Die Zeit ist Gottes Werk, denn ihr Lauf geschieht nur durch die Bewegungen der von Gott geschaffenen Dinge. (Augustinus, Gottesstaat 12,27) Die Erfahrung vom Werden und Vergehen in der Natur, der regelmässige und wechselnde Umlauf der Gestirne, die allgemeine Veränderlichkeit der Welt hat die Menschen von jeher zum geheimnisvollen Begriff „Zeit“ geführt. Wir erleben diese einerseits als einen geradlinigen Fluss mit unumkehrbarer Richtung, als Abfolge von verschiedenen Epochen (griech. ἐποχή – „das Anhalten“ vor einem neuen Abschnitt), andererseits als Wiederholung von gleichförmigen Zyklen (griech. κύκλος – „Kreis“) oder Perioden (griech. περίοδος – „Umlauf“). Zusammen ergeben beide Auffassungen den Fortgang eines Gewindes – z. B. bei einer Schraube oder einer Wendeltreppe.
Die Mitte der Weltgeschichte
In der Liturgie von Weihnachten singen die Kopten zur Brotbrechung:
Der in Vaters Schoss von Ewigkeit,
kam herab und nahm Wohnung
im unbefleckten jungfräulichen Schoss.
Als Jungfrau hat sie Ihn geboren,
und ihre Jungfräulichkeit ist besiegelt.
Die Feiern aller christlichen Traditionen preisen die Menschwerdung des göttlichen Logos in Hymnen, die freudetrunken das Staunen über dieses Wunder mit seinen Paradoxien ausdrücken. Die Gläubigen sind sich bewusst, dass das Leben Christi das zentrale Ereignis der Weltgeschichte bedeutet. So lautet ein Sticheron der byzantinischen Laudes am Weihnachtsmorgen:
Heute ist Christus in Bethlehem
von einer Jungfrau geboren.
Heute kommt der Ewige in die Zeit,
und das Wort wird Fleisch.
Die himmlischen Mächte freuen sich,
Erde und Menschen jauchzen…
Dieses Geschehnis verbindet Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeitlichkeit, und das mit Nachdruck vielfach wiederholte „Heute“ sowie die Gegenwartsform der Verben verdeutlichen das ewige Jetzt Gottes und bekunden die Überzeugung, dass die liturgische Feier nicht bloss eine nostalgische Erinnerung ist, sondern die Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens. Auch der syrische Kirchenlehrer Jakob von Sarug (6. Jh.) verwendet dieses „Heute“ in seinen berühmten Verspredigten häufig, ebenso die Wendung „an diesem Fest“ oder „in diesem Mond“, wenn er in einem Memra über die Geburt Jesu vom Weihnachtsmonat spricht:
In diesem Mond, so fruchtlos, ward die Lebensfrucht/
zu uns gesandt, um uns zu nähren mit dem Heil./
In diesem Mond, da alle Knospen ausgedorrt,/
erbracht‘ der Spross aus einer Jungfrau Schoss uns Frucht./
In diesem Mond, da wider einen Tag die Nacht sich wehrt,/
berührt das Licht die Seele, die verfinstert war./
In diesem Mond, da Finsternis der Leuchte weicht,/
vertreibt den argen Bösen der Erlöser weit./

Geburt Christi
(Malerei auf Leder, Äthiopien)
Jahre und Epochen
Die Wissenschaft der Zeitrechnung bietet viel Interessantes zu Kulturgeschichte und Völkerkunde, insbesondere zu Philosophie und Theologie. Mondjahr und Sonnenjahr werden mit verschiedenen Methoden (z. B. Schalttagen) zum Ausgleich gebracht, was eine genaue Naturbeobachtung erfordert. Mythen, Politik und Religion legen den Anfang der Ära fest: z. B. das Jahr der Gründung Roms (Romulus und Remus, 753 v. C.), die Ära des Diokletian (bei den Kopten „Ära der Märtyrer“, 284), die griechische Indiktion (Konstantins 15-jährige Steuerperiode, 312), die Byzantinische Weltära (Erschaffung der Welt, 5508 v. C.). Die heute weltweit übliche Jahreszählung, die Ära des Abtes Dionysius Exiguus (6. Jh.) mit der Geburt Christi als Ausgangspunkt verbreitete sich erst seit dem 8. Jahrhundert. Inzwischen wissen wir, dass wegen der Ungenauigkeit der antiken Quellen diese Zählung etwa fünf Jahre zu spät angesetzt ist.
Kommen wir nach Äthiopien, das seit dem 4. Jh. ein christlicher Staat ist, finden wir einen Kalender, der Christi Geburt sogar 7 Jahre und 8 Monate nach dem „unsern“ berechnet. (Ein Beispiel zeigt das Plakat von der Ge’ez-Syrisch-Konferenz, an der ich im Mai 2013 bzw. im Genbot 2005 teilnahm.) Eine Jahreszahl nach Christi Geburt versehen die Äthiopier mit ‘a. m. (natürlich in äthiopischer Schrift) für ‘amata mehrat („Jahr der Gnade“, vgl. 2Kor 6,2) – entsprechend unserer Abkürzung n. C. für „nach Christus“. Jahre vor Christi Geburt werden mit ‘amata ‘alam („Epoche der Welt“), ‘amata fetrat („Epoche der Schöpfung“) oder wegen der Vertreibung aus dem Paradies ‘amata fedda („Epoche der Bestrafung“) genannt.

Äthiopischer und Gregorianischer Kalender
(Addis Ababa, Genbot 19 – 22, 2005 = 27. – 30 Mai 2013)
Jahresanfang ist im äthiopischen wie im koptischen Kalender der 1. Maskaram bzw. Thôout, das entspricht dem 29. August (Thronbesteigung Ks. Diokletians, s. o.) nach altem Stil (julianisch), sodass er auf „unseren“ 11. September fällt (gregorianisch). Für einen Neubeginn eignet sich dieses Datum besser als der willkürlich gewählte 1. Januar, weil es kirchlich das Gedächtnis der Enthauptung Johannes‘ des Vorläufers ist, dessen Gestalt als Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament gilt.
Weil immer wieder die irrige Meinung anzutreffen ist, die ostkirchlichen Traditionen kennten das Fest der leiblichen Geburt Christi nicht oder aber sie feierten es am 7. Januar, lasse ich hier drei Daten von Weihnachten 2013 folgen (wobei alle denselben Tag bedeuten und wegen der gregorianischen Kalenderreform auf „unsern“ 7. Jan. 2014 fallen):
jul. 25. Dez. 2013 (z. B. russische Kirche) =
kopt. 29. Choiak 1730 =
äth. 29. Tahsas 2006
Andersherum betrachtet: Wenn wir Abendländer am 25. Dez. 2013 nach neuem Stil Weihnachten feiern, stehen die genannten Ostchristen noch in der Vorbereitungszeit, im Weihnachtsfasten (der greg. ist dem jul. Kal. um 13 Tage voraus):
jul. 12. Dez. 2013 =
kopt. 16. Choiak 1730 =
äth. 16. Tahsas 2006
Zeit und Kirchenjahr
Seit ihren Anfängen haben die christlichen Gemeinden ihr Leben mit Gedächtnisfeiern geordnet, die Jesus und Gottes Heilswerk gegenwärtig machen. Als Angelpunkte der Erlösung betrachten wir die Inkarnation und die Auferstehung Christi, also Weihnachten mit Epiphanie und Karfreitag mit Ostern. Fastenzeiten verschiedener Länge und Intensität dienen nach jüdischem Vorbild (vgl. z. B. Joel 1,14; Mt 4,2) zur Busse, zur Reinigung von Leib und Seele und zur Vorbereitung auf besondere Augenblicke. Sowohl Festzeiten wie auch Fastenzeiten geben dem menschlichen Dasein eine Struktur und helfen (mit reichen Ritualen, falls diese nicht vernachlässigt werden), die Gegenwart Gottes immer tiefer zu erfahren. Da die Muttergottes und die Heiligen in enger Verbindung mit Christus gelebt haben, weisen auch ihre Gedenkfeiern auf den Herrn. Ebenso bedeuten die liturgischen Tages-, Wochen-, Monats- und Jahreszyklen nicht etwa ein Kreisen oder Treten an Ort, sondern sind auf Ihn und das Ende der Zeiten (Heb 9,26) ausgerichtet. Am 1. September, dem byzantinischen Neujahrstag, singt man in der 4. Ode des Orthros:
Den Schöpfer, Der aus dem Nicht-Sein
mit Weisheit das All gebildet hat
und durch Sein Wollen
die Umläufe der Zeiten herbeiführt,
lobt und rühmt Ihn in Ewigkeit!
Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon