Da ist die Mitte der Tage,/
die mit der Auferstehung des Erlösers beginnen/
und mit dem göttlichen Pfingstfest besiegelt werden./
Sie strahlt im Glanz von beiden Seiten,/
indem sie diese zwei verbindet./
(Mittpfingsten, Vesperstichera)
Noli me tangere (Em. Lombardos, Kreta, 1603)

Die fünfzigtägige Osterzeit
Mittpfingsten – am Mittwoch zwischen dem vierten und fünften Ostersonntag gefeiert – hat in der Byzantinischen Tradition einen hohen „Stellenwert“. Dies kommt in den Hymnen von Vesper und Orthros vielfältig zum Ausdruck: Die Gläubigen halten fünfundzwanzig Tage nach Christi Auferstehung inne, um jubelnd dieses zentrale Ereignis der Heilsgeschichte zu bedenken und sich auf das Fest der Geistsendung nach weiteren fünfundzwanzig Tagen (Pfingsten, griech. Pentekostê, heisst ja „der fünfzigste Tag“) zu freuen. Dabei wird auch deutlich, dass die beiden Hauptfeste mit der Dauer der sieben Wochen dazwischen (sieben „Siebenheiten“) mystisch eine Einheit bilden und eigentlich die „Achtheit“ darstellen, die kosmische Harmonie und die künftige Vollendung. (Mit der Ogdoás, der Idee einer abschliessenden Achtheit, haben auch die „Oktaven“ der Hochfeste, die acht Kirchentonarten und die oktogonalen Strukturen in der altkirchlichen Architektur zu tun.)
Der besondere Gehalt des „Mittenfestes“ ist die Feier des göttlichen Lehrers Christus. Byzantinische Ikonen zeigen die Szene, da der zwölfjährige Jesus anlässlich der Wallfahrt nach Jerusalem tagelang im Tempel bleibt und mit den Schriftgelehrten diskutiert (nach Lk 2,41-50). Die liturgischen Texte aber legen das Hauptgewicht auf die Offenbarungsrede Jesu: In der Evangeliumsperikope (Jo 7,14-30) hören wir vom Staunen der Leute über Seine Gelehrsamkeit sowie vom heftigen und schlagfertigen Streitgespräch mit Seinen Kritikern. Einen vorwurfsvollen Satz daraus wiederholen die Gesänge des Tagesoffiziums mehrmals:
„Richtet nicht nach dem Augenschein, ihr Juden“,/
sprach als Lehrer der Herr,/
da Er in den Tempel kam, wie geschrieben steht,/
in der Mitte der angeordneten Festzeit./
(Orthros, 3. Ode; vgl. Jo 7,24)

Mittpfingsten (Novgorod, E. 15. Jh.)
Der kleinlichen, oft menschenverachtenden Gesetzesgläubigkeit stellt Er die göttliche Barmherzigkeit gegenüber. Deshalb bitten wir:
In der Mitte des Festzeit/
Deiner Auferstehung, Christus,/
und der göttlichen Ankunft Deines Heiligen Geistes/
versammelt, besingen wir die Geheimnisse Deiner Wundertaten./
So sende uns herab das grosse Erbarmen./
(Vesper, Idiomelon)
An eine weitere wichtige Aussage im selben Kapitel des Johannes-Evangeliums wird ebenfalls mehrfach erinnert:
In der Mitte des Tempels standest Du göttlich in der Mitte der Festzeit,/
und riefst: „Wen dürstet, der komme zu mir und trinke!/
Denn wer von meiner göttlichen Quelle trinkt,/
wird aus der Tiefe Fluten meiner Lehren verströmen.“/
(Kathisma nach der 3. Ode; vgl. Jo 7,37)
Das lebendige Wasser
Mit Worten wie „dürsten“, „Wasser“ und „trinken“ wird das Thema des Gesprächs am Jakobsbrunnen angesprochen, denn der Sonntag nach Mittpfingsten ist der Sonntag der Samariterin. Die Unterredung, die Jesus als fremder jüdischer Wanderer mit der Frau führt, beginnt fast wie ein Flirt mit launig stichelnden Bemerkungen (Jo 4,9), wird aber rasch zu einer religiösen Diskussion über das neue Leben aus Seiner Lehre von der richtigen Beziehung zu Gott (hier erinnert man sich an die Bedeutung von Orthodoxie – „rechte Meinung“ und „richtige Verehrung“). Er spricht bildhaft vom „lebendigen Wasser“ (V. 10), vom „Heil“ und von der „wahren Anbetung“, die weder mit einem bestimmten Volk noch einem bestimmten Ort zusammenhange (V. 21-24); und schliesslich erklärt Er, der Messias zu sein (V. 26).
Diese Gedanken nimmt auch das Festtroparion von Mittpfingsten auf:
In der Mitte des Festes/
tränke meine dürstende Seele/
mit den Fluten der Frömmigkeit,/
denn Du, Erlöser, riefst allen zu:/
„Wen dürstet, der komme zu mir und trinke!“/
Quelle des Lebens,/
Christus, unser Gott, Ehre sei Dir./
Auch der vorangehende Sonntag des Gelähmten hat mit Wasser zu tun, und auch auf das dortige Ereignis (Jo 5,1-15) spielt das Mittenfest an. Das Drama besteht darin, dass dem armen Gelähmten das Aufwallen im Teich von Betesda nichts nützt, weil ihm niemand hilft, dass aber Jesu Barmherzigkeit Anzeige und Verfolgung auslöst:
Nur ein Werk habe ich euch gezeigt,/
und schon wundert ihr euch alle./
Ihr beschneidet einen Menschen auch am Sabbat;/
warum also verklagt ihr mich,/
da ich durch ein blosses Wort den Gelähmten aufgerichtet?/
(4. Ode)
Mitte unseres Glaubens
Jesus erregt durch Sein Verhalten, Seine Reden und Taten bei den Menschen sowohl Verwunderung und begeistertes Staunen wie auch Befremden und Ablehnung, seitdem Er als Zwölfjähriger „mitten unter den Lehrern“ (Lk 2,46) sass – im Tempel, der „meinem Vater gehört“ (V. 49).
Es ist kein Zufall, dass in den biblischen und liturgischen Texten das Wort „Mitte“ so häufig vorkommt: Es soll uns bewusst machen, dass wir in Jesus, Der zu Jerusalem (bis in die Neuzeit auf Landkarten als „Mitte des Erdkreises“ bezeichnet) „inmitten des Tempels“ und „mitten unter den Gelehrten“ weilte, Der hält die Mitte des Alls und sein Ende wie seinen Anfang als Anfangloser umfasst (4. Ode), die Mitte unseres Lebens und Glaubens sehen sollen. Dazu gehört die Anerkennung der Inkarnation aus der jungfräulichen Mutter:
Dich preisen wir als Jungfrau nach dem Gebären,/
dich rühmen wir als einzige Jungfrau und Mutter,/
Gottesbraut und reine Magd,/
denn aus dir ging wahrhaft Gott im Fleisch hervor,/
Der uns neues Leben schenkt./
(Theotokion nach der 6. Ode)

Herabkunft des Hl. Geistes
(Kathedrale Emdeber, Äthiopien, BG, A. 21.Jh.)
… und des Geheimnisses der Dreifaltigkeit, dem die Byzantinische Tradition zehn Tage nach Christi Himmelfahrt den Pfingstsonntag widmet:
Geöffnest hast Du die Lippen, Herr,/
der Welt den zeitlosen Vater zu verkünden/
und den Allheiligen Geist,/
Beiden wesensgleich auch nach der Menschwerdung./
(6. Ode)
… wonach sie am Montag die Herabkunft des Heiligen Geistes feiert:
Erleuchtet durch die Auferstehung Christi, des Retters,/
und zur Mitte des Festes des Herrn gelangt,/
Brüder, lasst eifrig uns Gottes Gebote beachten,/
um würdig auch die Auffahrt zu feiern/
und die Ankunft des Heiligen Geistes./
(Idiomelon)
Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon