Vom 20. bis 23. Juni 2022 hat in Rom die ROACO (Riunione delle Opere di Aiuto alle Chiese Orientali) getagt. Catholica Unio ist Mitglied dieses Zusammenschlusses von Hilfswerken, die die Christen im Osten unterstützen. Schwerpunkte dieser Tagung waren die aktuellen Situationen in Äthiopien, Syrien und der Ukraine. Die vielfältigen Zeugnisse wurden durch Gebete aus den verschiedenen christlichen Traditionen begleitet, die der Tagung eine beeindruckend friedliche Atmosphäre verliehen.

Am Ende des feierlichen Eröffnungsgottesdienstes trug ein Sänger eine Hymne an die Gottesmutter vor, die dem frühsommerlichen Morgen ein wunderbares Gepräge gab. Durch die offene Kirchentüre drangen die ersten Sonnenstrahlen. Ich sah im Geist Lehmhütten vor mir, im Hintergrund eine hügelige Wüstenlandschaft. Der innige Sologesang auf Aramäisch versetzte mich in Jesu Heimatland. Ich möchte einige dieser Gebete mit Ihnen teilen:
«Du bist wunderschön, unsere Mutter.
Du bist unsere grosse Zuflucht.
Du bist der Ruhm und die Freundlichkeit unserer Herzen.
Erhöre unsere Gebete, im Leben und im Tode,
und erfülle unsere Herzen mit deiner Liebe.
Alle, die die Leiden dieser Welt ertragen,
finden in dir Kraft und Trost,
die von der Zartheit deines Herzens ausgehen,
weil du die Mutter von uns allen bist.
Oh Mutter, dir wenden wir uns zu.
Wir sind die Deinen. Nimm uns an als deine Kinder,
denn am Kreuz hat dich dein geliebter Sohn zu unserer Mutter gemacht.»
Dann sind da diese schrecklichen Kriegsbilder aus der Ukraine. Ein Aggressor verwüstet das Nachbarland. Mit Lügen, die die Wahrheit hinterhältig verdrehen, rechtfertigt er seine barbarischen Aktionen. Beten wir für das leidgeprüfte Volk, mit Worten, die für alle von Krieg geprüften Regionen der Welt gelten:
«Barmherziger Gott
Wir beten für die Menschen in der Ukraine,
für alle, die leiden oder unter Schock stehen:
Sei ihnen nahe und beschütze sie.
Wir beten für die Verantwortlichen dieser Welt:
Mögen Mitgefühl, Kraft und Weisheit ihre Entscheidungen leiten.
Wir beten für die Welt,
damit wir in dieser Krisenzeit Solidarität zeigen
mit unsern Brüdern und Schwestern, die in Not sind.
Mögen wir auf deinen Wegen gehen,
damit Frieden und Gerechtigkeit Wirklichkeit werden
für das Volk in der Ukraine und die ganze Welt.»
Am Anfang jeden Betens sollten die Anerkennung und der Lobpreis Gottes stehen. Gott ist nicht nur für Notsituationen da und Erfüller unserer Wünsche, sondern er sollte bewusst als Begleiter und Leiter in unser Leben integriert werden. Ein melkitisches Gebet verdeutlicht dies:
«Zu allen Zeiten und zu jeder Stunde,
im Himmel und auf Erden,
bist du angebetet und wirst du verherrlicht,
Christus, unser Gott.
Langsam im Zorn, mitfühlend und reich an Erbarmen.
Du liebst die Gerechten und du bist den Sündern gnädig:
Du rufst alle Menschen zum Heil.
Herr, erhöre unsere Bitten
und leite unser Leben nach deinen Weisungen.
Heilige unsere Seelen, mach unsere Körper rein,
leite unsere Urteile, reinige unsere Gedanken.
Befreie uns von Angst, Bösem und Schmerz.
Umgebe uns mit deinen heiligen Engeln,
damit sie uns beschützen und führen.
Herr, erbarme dich.»

Der armenische Mystiker, Gregor von Narek (950-1005), den Papst Franziskus 2015 heiliggesprochen und zum 36. Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche erhoben hat, hinterliess uns ein wunderbares Gebet, welches seine Gottesnähe übermittelt:
«Es genügt, dass du mich anschaust
mit deiner gewohnten Güte,
damit ich alsbald dich betrachte und dich anflehe.
Wenn du mich anhörst, seufze ich.
Wenn du mir dein Ohr leihst, rufe ich dich an.
Wenn du mich erhörst, bedränge ich dich mit meinen Fragen.
Wenn du mir vergibst, danke ich dir.
Wenn du dich mir zuwendest, schreie ich aus Freude.
Aber wenn du mich ignorierst, fühle ich mich verloren.
Wenn dein Blick sich verdunkelt, habe ich Angst.
Wenn du in deiner Güte mir zu Hilfe eilst,
Wenn du mich von meinen Fehlern heilst,
dann werde ich auf dich fixiert sein,
dann werde ich von deinem lichtvollen Angesicht durchtränkt sein.
Von dir erkannt und alle Fehler verziehen,
werde ich durch deine Erlösung neu geschaffen sein
für mein unsterbliches und unvergängliches Leben.»
So sei zum Schluss nochmals die Muttergottes angerufen, damit sie uns als Fürbitterin in diesem Leben beistehe, in Zeiten der Not und des Friedens, in gesunden und in schlechten Tagen. Das folgende Gebet stammt aus einem Märtyrergebet:
«Jungfrau Maria,
die du als Erste das Schwert in deinem Leib erfahren hast,
rufe den Geist Gottes auf uns herab, damit er uns Kraft gebe.
Er möge Angst, Scham und Lauheit von uns nehmen,
unseren Glauben erneuern und uns bekräftigen,
damit wir überall und jederzeit bezeugen,
dass Christus der Herr ist. Amen.»

Mögen all diese Gebete eine würdige Begleitung zum Hochfest der Entschlafung der Gottesmutter Maria sein.
Dr. theol. Maria Brun
Bildnachweis
* Joachim Schäfer – www.heiligenlexikon.de – Ökumenisches Heiligenlexikon