{"id":792,"date":"2008-01-05T11:35:00","date_gmt":"2008-01-05T10:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=792"},"modified":"2021-07-05T11:36:38","modified_gmt":"2021-07-05T09:36:38","slug":"niklaus-von-fluee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/niklaus-von-fluee\/","title":{"rendered":"Niklaus von Fl\u00fce:"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der W\u00fcstenvater am Bergbach<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was hat der Einsiedler, Friedensstifter und Landespatron der Schweiz, Niklaus von Fl\u00fce, dessen Hochfest wir jeweils am 25. September feiern, in einem Informationsblatt des Schweizerischen Ostkirchenwerkes zu suchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss, manch einer erwartet an dieser Stelle und zu dieser Jahreszeit viel eher einige Zeilen \u00fcber den <strong>Hl. Bischof Nikolaus<\/strong> (4. Jh.) aus dem kleinasiatischen <strong>Myra<\/strong>, einen der beliebtesten Heiligen Russ-lands, der ja auch uns seit Generationen als g\u00fctiger, aber auch strenger \u00ab<em>Samichlaus\u00bb <\/em>ans Herz gewachsen ist. &#8211; \u00dcber diesen Nikolaus von Myra k\u00f6nnte man vieles schreiben; man k\u00f6nnte ihn gewisser-massen als Br\u00fccke zwischen orthodoxem Osten und katholischem Westen hervorheben und zu w\u00fcrdigen versuchen. Man k\u00f6nnte sich mit den vielen bildreichen Legenden befassen, die sich um die Lebensgeschichte des Heiligen ranken und teilweise gar in unser Brauchtum Eingang gefunden haben. Dieser Nikolaus ist eine w\u00fcrdige Gestalt, ein wahrhaft Heiliger f\u00fcr das Volk\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber fangen wir mit diesem anderen Nikolaus an, dem <strong>Niklaus von Fl\u00fce <\/strong>(1417-1487), jenem mittelalterlichen Bauern, Politiker und Familienvater aus Obwalden, der sich mit 50 Jahren in die Einsamkeit zur\u00fcckzieht und w\u00e4hrend fast 20 Jahren keinerlei Nahrung mehr bedarf, ausser der Heiligen Kommunion? Eine ausf\u00fchrliche Antwort darauf gibt der ehemalige Generalsekret\u00e4r der <em>Catholica Unio Internationalis<\/em> und unser ehemaliges und langj\u00e4hriges Vorstandsmitglied der <em>Catholica Unio Schweiz<\/em>, <strong>Dr. Iso Baumer<\/strong>, Fribourg, in seinem \u00e4usserst lesenswerten B\u00fcchlein: \u00ab<em>Niklaus von Fl\u00fce: Der W\u00fcstenvater am Bergbach\u00bb.<\/em><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Eindr\u00fccklich beleuchtet Iso Baumer den<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lebensweg\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>des angesehenen Ratsherrn, Richters, Soldaten und Bauern, der mit 30 Jahren seine Frau Dorothee Wyss heiratet, die ihm 10 Kinder, 5 M\u00e4dchen und 5 Buben, schenkt. Gemeinsam bewirtschaften sie das grosse \u00abHeimet\u00bb auf dem Fl\u00fceli, hoch \u00fcber dem Sarnersee.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam stehen sie auch jene schwierigen Jahre durch, in denen Niklaus von Fl\u00fce in eine tiefe <strong>Lebens- und Sinnkrise<\/strong> ger\u00e4t. Von Kindheit an ein zutiefst gottverbundener Mensch, der sich gerne und oft zum Gebet zur\u00fcckzieht und bisweilen gar Visionen hat, er ist er nun auf der existentiell wichtigen Suchen nach dem \u00abeinig Wesen\u00bb, das seine innerste Sehnsucht stillt und ihn von jener qu\u00e4lenden Unruhe befreit, die ihn oft nicht essen und nicht schlafen l\u00e4sst. Niklaus braucht Hilfe in seiner grossen seelischen Not, die ihm so vorkommt, als ob Gott ihn im Innersten mit einer reinigenden Feile bearbeiten w\u00fcrde. Es ist eine schlimme Zeit f\u00fcr Niklaus, in der ihm \u2013 wie er selber sagt \u2013 zeitweilig sogar Frau und Kinder l\u00e4stig sind. Im befreundeten Priester Heimo Amgrund, Pfarrer in Kriens bei Luzern, findet er ein offenes Ohr und guten Rat. Dieser empfiehlt Niklaus, t\u00e4glich das Leiden Christi betend zu betrachten. Daraus sch\u00f6pft er Kraft und findet langsam, aber immer dr\u00e4ngender seinen pers\u00f6nlichen Weg, den er gehen muss: den Weg in die Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Am St. Gallus-Tag, 16. Oktober, des Jahres 1467 ist es soweit: Mit dem Einverst\u00e4ndnis seiner Ehefrau verl\u00e4sst Niklaus von Fl\u00fce Familie und Hof, um als Pilger ins Ausland zu ziehen und sich vielleicht irgendwo als Waldbruder in der Einsamkeit niederzulassen. Es sollte eigentlich ein Abschied f\u00fcr immer sein. Doch auf abenteuerliche Weise wird <strong>Bruder Klaus<\/strong>, wie er sich nun nennt, wieder in seine Heimat zur\u00fcckgef\u00fchrt. In unmittelbarer N\u00e4he seiner Familie und seines Wohnhauses auf dem Fl\u00fceli, findet Bruder Klaus schliesslich seinen Platz: unten im Ranft, in einem unwirtlichen Tobel nur wenige Steinw\u00fcrfe von seinem \u00abHeimet\u00bb entfernt, l\u00e4sst er sich nieder. Am Ufer des wilden <em>Bergbaches,<\/em> der <em>Melchaa<\/em>, wird ihm von verst\u00e4ndigen Bauern der Umgebung schon bald eine einfache Klause mit angebauter Kapelle errichtet. Hier wird nun Bruder Klaus seine n\u00e4chsten 20 Jahre als Eremit und Mystiker, als Ratgeber und Friedensstifter, als weit \u00fcber die Landesgrenze hinaus bekannter und geachteter Einsiedler leben und wirken. Hier nun hat der <strong>W\u00fcstenvater am Bergbach <\/strong>seinen Platz gefunden, hier kann er sich ganz dem \u00abeinig Wesen\u00bb hingeben, hier wird er auch am 21. M\u00e4rz 1487 im Ruf der Heiligkeit sterben.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00fcstenvater am Bergbach?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, stellt sich beim n\u00e4heren Hinsehen als \u00e4usserst passende Bezeichnung f\u00fcr Bruder Klaus heraus. Sein Leben und Wirken erinnert in der Tat an die ber\u00fchmten W\u00fcstenv\u00e4ter der ersten Jahrhunderte. So schreibt etwa ein gewisser Abt Johann Trithemius 1486 \u00fcber Bruder Klaus: \u00ab<em>Er ist ein Mann von scharfem Verstand, der, trotzdem er des Lesens und Schreibens v\u00f6llig unkundig, wie ein zweiter Antonius, der Einsiedler, aufs beste den Sinn der Heiligen Schrift erfasst.\u00bb<\/em><a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Ein anderer Zeitzeuge, Heinrich Gundelfingen, meint sogar, in Bruder Klaus einen Erneuerer des Anachoretentums zu sehen. Er schreibt \u00fcber den Obwaldner: <em>\u00abEr hat seinen Geist auf nichts anderes mehr hingelenkt als auf die Wiederherstellung des Eremitenstandes, der, von Antonius und Paulus eingef\u00fchrt, aber seither g\u00e4nzlich unterdr\u00fcckt worden war\u2026 Er legte das Gel\u00fcbde ab, wenn seine Gattin zustimme, ein Einsiedlerleben zu f\u00fchren und in einem einfachen\u2026 Gewande\u2026Gott zu dienen. Daher ist unser Einsiedler, nach unserer Ansicht nicht ohne Berechtigung, jenen V\u00e4tern der W\u00fcste \u00c4gyptens ob seiner unerh\u00f6rten Abstinenz an die Seite gestellt worden.\u00bb<\/em><a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese zun\u00e4chst mehr \u00e4usserlich anmutenden \u00c4hnlichkeiten zwischen dem Eremiten im Ranft und den grossen Gestalten des Anachoretentums der fr\u00fchen Zeit der Kirche, weisen doch auf eine viel tiefere und grunds\u00e4tzlichere Verwandtschaft des mittelalterlichen Obwaldners mit seinen tausend Jahre \u00e4lteren W\u00fcstenv\u00e4tern hin. Bruder Klaus suchte in der Einsamkeit die immer gr\u00f6ssere und innigere N\u00e4he zum \u00abeinig Wesen\u00bb, zu Gott, dessen Ruf er in die \u00abW\u00fcste am Bergbach\u00bb gefolgt war. Dieser Weg nach innen, hinaus aus der Welt, f\u00fchrte Bruder Klaus aber ebenso auch nach aussen, hinein in die Welt. F\u00fcr unz\u00e4hlige Menschen wurde er zum Berater in Lebens- und Glaubensentscheidungen, zum Lehrer und geistlichen Begleiter \u2013 oder wie es im Osten heisst: zum Starez, zum geistlichen Vater und Begleiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl im Rufe der Heiligkeit gestorben brauchte es noch Jahrhunderte, ehe Bruder Klaus 1947 durch Papst Pius XII heilig gesprochen und damit zu Ehren der Alt\u00e4re erhoben wurde. Als <strong>Heiliger<\/strong>, wenn auch \u00abnur\u00bb der r\u00f6misch-katholischen Kirche, und als <strong>\u00abW\u00fcstenvater<\/strong> <strong>am Bergbach\u00bb<\/strong>, wie als \u00abStarez\u00bb f\u00fcr so viele suchende Menschen damals wie heute ist Bruder Klaus ein beeindruckendes Bindeglied \u00fcber die konfessionellen Grenzen hinweg. So schreibt Kardinal Sch\u00f6nborn in seinem Vorwort zu Iso Baumers Buch: \u00ab<em>Heilige trennen nicht. Weil sie mit Christus verbunden sind, verbinden sie die Menschen untereinander, besonders die getrennten Christen. Die Heiligen sprechen durch ihr Leben eine Sprache, die alle Christen verstehen k\u00f6nnen, und selbst Nichtchristen ist sie nicht fremd\u2026. Heilige \u00fcbersteigen die Grenzen der Kulturen und V\u00f6lker\u2026\u00bb <\/em>und im Blick auf Bruder Klaus:<em> \u00abGibt es nicht \u2013 noch viel zu wenig ausgesch\u00f6pft \u2013 eine \u00d6kumene der Heiligen? Sollte das \u00f6kumenische Gespr\u00e4ch nicht verst\u00e4rkt darauf aus sein, dass die getrennten Christen sich gegenseitig wieder erkennen im Spiegel ihrer grossen Heiligen?\u00bb<\/em><a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Iso Baumer hat mit seinem B\u00fcchlein hierzu einen grossen Schritt getan.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Iso Baumer, Nikolaus von Fl\u00fce: Der W\u00fcstenvater am Berg-<br>&nbsp; bach. Verlag Fluhegg Basel, 2005<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Siehe Anmerkung 1: Das B\u00fcchlein ist mit einem Vorwort von<br>&nbsp; Christoph Kardinal Sch\u00f6nborn, Erzbischof von Wien, bereits in<br>&nbsp; dritter Auflage erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Vgl. zur \u00e4usseren und inneren Biographie des Niklaus von<br>&nbsp; Fl\u00fce das empfehlenswerte Buch:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; Roland Gr\u00f6bli, Die Sehnsucht nach dem \u201eeinig Wesen\u201c. Leben<br>&nbsp; und Lehre des Niklaus von Fl\u00fce, NZN Buchverlag Z\u00fcrich,<br>&nbsp; 1995<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Zitiert nach R. Gr\u00f6bli, S. 266; vgl. I. Baumer, S. 14<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Zitiert nach R. Gr\u00f6bli, S. 266; vgl. I. Baumer, S. 14<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> I. Baumer, S. 7-8<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der W\u00fcstenvater am Bergbach[1] Was hat der Einsiedler, Friedensstifter und Landespatron der Schweiz, Niklaus von Fl\u00fce, dessen Hochfest wir jeweils am 25. September feiern, in einem Informationsblatt des Schweizerischen Ostkirchenwerkes zu suchen? Gewiss, manch einer erwartet an dieser Stelle und zu dieser Jahreszeit viel eher einige Zeilen \u00fcber den Hl. Bischof Nikolaus (4. 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