{"id":859,"date":"2010-07-05T14:13:00","date_gmt":"2010-07-05T12:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/?p=859"},"modified":"2021-07-05T14:16:10","modified_gmt":"2021-07-05T12:16:10","slug":"hueben-und-drueben-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/hueben-und-drueben-ii\/","title":{"rendered":"H\u00fcben und dr\u00fcben (II)"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"798\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4-798x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-860\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4-798x1024.jpg 798w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4-234x300.jpg 234w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4-768x985.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4-1197x1536.jpg 1197w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4-1597x2048.jpg 1597w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_4.jpg 1715w\" sizes=\"(max-width: 798px) 100vw, 798px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>[Fortsetzung von H\u00fcben und dr\u00fcben (I), RB 5\/2009: Eine Reise durch Rum\u00e4nien und der Aufenthalt in einem orthodoxen Kloster vermitteln dem Besucher aus Westeuropa Eindr\u00fccke, die ihm an gew\u00f6hnlichen Touristen-Orten nicht zuteil werden. Einige kommentierte Notizen aus dem Tagebuch.]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gregorianisch oder Julianisch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Kalenderreform im 16. Jahrhundert entfernen sich die Daten des neuen Stils immer mehr von denen des alten; heute betr\u00e4gt der Abstand dreizehn Tage. So feiern bekanntlich die Orthodoxen in Russland Neujahr wie wir am 1. Januar des \u00abb\u00fcrgerlichen Kalenders\u00bb, Weihnachten aber erst am 7. Januar (denn dies ist nach altem Stil der 25. Dezember des vorangegangenen Jahres, hat also nichts mit Epiphanie oder \u00abDreik\u00f6nig\u00bb zu tun)! Der <em>Widerstand<\/em> der Russisch-Orthodoxen Kirche gegen die Kalenderreform hat verschiedene Gr\u00fcnde, zwei davon sind \u00abnur\u00bb psychologische: erstens hatte 1582 der r\u00f6mische Papst Gregor XIII. die Erneuerung verordnet (deshalb haben auch protestantische L\u00e4nder bzw. F\u00fcrsten lange die Annahme verweigert), und zweitens war es das kirchenfeindliche Regime nach der kommunistischen Revolution, das im Februar 1918 den <em>grigorianskij kalendar\u2019<\/em> einf\u00fchrte!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rom oder Jerusalem?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem \u00abbeweglichen\u00bb Osterdatum wird es noch komplizierter, weil die Berechnung u. a. vom ersten Fr\u00fchlings-Vollmond abh\u00e4ngt, und hier kommen <em>Hemmungen und Widerst\u00e4nde<\/em> auf r\u00f6mischer Seite ins Spiel: Soll f\u00fcr die astronomische Berechnung der Meridian von Rom zugrunde gelegt werden oder der von Jerusalem? Historische und \u00f6kumenische Gr\u00fcnde sprechen deutlich f\u00fcr Jerusalem, und so m\u00fcsste die lateinische Kirche doch einmal zugeben, nicht \u00abZentrum und Mutterschoss\u00bb der Weltkirche zu sein, obwohl Petrus und seine Nachfolger in der \u00abEwigen Stadt\u00bb ihren Sitz haben und Rom den Katholiken jahrhundertelang diese Meinung einh\u00e4mmerte. Unvoreingenommene Beachtung der geschichtlichen Entwicklung (es braucht dazu kein akademisches Studium) muss zur Erkenntnis f\u00fchren, dass sowohl die byzantinische Kirche wie auch die Westkirche \u00abAbleger\u00bb der pal\u00e4stinischen Urkirche sind. Die <em>Rangstreitigkeiten<\/em> zwischen den Kaiserst\u00e4dten Rom und Konstantinopel sind v\u00f6llig unchristlich. Paulus konnte sehr zornig werden, wenn er sich mit den l\u00e4cherlichen Reibereien zwischen Personen oder Parteien befassen musste (z.\u00a0B.\u00a01Kor 3,3ff.). Den Aposteln ging es einzig darum, in aller Welt die Heilsbotschaft zu verk\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"778\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-778x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-861\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-778x1024.jpg 778w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-228x300.jpg 228w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-768x1011.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-1167x1536.jpg 1167w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-1556x2048.jpg 1556w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_5-scaled.jpg 1945w\" sizes=\"(max-width: 778px) 100vw, 778px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Kirchturm oder Kuppel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gemessen an der Wahrheit der Botschaft spielen die <em>kulturbedingten Formen<\/em> in den verschiedenen Weltgegenden eine untergeordnete Rolle. So haben die Christen von Rom einen kirchlichen Versammlungsraum entwickelt, der sich an der herk\u00f6mmlichen Basilika orientierte (griech. \u00abK\u00f6nigshalle\u00bb), einem langgestreckten Gerichts- und Marktgeb\u00e4ude. Die in Byzanz entstandene Kreuzkuppelkirche hat in den verschiedenen L\u00e4ndern ganz unterschiedliche Formen gezeitigt; man vergleiche nur die Kuppeln in Russland, in der Ukraine und in Rum\u00e4nien. Auch politische und wirtschaftliche Gegebenheiten bringen Verschiedenheiten hervor, die hingenommen werden d\u00fcrfen (oder m\u00fcssen), wenn sie nicht den Glauben selbst tangieren: Es ist nicht wichtig, ob Glockengel\u00e4ute zum Kirchgang ruft oder der Hammerschlag am Semantron (aufgekommen im Osmanischen Reich, wo den Christen der Bau von Kircht\u00fcrmen verboten war). Wesentlich ist, dass sich die Gl\u00e4ubigen \u00fcberhaupt zum Gottesdienst versammeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00abMesse lesen\u00bb oder Liturgie singen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die wichtigsten Instrumente der Gottesbegegnung sind <em>Sprache<\/em> und <em>Hymnus<\/em>; deshalb haben die Christen wie alle V\u00f6lker ihre Gottesdienste in wohlklingenden Worten und Melodien gestaltet, und deshalb sind bei der Christianisierung der V\u00f6lker als Erstes die Texte von Evangelium und Liturgie \u00fcbersetzt worden, beispielsweise ins \u00c4thiopische (im 4. Jh.), ins Armenische und Georgische (5. Jh.), ins Slavische (9. Jh.). In der Eucharistie (\u00abDanksagung\u00bb f\u00fcr die Heilstaten Gottes) stimmen wir ein in die Liturgie der Engel (<em>\u2026 und sie sangen ein neues Lied\u2026 <\/em>Off 5,9); in seinen Briefen spricht Paulus \u00f6fters vom Psalmen- und Hymnensingen (Eph 5,19f.) und zitiert auch aus urchristlichen Ges\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo der Gottesdienst in einer Sprache gefeiert wird, die der teilnehmenden Gemeinde nicht gel\u00e4ufig ist, schwindet zwangsl\u00e4ufig das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Bedeutung. Die Teilnahme der indischen Thomas-Christen am <em>Qurbono<\/em>, heute ein lebendiger gesungener Austausch zwischen Volk, Lektoren, Diakon und Priester in der heimischen Sprache Malayalam, ist erhebend. Andererseits bemerken Touristen, die in Griechenland eine orthodoxe Liturgie besuchen, dass manche Gl\u00e4ubige zeitweilig die Kirche f\u00fcr eine Rauchpause verlassen, und f\u00fchren dies auf die L\u00e4nge der Gottesdienste zur\u00fcck; in Wirklichkeit ist daran die altgriechische Kirchensprache schuld, die ein Grieche von heute nicht mehr versteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Allzu lange war auch in der westlichen Kirche der \u00dcbergang vom \u00absakralen\u00bb Latein zur Volkssprache tabu, und als er 1963 pl\u00f6tzlich erfolgte, stand f\u00fcr den gregorianischen Gesang kein Ersatz bereit. Das Malaise hat aber noch weiter reichende Wurzeln: Im Mittelalter begann man das Priestertum als einzigen erstrebenswerten Stand anzusehen, in den Kl\u00f6stern wurden die meisten M\u00f6nche zu Priestern geweiht, die t\u00e4gliche \u00abPrivatmesse\u00bb (ohne andere Teilnehmer!) f\u00fchrte dazu, dass der Diakonat verschwand. Daher kommt auch der Ausdruck \u00abMesse lesen\u00bb (im Franz\u00f6sischen \u00abdire la messe\u00bb) anstelle des vormaligen \u00abMesse singen\u00bb (so noch in den isl\u00e4ndischen Sagas)! Als dann die Priester in den Pfarreien auch zum m\u00f6nchischen Z\u00f6libat verpflichtet wurden, war die kirchliche Zweiklassengesellschaft von \u00abGeistlichen\u00bb und \u00abLaien\u00bb besiegelt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"871\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_6-871x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-862\" srcset=\"https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_6-871x1024.jpg 871w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_6-255x300.jpg 255w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_6-768x903.jpg 768w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_6-1307x1536.jpg 1307w, https:\/\/www.catholica-unio.ch\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/07\/Rumaenien_6.jpg 1716w\" sizes=\"(max-width: 871px) 100vw, 871px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Hindernis auf dem Weg zur Heilung des Bruchs von 1054 nennen orthodoxe Theologen immer wieder das Papsttum: In Bezug auf die andern Patriarchate d\u00fcrfe es nicht die rechtlichen Befugnisse beanspruchen, die es sich im Verlauf des zweiten Jahrtausends angeeignet habe, und auch der Papst m\u00fcsse sich einem allgemeinen Konzil unterordnen. Die Wiedergewinnung der Einheit (Communio) zwischen Orthodoxie und katholischer Kirche ist grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, weil beide die Sakramente und die apostolische Sukzession (l\u00fcckenlose Nachfolge der Bisch\u00f6fe bis zu den Aposteln) haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir auf der Reise zu den Moldau-Kl\u00f6stern erlebt haben, m\u00f6chte ich vielen Br\u00fcdern und Schwestern in unseren westlichen L\u00e4ndern w\u00fcnschen: Die nat\u00fcrliche Offenheit der einfachen Leute, ihre Lebensweise, die noch nicht vom Hightech-Wahn angekr\u00e4nkelt ist, die Begegnung mit Kult und Kultur \u00f6stlicher Kirchen, der Tagesablauf der M\u00f6nche, der mit seinen geregelten Gebetszeiten den Menschen als \u00abWegweiser zum Himmel\u00bb dient: all die Erfahrungen einer solchen Pilgerreise k\u00f6nnen uns helfen, beengende Grenzen zu \u00fcberspringen. Reise und Sprung sind auch geistig m\u00f6glich \u2013 z. B. durch Lekt\u00fcre. Es w\u00e4re ein reicher Gewinn f\u00fcr viele Menschen, wenn sie lernen w\u00fcrden, ihr gewohntes \u00abH\u00fcben\u00bb mit dem andersartigen \u00abDr\u00fcben\u00bb zu verbinden!<\/p>\n\n\n\n<p>Doch m\u00fcssen wohl noch viele w\u00e4hrend der langen Trennungszeit errichtete gef\u00fchlsm\u00e4ssige Barrieren wegger\u00e4umt werden \u2013 und vielleicht muss die Gottesmutter die st\u00f6rrischen Kinder Gottes noch etliche Zeit mit wunderbaren Erscheinungen warnen, wie es die Ikone tut, die wir auf der R\u00fcckreise im siebenb\u00fcrgischen Gheorgheni besuchen konnten:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wunder und Warnung<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit Wundern warnt uns Gott beizeiten:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Bild der Jungfrau-Mutter weint,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>es blutet, tr\u00e4ufelt duftend \u00d6l,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>auf dass dem Volk kein Zeichen fehl\u2019 \u2013<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>dass wir dem Frieden uns bereiten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und endlich uns der Geist vereint.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Fortsetzung von H\u00fcben und dr\u00fcben (I), RB 5\/2009: Eine Reise durch Rum\u00e4nien und der Aufenthalt in einem orthodoxen Kloster vermitteln dem Besucher aus Westeuropa Eindr\u00fccke, die ihm an gew\u00f6hnlichen Touristen-Orten nicht zuteil werden. 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