Es ist die Sorge um die Schöpfung, die Menschen aller Kontinente, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen vereint. Papst Franziskus hat sich dieser Sorge in seiner Enzyklika „Laudato si“1 von 2015 eingehend gewidmet. Darin ruft er die Christen auf, sich über alle konfessionellen Grenzen hinweg für den Schutz der Schöpfung einzusetzen. Papst Franziskus beruft sich diesbezüglich auf seine Vorgänger Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI., die sich immer wieder zu Themen der Schöpfung geäussert hatten; zudem zitiert er mehrmals den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel, der alle Menschen eindringlich dazu aufruft, sich die Sünden gegen die Schöpfung einzugestehen und etwas dagegen zu tun.
Mit Recht blickt Papst Franziskus auf die orthodoxen Ostkirchen, die schon vor Jahrzehnten dazu aufriefen, als Christen Verantwortung im Umgang mit der Schöpfung zu übernehmen. – Eine wichtige und prägende Vorreiterrolle nahm der Ökumenische Patriarch Dimitrios I. von Konstantinopel ein. Bereits 1989 lud er die ganze orthodoxe und christliche Welt dazu ein, „jedes Jahr zum 1. September in Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat ‚zum Schöpfer der Welt zu beten: mit Dankgebeten für die grosse Gabe der geschaffenen Welt und mit Bittgebeten für ihren Schutz und für ihre Erlösung‘. 1992 wurde diese Initiative auf panorthodoxer Ebene begrüsst.“2
Wohl beeindruckt vom Engagement des derzeitigen Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Schöpfung, nahm Papst Franziskus sozusagen die Einladung des Patriarchen Dimitrios I. an und erliess am 6. August 2015, also kurz nach der Veröffentlichung von „Laudato si“ an Pfingsten, 24. Mai desselben Jahres, folgende Verfügung:
„In der Sorge um die Zukunft der Schöpfung, die ich mit dem geliebten Bruder, dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, teile (vgl. Enzyklika Laudato si’, 7-9), und auf den Vorschlag seines Vertreters Metropolit Ioannis von Pergamon eingehend, den dieser bei der Vorstellung der Enzyklika Laudato si’ über die Sorge um das gemeinsame Haus gemacht hat, möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich entschieden habe, auch in der Katholischen Kirche den ‚Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung‘ einzuführen, der beginnend mit diesem Jahr immer am 1. September gefeiert werden soll, wie es in der Orthodoxen Kirche schon lange geschieht.“3

Papst Franziskus führt dann in diesem Schreiben näher aus, weshalb dieser Gebetstag gerade für uns Christen so wichtig ist und verweist interessanterweise in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass dieser Gebetstag eine grosse Chance bietet, mit den orthodoxen Kirchen (und weiteren Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften) zusammenzurücken und ein Zeichen wachsender Gemeinschaft zu setzen:
„Dass wir den Gebetstag zum selben Termin wie die Orthodoxe Kirche begehen, wird eine günstige Gelegenheit sein, Zeugnis abzulegen für unsere wachsende Gemeinschaft mit unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern. Wir leben in einer Zeit, in der alle Christen vor denselben wichtigen Herausforderungen stehen, auf die wir, um glaubwürdig und erfolgreich zu sein, gemeinsame Antworten geben müssen. Deswegen ist es mein Wunsch, dass dieser Gebetstag möglichst auch weitere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften einbeziehe und im Einklang mit den Initiativen des Ökumenischen Rates der Kirchen zu diesem Thema gefeiert werde.“4
Wie intensiv sich die orthodoxen Kirchen schon seit Jahren mit den Herausforderungen rund um die Bewahrung der Schöpfung auseinandersetzen und dabei auch ganz stark deren spirituelle Dimension herausarbeiten, zeigt der orthodoxe Theologe Theodoros Alexopoulos in seinem Artikel „Spirituelle Grundlagen einer sozialen Ökologie. – Die Haltung der Orthodoxen Kirche zur heutigen ökologischen Krise mit Verweis auf die Tradition der Kirchenväter und aktuelle ökumenische Dokumente.“5 Darin wird auf eindrückliche Weise aufgezeigt, dass Schöpfung und Mensch nicht zu trennen sind; sie gehören zusammen. Dies hat aber auch zur Folge, dass alles menschliche Handeln einen „bleibenden Abdruck auf dem Leib der Erde“ hinterlässt, und dafür tragen wir alle Verantwortung.
Alexopoulos nimmt schliesslich den Gedanken eines „Dekalogs der sozialen Ökologie“ auf, die auf eine Stellungnahme des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios im Jahre 2022 zurückgeht. Darin stellte der Patriarch – in Anlehnung an die zehn Gebote der Bibel – einen Dekalog zusammen, wie wir Christen angesichts der Verschärfung des ökologischen Problems unser Denken und Handeln anpassen müssen. Alexopoulos fasst diese zehn Punkte in freier Wiedergabe zusammen; da steht beispielsweise:
„1. Die ökologische Krise hat gezeigt, dass die Welt eine Einheit darstellt und dass das Problem der Ökologie die ganze Welt betrifft. Weder ein Volk noch eine Regierung noch eine Institution kann dieses Problem allein bewältigen. Man braucht die Zusammenarbeit aller.
5. Man sollte die zynische Position ‚es gibt keine andere Lösung‘, d.h. die bedingungslose Anpassung an die strengen Prinzipien der Wirtschaft, vehement zurückweisen. Das blinde Beharren auf den Regeln der Ökonomie führt zu unkontrollierbaren Situationen von Armut und sozialer Ungerechtigkeit und damit zu sozialen Zusammenstössen. […]
8. Die Interpretation des biblischen Zitats „seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch“ (Gen 1,28) im Sinne der Gründung und Etablierung einer ausbeutenden Haltung des Menschen gegenüber der natürlichen Umwelt stellt eine Verfälschung und Missdeutung des göttlichen Gebotes dar und widerspricht völlig dem Geist der Bibel.“

Der Ernst der Lage ist erkannt; der Patriarch ruft zu konsequentem Handeln auf; inwieweit sein Aufruf und auch der Aufruf von Papst Franziskus an der Basis bei allen Gläubigen und allen Menschen guten Willens auf offene Ohren und Herzen stösst, ist schwer zu sagen. Vielleicht hilft uns der grosse Literat F. Dostojewski, im Zusammenwirken und -leben mit der Schöpfung etwas hellhöriger und wacher zu werden, wenn wir die Weisheit des Mönches Sossima im Buch „Die Brüder Karamasow“ auf uns wirken lassen:
„Liebt alle Gottes Schöpfung, die gesamte Schöpfung und jedes Körnchen Sand. Liebt jedes Blatt, jeden Strahl von Gottes Licht. Liebt die Tiere, liebt die Pflanzen, liebt alles. Wenn du alles liebst, wirst du das göttliche Mysterium in den Dingen erkennen“6.
Daniel Blättler, Protodiakon
- https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html ↩︎
- Theodoros Alexopoulos, Spirituelle Grundlagen einer sozialen Ökologie: https://kphvie.ac.at/fileadmin/Dateien_KPH/SDG/Zugaenge/DieHaltungderOrthKirche_SDG_Alexopoulus.pdf ↩︎
- https://www.vatican.va/content/francesco/de/letters/2015/documents/papa-francesco_20150806_lettera-giornata-cura-creato.html ↩︎
- Schreiben von Papst Franziskus zur Einführung des Weltgebetstages zur Bewahrung der Schöpfung, Quelle: s. Anmerkung 3 ↩︎
- Quelle: s. Anmerkung 2 ↩︎
- Quelle: s. Anmerkung 2 ↩︎