Jeweils am 29. Juni feiern die Kirchen des Ostens und des Westens das Fest der beiden Säulen des frühen Christentums – des Apostels Petrus und des Völkerapostels Paulus. Die byzantinischen Kirchen nennen diesen Tag «Hochfest (oder Gedenktag) der ruhmreichen Apostelkoryphäen Petrus und Paulus».
Erstmals wird das Fest im römischen Kalender im Jahre 354 erwähnt und bezieht sich auf die seit Mitte des 3. Jahrhunderts bekannten Traditionen, sowohl der beiden Apostel je einzeln zu gedenken als auch jeweils am 29. Juni für beide Apostel gemeinsam ein Gedächtnismahl in der Hippolyt-Katakombe zu halten.

Seit einigen Jahren ist dieser Festtag auch eine gute Gelegenheit, ökumenische Kontakte zu den orthodoxen Kirchen zu pflegen: Es ist mittlerweile zur schönen Tradition geworden, dass Vertreter der orthodoxen Kirchen zum Apostelfest nach Rom reisen und an den Feierlichkeiten teilnehmen. Umgekehrt entsendet die römisch-katholische Kirche jeweils ihren Vertreter zur Teilnahme am orthodoxen «Fest des heiligen und glorreichen Apostels Andreas des Erstberufenen» am 30. November. Mit Recht kann man also sagen: Die grossen Apostelgestalten der frühen Kirche sind bis heute Vermittler zwischen den Kirchen und Konfessionen.
Petrus und Paulus – Gegensätze…
Petrus und Paulus sind zwei grosse, einflussreiche, schillernde und auch in vielem gegensätzliche Persönlichkeiten der ersten Christengeneration. – Josef-Anton Willa, Liturgisches Institut Fribourg2, schreibt dazu:
«Petrus und Paulus sind starke, zum Teil gegensätzliche Führungspersönlichkeiten. Beide sind Juden, doch während Petrus als einfacher Fischer im Kernland Israels lebt, stammt Paulus aus gebildeter Schicht in der jüdischen Diaspora, ist römischer Bürger und mit der griechischen Kultur vertraut. Im Unterschied zu Petrus bleibt er unverheiratet. Petrus gilt als der Erste der Apostel, Paulus ist gewissermassen der Letzte, der Fremde, da er erst in der nachösterlichen Zeit zum Kreis der Zwölf stösst.
Die unterschiedliche Herkunft der beiden prägt ihre jeweilige Sendung als Apostel. ‘Petrus hat als erster den Glauben an Christus bekannt und aus Israels heiligem Rest die erste Kirche gesammelt. Paulus empfing die Gnade tiefer Einsicht und die Berufung zum Lehrer der Heiden.’ (Präfation des Festtages).
Petrus und Paulus repräsentieren die Kirche der Anfänge, die um ihre Identität und Ausrichtung ringt, was nicht immer ohne Konflikte vonstattengeht (Galaterbrief 2,11), etwa in der Frage, ob nichtjüdische Christen (‘Heiden’) sich dem jüdischen Gesetz zu unterziehen haben. Die beiden Apostel zeigen, dass die Kirche Unterschiede, ja Gegensätze aushält…»
…und Gemeinsamkeiten
Ja, Petrus und Paulus sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten; wen wundert’s, dass zwischen beiden Spannungen und Meinungsverschiedenheiten nicht ausbleiben konnten. Und doch: Im Innersten werden wohl beide gespürt haben, dass ihre Herzen doch nur für das eine und sie im Tiefsten Einende brennen, nämlich für die Verkündigung der frohen, befreienden Botschaft dieses Jesus von Nazareth.
Darin liegt das grundsätzlich Verbindende, aber auch in ihren je eigenen Lebensgeschichten finden sich offensichtliche Gemeinsamkeiten. Willa schreibt dazu:
«Petrus und Paulus sind unzimperliche, zielstrebige Männer. Petrus folgt Jesus ohne Umschweife und wird Anführer der Zwölf. Paulus seinerseits verteidigt leidenschaftlich den jüdischen Glauben, was ihn dazu veranlasst, die Christen zu verfolgen. Beide sind Eiferer für die Sache des Glaubens.
Doch sie sind auch gefallene Männer. Sie erleben das Scheitern ihrer Vorstellungen und Absichten, was zu einem Bruch in ihrem Leben führt. Für Petrus ist es der dreimalige Verrat an Jesus nach dessen Gefangennahme…, für Paulus die Christusbegegnung in Damaskus, die ihn ‘vom hohen Ross’ herunterholt (vgl. etwa Apostelgeschichte 22,6-11). Beide erkennen, dass sie auf die Zuwendung Gottes angewiesen sind. An die Stelle des zwanghaften Strebens nach Erfolg tritt die Freiheit der unverdienten Güte Gottes, anstelle des Herrschens das Dienen…
Für beide beginnt ein neues Leben auf dem Fundament der Gnade und Liebe Gottes, das sie auf ihre je eigene Art zu Säulen der Kirche werden lässt. ‘Auf verschiedene Weise dienten beide Apostel der einen Kirche, gemeinsam empfingen sie die Krone des Lebens’ (Präfation). Ihr Weg des selbstlosen Dienens endet am selben Ort, in Rom.»

Für beide Verkünder des Glaubens wird Rom zum Ort des Martyriums und zur letzten Ruhestätte. Die verschiedenen ausserbiblischen Quellen und Erzähltraditionen kennen die Umstände des Todes und der Grabstätten beider Apostel: Petrus, gekreuzigt im Zirkus des Nero auf dem Vatikanhügel um die Zeit 64-67, wird ganz in der Nähe der Hinrichtungsstätte bestattet; schon bald wird sein Grab zum Anziehungspunkt für die noch junge Christenheit.
Auch Paulus bezahlt seine Verkündigung mit dem Tod; als Mann mit römischem Bürgerrecht entkommt er zwar der grausamen Kreuzigung, wird aber vermutlich während der Christenverfolgung durch Kaiser Nero im Jahre 64 draussen vor den Mauern Roms enthauptet. Auch er findet – wie die Tradition zu berichten weiss – ganz in der Nähe der Hinrichtungsstätte sein Grab.
Über den Gräbern der beiden hoch verehrten Aposteln errichtet im 4. Jahrhundert der christenfreundliche Kaiser Konstantin zwei imposante Basiliken, St. Peter (heute steht hier der Nachfolgebau aus dem 16. Jh.) und St. Paul vor den Mauern (nach einem Brand Ende 19. Jh. neu aufgebaut).
Petrus und Paulus – ein Plädoyer für eine vielfältige Kirche
Die Geschichte beider Apostelpersönlichkeiten ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie Gott ganz unterschiedliche Menschen mit ihren je unterschiedlichen Fähigkeiten und Stärken, aber auch ihren Schwächen und Nöten dazu beruft, Jesu Botschaft zu verkünden und selber danach zu leben – bis in den Tod. Ihre Lebens- und Glaubensgeschichten zeigen, wie sich die ersten Christen zuerst finden, aufeinander hören, Kompromisse eingehen, füreinander einstehen und immer wieder neu sich an ihrem Glauben orientieren mussten. Es gab offensichtlich eine Vielfalt an Überzeugungen, an Traditionen und kulturellen Eigenheiten in den Gemeinden, und doch wurde es möglich, sich als die eine Gemeinde, die zum Herrn gehört, und als die eine Kirche, in der Christus gegenwärtig ist und bleibt, zu verstehen. Petrus und Paulus haben dafür gelebt und sich mit allen Kräften dafür eingesetzt, Christus so zu verkünden, dass er in den unterschiedlichen Kulturen und religiösen Traditionen ankommen und angenommen werden konnte. Dazu mussten beide wohl immer mal wieder über ihre eigenen Schatten springen und eine fünf gerade sein lassen. So schafften sie es – auf je eigene Weise -, den Glauben an Jesus nicht nur zu verkünden, sondern in den Gemeinden lebendig werden zu lassen – bis heute. Ist dies nicht eine wunderbare Ermutigung für uns alle, sich – bei allen Problemen – an der Vielfältigkeit unseres Glaubens zu freuen und diese Vielfalt in den verschiedenen Kirchen und Konfessionen zu schätzen?
Daniel Blättler, Protodiakon
- Die Apostel Petrus und Paulus mit dem Christusmonogramm Chi-Rho, Gravur in der Hippolyt-Katakombe in Rom, 4. Jh.: Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_und_Paul ↩︎
- Artikel von J.-A. Willa zu Petrus und Paulus:
https://www.liturgie.ch/liturgieportal/kirchenjahr/heiligenfeste/201-peter-und-paul-29-6 ↩︎ - Ikone Petrus und Paulus: Quelle: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2018-06/petrus-paulus-rom-fest-papst-vatikan-erklaerung.html ↩︎
Projekt: Binnenflüchtlinge in der Ukraine