{"id":854,"date":"2009-07-05T14:10:00","date_gmt":"2009-07-05T12:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=854"},"modified":"2021-07-05T14:13:14","modified_gmt":"2021-07-05T12:13:14","slug":"hueben-und-drueben-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/hueben-und-drueben-i\/","title":{"rendered":"H\u00fcben und dr\u00fcben (I)"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine Reise durch Rum\u00e4nien und der Aufenthalt in einem orthodoxen Kloster vermitteln dem Besucher aus Westeuropa Eindr\u00fccke, die ihm an gew\u00f6hnlichen Touristen-Orten nicht zuteil werden. Einige kommentierte Notizen aus dem Tagebuch sollen eine Vorstellung davon erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Christlicher Kalender?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit langem empfinden es viele Gl\u00e4ubige als stossend, dass die Christen wegen den verschiedenen Berechnungsmethoden es nicht schaffen, ihr h\u00f6chstes Fest \u00fcber die konfessionellen Grenzen hinweg gemeinsam zu feiern (vgl. dazu die Ausf\u00fchrungen von P. Kilian Karrer in RB 2\/2008). Dies geschieht nur ausnahmsweise, meistens liegen westliche und orthodoxe Ostern eine bis f\u00fcnf Wochen auseinander. Ein eigenartiger \u00abVorteil\u00bb des Skandalons liegt darin, dass man die Karwoche wiederholen und zweimal Ostern feiern kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Osterfahrt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nach Westen fliehen gr\u00fcne B\u00e4ume,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die Sonne auch, viel Bl\u00fctenpracht,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>indes im Osten frohe R\u00e4ume<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>mir Osterfrieden zugedacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gib, Herr, dass an den leichten Lasten,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die G\u00fcte mir zu tragen gibt,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>ich dankbar m\u00f6ge doch ertasten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die Vaterliebe, die nur liebt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Bahn- und Autofahrt von Westeuropa durch Ungarn und Rum\u00e4nien zeigt sich, dass im Osten wegen der kontinentalen Lage der Fr\u00fchling sp\u00e4ter anbricht. Die Weite der Landschaft weckt Hoffnung und Vertrauen, von der gewohnten Hektik und Anspannung Abstand nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>P. S\u00e1ndor und P. Ferenc, Priester der ungarischen Griechisch-Katholischen Kirche, mit denen ich seit Jahren befreundet bin, und ihre Angeh\u00f6rigen (sie sind verheiratet und mit ganz lieben Kindern gesegnet) haben den Gast mit erquickender Fr\u00f6hlichkeit bei sich aufgenommen. Die Reise f\u00fchrt uns drei \u00abSchwarzr\u00f6cke\u00bb durch die Region von Nordwest-Rum\u00e4nien, wo die bewegte Geschichte der vergangenen tausend Jahre und besonders des 20. Jahrhunderts eine eigenartige Nationalit\u00e4ten- und Sprachsituation geschaffen hat: Der Grenzort heisst rum\u00e4nisch Urziceni, ungarisch Csan\u00e1los und deutsch Schonthal, andere St\u00e4dte und D\u00f6rfer in den Bezirken Satu Mare (Szatm\u00e1rn\u00e9meti, Sathmar) und Maramure\u015f (Maramuresch) haben rum\u00e4nisch-ungarisch-ukrainisch-deutsche Namen, z. B. Reme\u0163i (P\u00e1losremete, \u0420\u0435\u043c\u0435\u0442\u0438) an der Theiss (Tisa, Tisza, \u0422\u0438\u0441\u0430). Mittelalterliche V\u00f6lkerwanderung und neuere Migration, Wechsel der Staatszugeh\u00f6rigkeit, politische Parteiungen, Unfriede zwischen den Nationalit\u00e4ten und Religionen, Deportation und Massaker haben bis heute Empfindlichkeiten und Querelen zur Folge. In Sighet (Sziget, \u0421\u0438\u0433\u043e\u0442\u0430, Siget) fahren wir an zahlreichen Kirchen vor\u00fcber: Meine Freunde sehen ihnen gleich an, ob sie orthodox oder protestantisch, r\u00f6misch- oder griechisch-katholisch, rum\u00e4nisch, ungarisch, deutsch oder ukrainisch sind!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"805\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_3-1024x805.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-855\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_3-1024x805.jpg 1024w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_3-300x236.jpg 300w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_3-768x603.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_3-1536x1207.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_3-2048x1609.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Glaubenstreue und Misstrauen<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie m\u00f6gen die zertrennten Br\u00fcder<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und Schwestern ihren Glauben wieder<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>zusammen leben, da sie Lieder<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>in vielen fremden Sprachen singen,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die falsch in ihren Ohren klingen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Land der Kirchen und Kl\u00f6ster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Sturz von Ceau\u015fescu 1989 werden im ganzen Land viele neue <em>biserici<\/em> gebaut, besonders sch\u00f6n sind die orthodoxen Gottesh\u00e4user, klassisch in der Kreuzkuppel-Architektur errichtet und mit Fresken ausgemalt. In Moisei (Majszin, Mosesdorf), wo bis zum Zweiten Weltkrieg eine grosse j\u00fcdische Gemeinde lebte, sehen wir uns die Himmelfahrts-Kirche an; dann klettern wir auf der kurvenreichen Strasse des Prislop-Passes \u00fcber die Ostkarpaten \u2013 die Bergk\u00e4mme sind noch verschneit \u2013 und folgen hundert Kilometer der Bistri\u0163a (Beszterce, Bistritz) hinunter in die historische Region Moldau.<\/p>\n\n\n\n<p>Um unser Ziel bald zu erreichen, besuchen wir nur <em>en passant<\/em> ein paar der ber\u00fchmten Kl\u00f6ster, z. B. Petru Voda, dessen Aussenfresken anschaulichen Stoff f\u00fcr manche Religionsstunde b\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>M\u01cen\u01cestire Sih\u01cestria<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zum heilgen Ort sind wir gekommen,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>das Leiden Christi zu betrachten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn andre auch das Kreuz verachten:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich preise Ihn, Der\u2019s angenommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"943\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_2-943x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-856\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_2-943x1024.jpg 943w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_2-276x300.jpg 276w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_2-768x834.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_2.jpg 1026w\" sizes=\"(max-width: 943px) 100vw, 943px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach byzantinischer Tradition tr\u00e4gt jedes Kreuz die Aufschrift: JESUS CHRISTUS SIEGT. Am Karfreitag f\u00fcllt sich die grosse neue Klosterkirche wieder mit Pilgern von nah und fern. Sie wohnen der zweist\u00fcndigen Vesper bei, die Jesu erl\u00f6senden Tod und Seine Grablegung vergegenw\u00e4rtigt. Und in der Nacht zum Karsamstag stehen die Gl\u00e4ubigen mit brennenden Kerzen im Gottesdienst der Grabesruhe und nehmen bewegt teil an der Prozession mit dem Epitaphion. Die Riten und Bilder, Schriftlesungen und Hymnen erf\u00fcllen uns mit froher Dankbarkeit f\u00fcr das erlebte Heilsgeschehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mensch und M\u00f6nch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man erh\u00e4lt hier fast den Eindruck, als seien die Rum\u00e4nen nach vierzig Jahren aufgezwungener Gottlosigkeit ein Volk des M\u00f6nchtums! Es gibt Hunderte von M\u00e4nner- und Frauenkl\u00f6stern sowie Einsiedeleien, die von Pilgern jeden Alters aufgesucht werden. Viele Wallfahrer \u00abwohnen\u00bb auf Campingpl\u00e4tzen der romantischen Umgebung. Uns hat P. Nils im Pilgerkomplex ein einfaches \u00abPriesterzimmer\u00bb zugewiesen. Das Gespr\u00e4ch mit ihm und mit Archimandrit Bartolomeu Floria, dem Ikonenmaler, zu dessen Werken die wundersch\u00f6ne Kirche geh\u00f6rt, zeigt auf angenehme Weise, dass die Abgeschiedenheit des Klosters und das Streben nach dem \u00abengelgleichen Leben\u00bb einen M\u00f6nch bzw. eine Nonne nicht zwangsl\u00e4ufig von der Welt abhebt. Gerade M\u00f6nche mit einem \u00abVorleben\u00bb im weltlichen Berufsalltag und breiter Bildung bringen es fertig, Mensch-Sein und M\u00f6nch-Sein zu verbinden, und insbesondere bejahrte Beter und B\u00fcsser (auch der Schweizer Nationalheilige Bruder Klaus ist ein Beispiel) werden oft zu charismatischen Seelsorgern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hristos a \u00eenviat!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um Mitternacht wartet Jung und Alt in der Kirche und draussen auf das Osterlicht, das sich von Kerze zu Kerze in aller H\u00e4nde verbreitet, und die fast unb\u00e4ndig jubelnden Worte des Osterkanons fesseln die Gottesdienstbesucher bis zur Morgend\u00e4mmerung an den Ort. M\u00fcde und fr\u00f6hlich feiern wir weiter in der reich geschm\u00fcckten Trapeza (dem Speisesaal), wo Abt Victorin selbst die Tische abschreitet, um mit allen Mitbr\u00fcdern und G\u00e4sten Eier zu titschen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-857\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Ostergruss<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>In hundert Sprachen t\u00f6nt es laut,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>dass Christus wahrhaft auferstanden,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>da leer das Grab die Fraun geschaut<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und lebend Ihn und herrlich fanden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler<\/p>\n\n\n\n<p>Protodiakon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Reise durch Rum\u00e4nien und der Aufenthalt in einem orthodoxen Kloster vermitteln dem Besucher aus Westeuropa Eindr\u00fccke, die ihm an gew\u00f6hnlichen Touristen-Orten nicht zuteil werden. 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