Am 7. Januar (nach julianischem Kalender) gedenken die byzantinischen Kirchen Johannes des Täufers und Vorläufers Jesu Christi. – Eine einzigartige, beeindruckende Gestalt jenseits aller Konventionen…
Grosse Persönlichkeiten und wichtige Ereignisse kündigen sich an oder besser: sie werden angekündigt.
Dies ist seit je her so. Kein König tritt einfach so unangemeldet auf, auch nicht der Papst, nicht ein Staatspräsident, ein Filmstar oder eine Sportgrösse. Wenn so jemand an die Öffentlichkeit tritt, wird der rote Teppich ausgerollt, die Medienleute sind in ihrem Element, das Gerangel um das beste Foto, das exklusive Interview, den intimsten Hintergrundbericht ist gross. Der angekündigten Person wird lautstark zugejubelt und glücklich ist, wem es gelingt, ihr die Hand zu drücken, ein Autogramm zu ergattern oder gar ein paar Worte mit ihr zu wechseln. – Jene also, die den Empfang in jeder Hinsicht minutiös vorbereiten, haben grosse Verantwortung; sie sorgen dafür, dass nichts dem Zufall überlassen bleibt. Nur sie haben den Überblick und wissen, was sich gemäss Protokoll geziemt und was – wie es so schön heisst – ein «no go» ist. Diese Leute im Dienste der Grossen und Berühmten wissen um ihre Rolle im Hintergrund; wird dem König zugejubelt, ist dies auch ihr Erfolg, wird der Präsident ausgebuht oder gar mit Eiern beworfen, trifft es auch sie hart.
Johannes, genannt der Täufer, ist so einer, der ganz im Dienst eines Grösseren, steht und dennoch nicht ganz hinter diesem Grösseren verschwindet. Er weist unablässig von sich selber weg und auf diesen Grösseren hin, und trotzdem folgen viele Menschen ihm, sind fasziniert und begeistert von ihm. Johannes ist eine «Naturgewalt», die hereinbricht und der sich kaum jemand entziehen kann, obwohl – oder vielleicht gerade, weil – seine Worte erschrecken, aufrütteln und zutiefst beunruhigen. Aber offenbar trifft er den Nerv seiner Zeit und spricht von den Dingen, die die Menschen in ihrer äusseren und inneren Not, in ihrer Suche nach Gott, in ihrer Sehnsucht nach einem tragenden Glauben, umtreiben.
«Träte Johannes der Täufer in unseren Tagen auf, würde seine Stimme einen Orkan von Worten entfachen, die uns schwer in die Ohren und mühsam über die Lippen wollten. Schon der Ort der Wüste, den er sich für sein Wirken wählt, ist eine einzige symbolische Verneinung.»1
Diese «einzige Verneinung» zeigt sich schon an seinem Äusseren: «Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig“ (Mk 1,6). Im Gegensatz zu den Tempelpriestern und Schriftgelehrten tritt er nicht in schönen, edlen Gewändern und nicht im Tempel oder in den Synagogen auf, sondern draussen, im unwirtlichen Niemandsland, fern von jeder Sicherheit und Feierlichkeit. Die Menschen spüren offensichtlich sehr genau: Hier spricht jemand zu uns, der niemandem nach dem Mund redet, der sich vor niemandem fürchtet, der sich einzig und allein seinem Herrn, Gott, verpflichtet weiss. Johannes ist Prophet, durch und durch; er kann sich Gottes Auftrag nicht entziehen; was immer geschehen mag, er muss verkünden, was ihm aufgetragen ist: «Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe» (Mt 3,2).
Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund; seine Worte sind bisweilen hart, sehr hart, so etwa, wenn er zu den Pharisäern und Sadduzäern sagt: «Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt» (Mt 3,7b).
Kein Wunder, schafft sich Johannes schon sehr bald Feinde. Dies aber ängstigt ihn nicht. Er lässt keinen Zweifel aufkommen: Keine seit Genera- tionen verwaltete und verhärtete Religion, keine bis ins kleinste Detail festgelegte Tradition, keine religiös-moralische Leitungsinstanz ist mit dem je persönlichen Glauben an Gott gleichzusetzen. Es braucht «Umkehr», eine Abkehr von ausgetretenen Pfaden, einen Neuanfang aus persönlicher Entscheidung, ein Vertrauen in die Güte Gottes, jenseits einer bequemen, aber gefährlichen Sicherheit, alles sei in Ordnung, wenn man sich nur an die Gesetze und Gebote des Tempels halte. – Schon hier und jetzt, in der Wüste, klingt an, was einmal jener verkünden wird, der nach Johannes kommt, denn auch darin ist der Täufer klar: Er, Johannes, ist «nur» der Vorläufer, der Ankündiger, der Wegbereiter; er bereitet den Auftritt eines anderen vor, wenn er sagt: «Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen» (Mt 3,11). Johannes nimmt sich zurück; er weiss sehr genau um seine Rolle; nicht er ist der «Star», der Erwartete, der Herbeigesehnte, er ist «nur» der lebendige Hinweis auf den Kommenden. Darin aber ist er eindeutig und kompromisslos:

Jetzt ist die Zeit, mutig voranzugehen und ernst zu machen mit der Hoffnung, dass ein neues, befreites Leben aus dem Glauben möglich ist. Und es gibt tatsächlich Menschen, die dem Ruf des Johannes folgen und sich in die Arme Gottes werfen, indem sie in den Fluten des Jordan untertauchen und ein Zeichen ihres Neuanfangs setzen. Ja, könnte man sagen, «Gott sei Dank gibt es Menschen, die halten es nicht aus, zu lange zu warten. Sie verstehen den Mann am Jordan. Sie begreifen, warum Johannes der Täufer Entscheidungen erzwingen möchte, und zwar unbedingt heute, auch wenn die einzige Resonanz, die er bekommt, sich auf diese Menschen beschränkt, die sich wie gequält, wie ausgesetzt, wie am Rande des Lebens fühlen. Sie freilich haben ein Leben lang darauf gewartet, dass jemand sagt: fangt von vorn an; wagt euch noch einmal und lebt, wie wenn ihr neu zur Welt gekommen wäret, beginnt noch einmal von vorn und lebt wirklich.»2
Der Ruf zur Umkehr des Johannes ist ein zeitloser Aufruf zur Selbstbesinnung: Wo stehe ich in meinem (Glaubens-)Leben. Was will ich, was brauche ich wirklich, um im Vertrauen leben zu können. Wo ist Umkehr angesagt, also Abkehr von totgelaufener Routine, von verkrusteter Frömmigkeit und Befreiung von einem Glauben, der einschüchtert, Angst macht, niederdrückt und das Leben mehr erstickt, als dass er es fördert und zum Blühen bringt? Johannes ermutigt zu dieser Umkehr, denn nach ihm wird Jesus in seinem Handeln und in seiner Verkündigung genau diese Umkehr zu einem Glauben aus Vertrauen einfordern. Er wird nicht aufhören, Gott als die Liebe zu verkünden, der uns aufatmen, aufblühen und im Vertrauen aufgehoben sein lässt. – Johannes bahnt diesem Gott einen Weg durch all das Dickicht dieser Welt; er ist der Vorläufer…
Daniel Blättler, Protodiakon
- Eugen Drewermann, Das Matthäusevangelium. Bilder der Erfüllung, Walter-Verlag Olten, 1992, S. 307 ↩︎
- E. Drewermann, S.309-310 ↩︎
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