Der heilige Christusträger
Mit der Bezeichnung «Christusträger» denkt man unwillkürlich an Christophorus. Er soll im3. Jahrhundert in Palästina gelebt haben. Da er riesenhaft gross gewachsen gewesen sein soll, machte er es sich zur Aufgabe, die Reisenden über einen reissenden Fluss zu tragen. Bald gaben ihm die Leute den Namen «O pheros», was griechisch ist und «der Träger» heisst.
Die Legende besagt, dass er eines Tages einen kleinen Jungen über den Fluss tragen sollte. Er hob ihn auf seine Schultern und schritt den gewohnten Weg durchs Wasser. Doch die Last des Knaben wurde immer grösser und brachte den Riesen an seine physischen Grenzen. Am andern Ufer angekommen, setzte er das Kind ab. Verwundert über das seltsame Ereignis, erklärte ihm dieses: «Du hast den getragen, der Himmel und Erde erschaffen hat. Ich bin Christus.» Von da an hiess er «Christophorus», in der Kurzform «Christoph», und trug sein Leben lang Christus in seinem Herzen.
Getaufte Christusträger
Jeder Mensch, der die Taufe empfängt, wird sozusagen zu einem «Christusträger».
Der Apostel Paulus schickt sich in seinen Briefen daran, diesen Zusammenhang zu erklären: Durch den Tod am Kreuz hat Jesus die Menschen von der Sünde befreit und den ewigen Tod besiegt. In der Taufe aber erhält der Mensch Anteil an Christi Auferstehung (vgl. Röm 6,1ff.). So bewirkt die Taufe, dass alle, die sich für die Nachfolge Christi entscheiden, zu einem Christen oder einer Christin werden. Das Gesetz der Liebe, welches der zentrale Inhalt der Frohen Botschaft Jesu Christi ist, macht eine Christin und einen Christen zu einem neuen Menschen: Dieser Mensch lebt nicht mehr nur für sich und nach den Gesetzen der Welt, sondern der lebt aus dem Glauben, letztlich aus Gott. Noch deutlicher wird dies, wenn ein Christ oder eine Christin an der Eucharistie teilnimmt. So versteht man Paulus, wenn er sagt: «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.» (Gal 2,20) Das heisst in seiner letzten Konsequenz: Jeder Christ und jede Christin ist ein «Christusträger» oder eine «Christusträgerin» und ist aufgefordert, dies durch sein bzw. ihr Leben im Geiste Jesu Christi vor der Welt zu bezeugen.
Das Christkind aus den finnischen Wäldern
Er hat dem Kind das Leben gerettet und das Kind hat seinen Träger heil zurückgeführt und ihn wieder zum Leben zurückfinden lassen.
So, kurz zusammengefasst, der Inhalt der für viele Menschen eindrücklichsten Weihnachtsgeschichte, in Worte gefasst von Edzard Schaper: Das Christkind aus den grossen Wäldern. Eine schöne Erzählung? Nichts kann sie davor bewahren, eines Tages zu einer erbaulichen Legende zu werden.

Die eingangs der Schrift verzeichneten Orts-, Zeit- und Namensangaben sind in Geschichtstexten und auf Karten ausgewiesen, was die Geschichte als wahre Begebenheit bezeugt. Dies macht sie umso wertvoller und vergewissert den Leser und die Leserin, dass Christus auch in unseren Tagen in und mit der Welt ist.
Diese unglaubliche, weil so menschliche Geschichte, ist aktueller denn je. Der sowjetisch-finnische Grenzkrieg, ein Nebenschauplatz des zweiten Weltkriegs, hat gerade in den heutigen Tagen nichts an Aktualität verloren. Russische Grenzkriege…?
Das Erlebnis der finnischen Patrouille zeigt die teuflische Seite eines jeden Krieges auf, jenseits von allem, was gut und böse ist, nur einer perfid durchtriebenen Kreatur fähig, die die Bezeichnung Mensch kaum mehr verdient. Und trotz allem, trotz der tiefsten Abgründe des irdischen Lebens, will diese Erzählung der Hoffnung zum Durchbruch verhelfen, dass Gott überall auf uns wartet und die Begegnung mit ihm den Menschen aus den dunkelsten Stunden herausheben kann.
Das beschriebene Ereignis ist gleichsam ein Weg von Golgotha nach Bethlehem, in der umgekehrten Reihenfolge, als man es kennt. Am Anfang steht die teuflische Falle, zu der ein unschuldiges Kind missbraucht wird. Ein weinendes Kleinkind, hungrig und in der winterlichen Kälte eines leeren Hauses unter einem Deckenberg zurückgelassen, welches einen Helfer oder eine Helferin anziehen soll, um es aus dem Elend zu befreien. Prompt wird einer der Soldaten von Mitleid gepackt, sein Kamerad jedoch wittert eine Falle. Das plötzliche Dunkel, in welches sie die heruntergefallene Taschenlampe abrupt versetzt, ist aller Drei Rettung. Beim Suchen verrät die metallische Kälte die unter dem Bettchen versteckten Minen und die abscheuliche Absicht der feindlichen Truppe: Die Retter sollen beim Hochnehmen des Kindes, welches an die Lagerstätte gefesselt ist, die Zündung auslösen und alle zusammen in die Luft sprengen.
Diese Situation symbolisiert das Prätorium, in das Jesus gefesselt geführt wurde, und Golgotha, wo das Todesurteil vollzogen wurde. Sie entspricht aber auch den Umständen der Geburt Jesu, als König Herodes die drei Könige zu umgarnen versuchte, um selbst auf Knien, in angeblich anbetender Haltung, dem göttlichen Kind nach dem Leben zu trachten.
Der Christusträger von Kangasjärvi
Der grobschlächtige finnische Soldat liess sich nicht beirren, befreite vorsichtig das Kind und nahm es an sich und, allen berechtigten Einwänden seiner Kameraden zum Trotz, gab er das Kind nicht mehr aus den Armen. Der Gedanke, die Unschuld und Hilflosigkeit dieses Kindes für die Vernichtung des Gegners zu missbrauchen, war so grässlich, dass er das Wenige, was ihm zur Verfügung stand, einsetzte, um das Kind zu ernähren und warm zu halten. Mit Kind und Maschinengewehr in den Händen folgte er wortlos trotzig seinen Gefährten. Einzig mit dem Kleinkind hielt er einen intimen Austausch, um es zu beruhigen, damit es durch das Erheben seiner Stimme nicht die Aufmerksamkeit des Feindes auf sie zog.
So stapfte er mit den andern durch den tiefen Schnee, in voller Konzentration um das kostbare Bündel besorgt, das er mit sich trug. Die innige Beziehung, die er mit dem Kind aufbaute, führte dazu, dass, beinahe unmerklich, mit der Zeit er es war, der den Weg vorzeigte, ja sogar gegen die Order des befehlshabenden Leutnants. Die Kameraden zeigten sich erstaunt, ordneten es als Vaterinstinkt ein, der sonst eher Müttern eigen sei. Sie schwiegen und akzeptierten, dass er die Leitung übernahm. Sie wagten nicht, etwas gegen seine bestimmte Art einzuwenden und folgten ihm. Etwas schien ihnen besonders zu sein, beim Anblick dieses Soldaten-Kameraden mit Kind und Waffe in den Armen. Etwas im Bild wollte nicht zusammenpassen.

Im Nachhinein hatte sich der Weg als die richtige Entscheidung erwiesen und sie heil, am Feind vorbei, ans Ziel geführt. Wochen später redeten sie noch darüber. Das Erlebnis ging ihnen nicht mehr aus dem Sinn.
Das war der «Christusträger von Kangasjärvi».
Dr. theol. Maria Brun
Projekt: Haushaltsgeräte für Lviv