseres Herrn und Gottes den Frieden, jeder seinem Nachbarn mit dem heiligen und g\u00f6ttlichen Kuss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>V&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Mach uns, Herr und Gott, dieses Friedens w\u00fcrdig alle Tage unseres Lebens.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Der <em>Order of the Imitation of Christ<\/em> (OIC) ist eine Gr\u00fcndung des Bischofs Mar Ivanios, der 1930 die Union mit der R\u00f6mischen Kirche abgeschlossen hat. Das Ordenszentrum mit dem Generalat befindet sich in Kottayam, Kerala.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Die Portugiesen verbrannten sogar die liturgischen B\u00fccher, die in syrischer Sprache geschrieben waren, d. h. in der Muttersprache Jesu!<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Z. B. mit dem Apostolischen Schreiben von Johannes Paul II. <em>Orientale Lumen <\/em>(\u00abDas Licht aus dem Osten\u00bb, 1995).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Syr.: <em>Segne, Herr!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Tage nach dem schrecklichen Blutbad von Mumbai flog ich dorthin, nicht etwa als Katastrophentourist, sondern weil ich zu einer Konferenz von Theologen in Pune eingeladen war. 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