{"id":798,"date":"2019-09-05T13:17:00","date_gmt":"2019-09-05T11:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=798"},"modified":"2021-07-05T13:22:58","modified_gmt":"2021-07-05T11:22:58","slug":"gesang-und-pauke-aethiopische-eindruecke-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/gesang-und-pauke-aethiopische-eindruecke-ii\/","title":{"rendered":"Gesang und Pauke \u2013 \u00c4thiopische Eindr\u00fccke (II)"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Froh-ernster Glaube<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Geez<\/em> (G\u0259\u201b\u0259z), die sakrale Sprache des alt\u00e4thiopischen Reiches von Aksum, wird bis heute in der Liturgie verwendet, und die ganze Versammlung singt im Wechsel mit den zahlreichen Priestern, Diakonen und <em>D\u00e4bt\u00e4ras<\/em><a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> die Hymnen, deren Worte in besonders feierlichen Momenten von H\u00e4ndeklatschen, Trommeln, Sistren, Gebetsst\u00f6cken und Jubeltrillern rhythmisiert werden. Bei festlichen Prozessionen wandern auch Musikanten mit, die H\u00f6rner, Fl\u00f6ten, Harfen und Leiern erklingen lassen. Dies und viele andern Rituale erinnern deutlich an biblische Stellen.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die byzantinische Tradition jedes Musikinstrument in der Liturgie verbietet, zeichnet sich der Gottesdienst der \u00c4thiopier durch den geradezu kanonisch organisierten Einsatz von <em>K\u00e4b\u00e4ro<\/em> (Trommel mit zwei Fellen), <em>S\u00e4nasel <\/em>(Sistrum, Handrassel), <em>B\u00e4g\u00e4nna<\/em> (Harfe) und <em>M\u00e4qqwamiya<\/em> (Gebetsstock) aus. Diese \u201eliturgischen Ger\u00e4te\u201c voller Symbolik kommen denn auch auf Ikonen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn einem westlichen Christen des Mittelalters und der \u201eNeuzeit\u201c die orientalischen Kirchen seltsam, \u201ej\u00fcdisch\u201c und sogar h\u00e4retisch vorkommen, so k\u00f6nnen Syrer, Armenier, Kopten, \u00c4thiopier entgegnen: \u201eWarum behauptet ihr, nur die Heilige Schrift sei f\u00fcr den Glauben mass-gebend, sitzt aber beim Gottesdienst in Bank-reihen wie im Theater und betet mit gesenkten Augen, statt vor Gott zu stehen und die H\u00e4nde zum Himmel zu erheben, das Weihrauchopfer darzubringen, zu tanzen, zu singen und dem Herrn zuzujubeln, wie es in der Bibel steht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Nat\u00fcrlichkeit im allt\u00e4glichen Umgang mit Religion f\u00e4llt Europ\u00e4ern das respektvolle Verhalten der Gl\u00e4ubigen auf: sie ziehen vor dem Betreten der Kirche die Schuhe aus (wie Mose vor dem brennenden Dornbusch, Ex 3,5) und werfen sich vor einer Ikone nieder, wenn sie zu einem Heiligen beten.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Das Bewusstsein von Heiligkeit und Reinheit \u00e4ussert sich auch in den h\u00e4ufigen Fastenzeiten und in Speisevorschriften \u2013 wiederum ein Erbe des Alten Testaments (z. B. Lev 11).<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchen wir erst einmal, die reiche Bilderwelt der Hymnen zu verstehen, erkennen wir die \u00dcberzeugung, dass in Jesus der ewige g\u00f6ttliche <em>Logos<\/em> Mensch geworden ist und Maria <em>Gottesmutter<\/em> genannt werden darf. Im ber\u00fchmten <em>Blumenlied<\/em> singen die \u00c4thiopier:<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dein Wunder ward, Maria, im Gesetz des Mose kund,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als du, der Dornbusch, mit der Gottheit schlossest einen Bund:<\/em><a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>So n\u00e4mlich sah dich Mose, der Propheten erster Mund.<\/em><a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Beschatte mich mit deinem Laub, das gr\u00fcn und stets gesund.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Glut der Bl\u00fcte<\/em><a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> <em>brenn die Dornen, da ich s\u00fcndenwund.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Orthodoxie \u2013 Rechtgl\u00e4ubigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem 5. Jahrhundert haben Konstantinopel und Rom die orientalischen Gl\u00e4ubigen als Abweichler und ihre grossen Theologen als Irrlehrer betrachtet. Doch die Erforschung der liturgischen Texte haben im Verlauf der letzten hundert Jahre den Beweis erbracht, dass der Vorwurf des <em>Monophysitismus<\/em><a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> verfehlt ist \u2013 ausser kirchenpolitischen Gr\u00fcnden ist die verschiedene Auffassung des griechischen Wortes <em>physis<\/em> (\u201eNatur\u201c) daf\u00fcr verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gehaltvolle Theologie und vollendete Poesie w\u00fcrde den \u201everkopften\u201c Theologen im Westen viel verlorenes Gut zur\u00fcckbringen \u2013 wenn sie sich denn daf\u00fcr interessieren w\u00fcrden. Die \u00e4thiopische Kirche bezeichnet sich als <em>T\u00e4wahedo<\/em>-Kirche, w\u00f6rtlich \u201eVereinigungs-Kirche\u201c, weil sie die g\u00f6ttliche und die menschliche Natur in Christus (im byzantinisch-r\u00f6mischen Sprachgebrauch \u201eDoppelnatur\u201c) vollst\u00e4ndig anwesend, aber vereinigt sieht. Deshalb nennt man sie heute nicht mehr polemisch \u201emonophysitisch\u201c (\u201eeinzige Natur\u201c), sondern <em>miaphysitisch<\/em> (\u201eeine Natur\u201c) und <em>orientalisch-orthodox<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl diese Kirche erst seit 1959 mit einem eigenen Patriarchen aus der juristischen Abh\u00e4ngigkeit vom Koptischen Patriarchat Alexandrien entlassen wurde, hat sie seit ihren Anf\u00e4ngen ihr eigenes Gepr\u00e4ge behalten: Sie hat das urchristliche Erbe samt den syrischen, byzantinischen und r\u00f6mischen Einfl\u00fcssen ihrer afrikanischen Kultur angepasst, j\u00fcdische und heidnische Br\u00e4uche entweder \u201egetauft\u201c (d. h. christlich umgedeutet, z. B. Zauberliteratur in magische Schutzrollen, Amulette und Abwehrgebete gewandelt) oder aber ge\u00e4chtet (z. B. die im \u00fcbrigen Afrika beliebten geschnitzten Idole).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine wahre Schwesterkirche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im 4. Jh. bereits zur Staatskirche geworden, hat das Christentum mehrere Vernichtungsversuche \u00fcberstanden, das letzte Mal das D\u00e4rg-Regime (eine brutale Diktatur nach sovetischem Muster 1974-91). Dies ist einem tief verwurzelten Glauben m\u00f6glich, der sich auf allen Ebenen \u00e4ussert: in der Kenntnis der \u201eF\u00fcnf S\u00e4ulen des Geheimnisses\u201c,<a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> im t\u00e4glichen Gebet der Familie, in der langj\u00e4hrigen Ausbildung der Geistlichen, in der Lebensweise der M\u00f6nche und Einsiedler, in der Pflege der liturgischen Formen, in der reichen Symbolik der Ikonographie und der Kirchen\u00adarchitektur. So best\u00e4tigt diese <em>Schwesterkirche<\/em>, dass nicht Uniformit\u00e4t das Ziel der \u00d6kumene sein kann, sondern Einheit im Glauben, der beherzt und kreativ in die eigene Kultur integriert ist \u2013 in gelungener <em>Inkulturation<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fotos<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1) Prozession mit vollem Einsatz<\/p>\n\n\n\n<p>2) Gebet vor Gabriel als Besch\u00fctzer der drei J\u00fcnglinge im Feuerofen (Dan 3) und als Verk\u00fcnder in Nazaret (Lk1)<\/p>\n\n\n\n<p>3) Nazrawit (= Christliches) Krankenhaus, Addis Ab\u00e4ba<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Theologisch und musikalisch hochgebildete S\u00e4nger, T\u00e4nzer und Schriftsteller (ohne Weihe).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. 2Sam 6 (Prozession mit Gesang, Musik und Tanz); Ps 29,2 (Niederwerfen); 33,1-3 (Jubel, Leier, Harfe, Gesang); 81,3f. (Gesang, Pauke, Leier, Harfe, Horn); 150,3-5 (Horn, Harfe, Leier, Trommel, Fl\u00f6te, Zimbel, Gesang, Tanz); 2Chr 5,12f. (Zimbel, Harfe, Zither, Trompete, Gesang); Dtn 16,11.14f. (fr\u00f6hliche Feier); Apg 16,25 (Lobgesang); Eph 5,19 (Hymnen, Jubel); Ex 30,34ff. (R\u00e4ucherwerk); Off 5,8; 8,3f. (Weihrauch) usw.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Prostration, zum Ausdruck von Achtung und Ehrfurcht sehr h\u00e4ufig, z. B. Ex 33,10; 1Kg 1,23; Mt 2,1; Off 4,10.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Str. 23 (\u00fcbs. JPD); alle 156 Strophen des Hymnus bestehen aus f\u00fcnf Zeilen mit Haufenreim!<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Der brennende und doch nicht verzehrte Dornbusch (Ex 3,2ff.) als Pr\u00e4figuration der Gottesgeb\u00e4rerin Maria.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Bild der Jungfr\u00e4ulichkeit Marias und der Inkarnation; vgl. die beliebte \u201emystisch-didaktische\u201c <em>Dornbusch-Ikone<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Christus, das g\u00f6ttliche Feuer, als Sohn Marias; vgl. das Weihnachtslied \u201eEs ist ein Reis entsprungen\u201c (gemeint ist Maria aus der \u201eWurzel Jesse\u201c, die uns \u201eein Bl\u00fcmlein bracht\u201c (Jesus).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Ansicht, in Jesus habe die g\u00f6ttliche Natur die menschliche absorbiert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Dreifaltigkeit, Inkarnation, Taufe, Eucharistie, Auferstehung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Froh-ernster Glaube Geez (G\u0259\u201b\u0259z), die sakrale Sprache des alt\u00e4thiopischen Reiches von Aksum, wird bis heute in der Liturgie verwendet, und die ganze Versammlung singt im Wechsel mit den zahlreichen Priestern, Diakonen und D\u00e4bt\u00e4ras[1] die Hymnen, deren Worte in besonders feierlichen Momenten von H\u00e4ndeklatschen, Trommeln, Sistren, Gebetsst\u00f6cken und Jubeltrillern rhythmisiert werden. 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