{"id":789,"date":"2009-11-05T11:33:00","date_gmt":"2009-11-05T10:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=789"},"modified":"2021-07-05T11:35:20","modified_gmt":"2021-07-05T09:35:20","slug":"die-psalmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/die-psalmen\/","title":{"rendered":"Die Psalmen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer schon einmal eine byzantinische Vesper besucht hat, weiss, dass das Stundengebet der Ostkirchen recht verschieden ist vom Stundengebet, wie wir es in der Westkirche pflegen. Es geht nicht nur viel l\u00e4nger und t\u00f6nt anders. Auch die Texte sind sehr verschieden \u2013 bis auf die Psalmen und die Lobges\u00e4nge aus dem Alten und Neuen Testament! Und auch die Ostchristen folgen dem Aufruf des Apostels Paulus: Betet ohne Unterlass! (1 Thess 5,17) Und: Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn! (Eph. 5,19)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Psalmen sind aber nicht schon selber Gebet! Die ersten Christen und sp\u00e4ter die M\u00f6nche haben die Psalmen nicht gebetet sondern meditiert. Der Psalter war sicher bereits im Judentum zur Zeit Jesu der Grundtext der pers\u00f6nlichen, individuellen Fr\u00f6mmigkeit. Die Psalmen wurden auswendig gelernt und immer wieder rezitiert, vor sich her gesummt. Auch die ersten Christen und dann die M\u00f6nche haben die Psalmen rezitiert und gesungen, angefangen bei Psalm 1 der Reihe nach bis zum Ende und wieder von vorne. Durch diese Rezitation des Psalters wurde das pers\u00f6nliche Gebet angeregt und inspiriert. Durch diese Meditation des ganzen Psalmenbuches wurde die Botschaft Gottes in den Psalmen erst richtig einsichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese immense Bedeutung der Psalmen kommt auch im folgenden Text zum Ausdruck, der unter dem Namen von Johannes Chrysostomos zirkuliert (David gilt als der Verfasser der meisten Psalmen und ist ein Synonym f\u00fcr das ganze biblische Buch der Psalmen):<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWenn wir Nachtwache in der Kirche halten, kommt David zuerst, zuletzt und in der Mitte. Wenn wir fr\u00fch morgens Lieder und Hymnen w\u00fcnschen, ist David wieder erster, letzter und in der Mitte. Wenn wir mit dem Begr\u00e4bnis der Entschlafenen besch\u00e4ftigt sind, oder wenn Jungfrauen zu Hause sitzen und spinnen, David ist Erster, Letzter und in der Mitte. O erstaunliches Wunder! Viele, die wenig Fortschritt in der Literatur machten, kennen den Psalter auswendig. Auch ist David nicht nur in den St\u00e4dten und in den Kirchen ber\u00fchmt; auch auf dem Dorfmarkt, in der W\u00fcste und im unbewohnbaren Land regt er das Lob Gottes an. In den Kl\u00f6stern unter jenen heiligen Ch\u00f6ren der himmlischen Heere, ist David Erster, Letzter und in der Mitte. &#8230; Alle anderen M\u00e4nner schlafen nachts. David allein ist aktiv. Er sammelt die Diener Gottes zu seraphischen Gruppen, macht die Erde zum Himmel und verwandelt M\u00e4nner in Engel.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die Funktion des Psalmensingens ist durch den heiligen Basilius den Grossen so beschrieben worden: \u00abAls der Heilige Geist sah, dass die menschliche Rasse nur mit Schwierigkeit in Richtung Tugenden gef\u00fchrt wurde und dass wir, wegen unserer Neigung zur Lust, das aufrechte Leben vernachl\u00e4ssigten, was tat er da? Er verband die Lehren mit der Freude der Melodie, damit wir durch die Annehmlichkeit und die Sanftheit des Tones unbewusst den Nutzen der W\u00f6rter empfangen konnten, so wie kluge \u00c4rzte, die, wenn sie die ziemlich bitteren Arzneien zum Trinken geben, h\u00e4ufig den Becher mit Honig schmieren. So scheinen uns dies die harmonischen Melodien der Psalmen zu bewirken. Wer allem Anschein nach singt, formt in Wirklichkeit seine Seele.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"422\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/CUS_RB-6-2009_Psalm144.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-790\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/CUS_RB-6-2009_Psalm144.jpg 422w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/CUS_RB-6-2009_Psalm144-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 422px) 100vw, 422px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>So berichtet die Philokalie, dass der Vater Philomen in der Nacht den ganzen Psalter und die Cantica sang und einen Abschnitt aus dem Evangelium las. Daraufhin sass er da und murmelte \u00abHerr, erbarme dich\u00bb. Nachdem er geschlafen hatte, sang er fr\u00fch am Morgen wieder die Psalmen, setzte sich w\u00e4hrend des Sonnenaufganges auf seinen Sitz und betete und psallierte abwechselnd. Dann rezitierte er auswendig aus den Schriften der Apostel und dem Evangelium. Auf diese Weise betete und psallierte er ohne Unterlass und n\u00e4hrte sich von der Betrachtung der himmlischen Dinge.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihn einmal ein Bruder fragte, warum er durch den Psalter mehr mit S\u00fcssigkeit erf\u00fcllt werde als durch die ganze g\u00f6ttliche Schrift, und warum er, wenn er psalliere, die Worte ausspricht, als spr\u00e4che er zu jemandem, gab er zur Antwort: \u00abGott hat meiner niedrigen Seele den Sinn der Psalmen im voraus eingepr\u00e4gt, wie dem Propheten David. Und von der S\u00fcssigkeit der in ihnen enthaltenen mannigfachen Schauungen vermag ich mich nicht zu trennen; schliessen sie doch die ganze Heilige Schrift in sich.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich beinhaltet der Psalter eine bedeutungsvolle Verkettung oder Abfolge, eine akolouthia, wie der heilige Gregor von Nazianz sagt, durch die wir von Psalm 1 bis Psalm 150 an der Hand genommen werden und von den Anf\u00e4ngen des geistlich-religi\u00f6sen Lebens zum Gipfel, zur Anteilnahme an der absoluten, der g\u00f6ttlichen Seligkeit gef\u00fchrt werden. Auch moderne Exegeten best\u00e4tigen, dass schon nur das durchgehende Lesen des Psalmenbuches ein Fortschreiten sp\u00fcrbar werden l\u00e4sst, das im Grossen und Ganzen der Bewegung entspricht, von der die Kirchen- und M\u00f6nchsv\u00e4ter sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb werden die Psalmen im orthodoxen Gottesdienst immer noch in der Reihenfolge des Psalters rezitiert, wenn auch auf mehrere Tage und Gebetszeiten verteilt, mit Ausnahme einiger Psalmen, die noch zus\u00e4tzlich f\u00fcr bestimmte Momente und Zeremonien ausgew\u00e4hlt wurden und darum mehrfach erklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und deshalb wird auch heute noch den orthodoxen Gl\u00e4ubigen der Psalter als Andachtsbuch empfohlen. Das Buch der Psalmen soll sowohl im Gottesdienst als auch privat von den Gl\u00e4ubigen rezitiert werden. Dieses Rezitieren der Psalmen ist ein wichtiger Teil des Typikons der orthodoxen Kirche, des Buches mit den liturgischen und religi\u00f6sen Vorschriften.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Gl\u00e4ubigen sollen dieses erstaunliche Buch des Propheten-K\u00f6nigs David \u00f6ffnen. \u00d6ffnen wir es und lesen wir mit Aufmerksamkeit mindestens Psalm 118. Und wir f\u00fchlen unbewusst, dass unser Herz bescheiden wird und weich. Wir sp\u00fcren, dass in den Worten Davids die Worte von Gottes Verdienst sind. Und wir werden viele Male mit Seufzern des Herzens den Vers dieses Psalms wiederholen: Ich bin verirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer schon einmal eine byzantinische Vesper besucht hat, weiss, dass das Stundengebet der Ostkirchen recht verschieden ist vom Stundengebet, wie wir es in der Westkirche pflegen. Es geht nicht nur viel l\u00e4nger und t\u00f6nt anders. 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