{"id":796,"date":"2008-11-05T11:38:00","date_gmt":"2008-11-05T10:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=796"},"modified":"2021-07-05T11:39:15","modified_gmt":"2021-07-05T09:39:15","slug":"christliche-hoffnung-ueber-den-tod-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/christliche-hoffnung-ueber-den-tod-hinaus\/","title":{"rendered":"Christliche Hoffnung \u00fcber den Tod hinaus"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn im November leise die Bl\u00e4tter fallen, Nebelschwaden sich \u00fcber Seen und H\u00fcgel legen und die abgeernteten Felder kahl vor uns liegen, &#8211; dann zieht in manches Herz eine leise Melancholie ein. Die kahlen B\u00e4ume und Str\u00e4ucher, die grauen \u00c4cker und Wiesen, die kurzen Tage und langen N\u00e4chte \u2013 kurz: die Natur erinnert uns auf Schritt und Tritt an die Verg\u00e4nglichkeit, an Werden und Vergehen, Leben und Sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>In manchem Haus wird in diesen sp\u00e4therbstlichen Wochen wieder \u00f6fters mal eine Kerze entz\u00fcndet, ein Lichtlein ins Fenster gestellt. Wenn es einen in den sommerlichen Monaten stets hinaus ins Freie gedr\u00e4ngt hat, so zieht es uns nun vielmehr herein, in die wohlige W\u00e4rme und Geborgenheit der Stube. Alles scheint irgendwie innerlicher, ruhiger, langsamer zu werden. &#8211; Der abendliche Spaziergang durch das raschelnde Laub, mit hochgekrempeltem Kragen und tief in die Taschen vergrabenen H\u00e4nden, wird auf einmal zu einem besinnlichen Gehen. Das Zusammenrechen des bunten Laubteppichs im Garten entwickelt sich unversehens zur meditativen Handarbeit. Der Duft von feuchter Erde und auch jener von heissen Maroni weckt Kindheitserinnerungen, Erinnerungen an l\u00e4ngst vergangene, nicht wiederkehrende Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn im November leise die Bl\u00e4tter fallen und sich Nebelschwaden \u00fcber den Tag legen, dann wird uns bewusst: es ist nicht nur der Sommer, der vergangen ist und nicht allein das Jahr, das sich seinem Ende zuneigt, wir sp\u00fcren vielmehr: das Leben \u00fcberhaupt ist verg\u00e4nglich \u2013 mein Leben ist verg\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00abLeben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn\u2026<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u2026Ob wir leben oder ob wir sterben, wir geh\u00f6ren dem Herrn\u00bb <\/em>(R\u00f6merbrief 14,8).<\/p>\n\n\n\n<p>Es verwundert eigentlich nicht, dass Ende des 10. Jahrhunderts die M\u00f6nche von Cluny (Frankreich) den Tag ihres Totengedenkens zum Beginn des Novembers feierten. Dieser Gedenktag \u2013 Allerseelentag \u2013 wurde schon bald auch ausserhalb der Kl\u00f6ster aufgegriffen und begangen. Der Monat November schien geradezu daf\u00fcr geschaffen zu sein, sich all jener zu erinnern, deren irdisches Leben nun vollendet ist und die, wie es der Glaube sagt, in das unverg\u00e4ngliche Leben bei Gott eingegangen sind. &#8211; So beten wir in der Liturgie der r\u00f6misch-katholischen Kirche auch an diesem Allerseelentag, am 2. November:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abAllm\u00e4chtiger Gott,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>wir glauben und bekennen,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>dass du deinen Sohn<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als Ersten von den Toten auferweckt hast.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>St\u00e4rke unsere Hoffnung,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>dass du auch unsere Br\u00fcder und Schwestern auferwecken wirst zum ewigen Leben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Darum bitten wir durch ihn,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jesus Christus, unseren Herrn\u2026\u00bb<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir entz\u00fcnden Kerzen auf den Gr\u00e4bern und bezeugen so unsere Hoffnung, ja unseren Glauben, dass Christus, das unverg\u00e4ngliche Licht, allen unseren Verstorbenen leuchtet und sie durch seine Auferstehung heimholt, nach Hause f\u00fchrt, sie dorthin geleitet, wo er f\u00fcr sie, f\u00fcr uns alle eine Wohnung bereitet hat (vgl. Johannes 14,2).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir im Westen also unserer Verstorbenen in besonderer Weise im November gedenken, also zu jener Zeit, in der uns auch die Natur an die Verg\u00e4nglichkeit erinnert, haben die Kirchen des Ostens andere Termine gew\u00e4hlt. So feiern die Kirchen des byzantinischen Ritus zwei besondere Totengedenken: das erste am Samstag vor dem \u00abSonntag des Fleischverzichts\u00bb (8. Sonntag vor Ostern) und das zweite am Samstag vor dem Pfingstfest. \u2013 Zum einen also wird an die Toten zu jener Zeit erinnert, in der man sich auf die Grosse Fastenzeit vorbereitet. Mit dem bevorstehenden Leiden und Sterben Jesu wird auch uns bewusst, dass unser Leben von Leiden und Sterben gezeichnet ist. Am Ende aber, so das grosse Geheimnis, steht die Auferweckung Jesu, im Ostertroparion hundertfach besungen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00abChrist ist auferstanden von den Toten, im Tode bezwang er den Tod, und schenkte den Entschlafenen das Leben!\u00bb<a href=\"#_ftn2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch bevor dieser Freudenjubel ausbrechen kann, das Gedenken an die Verstorbenen, derer in dieser Liturgie in der Vorfastenzeit gedacht und f\u00fcr die im Troparion gebetet wird:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abIn deiner tiefen Weisheit und Menschenliebe ordnest du alles und teilest allen das ihnen Geb\u00fchrende zu,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>o einziger Sch\u00f6pfer!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gib Ruhe, Herr, den Seelen Deiner Knechte; denn auf dich haben sie ihre Hoffnung gestellt, du unser Urheber, Bildner und Gott.\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt die inst\u00e4ndige Bitte an Christus, der selber ja das Leiden erfahren und getragen und Sterben und Tod durchlitten hat:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abChristus, lass die Seelen deiner Knechte mit deinen Heiligen ruhen, dort wo es M\u00fchsal, Leiden und Klagen nicht gibt, sondern nie endendes Leben.\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und nochmals wird f\u00fcr die Verstorbenen gebetet, nun nach Ostern, unmittelbar vor Pfingsten. \u2013 Der Tod ist besiegt, Christus ist auferstanden und zum Vater heimgekehrt. Er sendet den Geist, den Lebensspender, der alles Neu machen und mit Leben durchwirken wird. Wieder also betet die Kirche f\u00fcr die Entschlafenen und bittet:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abLass alle, die aus dieser Zeitlichkeit von uns geschieden sind, in den Zelten deiner Auserw\u00e4hlten wohnen und mit den Gerechten ruhen, unsterblicher Heiland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Haben sie auf Erden als Menschen gefehlt, dann vergib ihnen du, s\u00fcndloser Herr, ihre freiwilligen und unfreiwilligen Vergehen, da f\u00fcr sie eintritt die Mutter Gottes, die dich geboren, damit wir einstimmig singen f\u00fcr sie das Alleluja.\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein wesentliches Merkmal unseres christlichen Glaubens, dass unsere Verstorbenen also nicht einfach tot und vergessen sind. Sie leben, wenn auch in einer anderen Wirklichkeit und \u2013 so hoffen und glauben wir \u2013 sie werden eingehen in die Herrlichkeit Gottes. So geh\u00f6ren die Verstorbenen zu uns und wir zu ihnen; sie sind uns vorangegangen, wir folgen ihnen nach; sie legen F\u00fcrbitte f\u00fcr uns ein, wir beten f\u00fcr sie. \u2013 Wie wichtig dieses Gebet ist, zeigt denn auch die t\u00e4gliche Liturgie. Ob in der Kirche des Ostens oder des Westens, in jeder G\u00f6ttlichen Liturgie, in jeder Eucharistiefeier beten wir f\u00fcr unsere Verstorbenen, so heisst es denn in der Anaphora, dem Hochgebet der G\u00f6ttlichen Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abGedenke, Herr, auch aller, die in der Hoffnung auf die Auferstehung zum ewigen Leben entschlafen sind. Gib ihnen die Ruhe dort, wo das Licht deines Antlitzes leuchtet.\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnen wir getrost mit Paulus sagen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abWir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein\u00bb ( 2. Korintherbrief 5,6-8).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bl\u00e4ttler, Diakon<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Schott-Messbuch, Lesejahr A, Herder Freiburg, 1983. S. 712<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Dieses und alle folgenden Zitate sind entnommen aus:<br>&nbsp; N. Edelby, Liturgikon, Aurel Bongers, Recklinghausen, 1967<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn im November leise die Bl\u00e4tter fallen, Nebelschwaden sich \u00fcber Seen und H\u00fcgel legen und die abgeernteten Felder kahl vor uns liegen, &#8211; dann zieht in manches Herz eine leise Melancholie ein. 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