Johannes XXIII. und die Ostkirchen

Vor 50 Jahren, am 3. Juni 1963, starb Papst Johannes XXIII. Er hatte ein ganz persönliches Interesse an den Ostkirchen. Seine eigenen Kontakte und Erfahrungen in früheren Jahren prägten auch sein Pontifikat. Er konnte aber auch an dem anknüpfen, was seine Vorgänger bereits begonnen hatten.

Papst Leo XIII. zum Beispiel schrieb in Orientalium dignitas (30.11.1894), dass die Bewahrung des Wesens der östlichen Riten von grösserer Bedeutung sei, als man sich vorstellen kann. Die altehrwürdigen Riten der einzelnen Kirchen sind eine Zierde der ganzen Kirche und ein Zeugnis der göttlichen Einheit des katholischen Glaubens. Vielleicht beweist nichts die Katholizität der Kirche Gottes besser als diese einzigartige Gottesverehrung durch die vielfältigen Zeremonien in altehrwürdigen Sprachen, welche zudem durch ihren Gebrauch durch die Apostel und Kirchenväter geheiligt sind.

Papst Benedikt XV. stellte in Dei providentis (11.5.1917) fest, dass die Kirche Jesu Christi weder lateinisch noch griechisch noch slawisch ist, sondern katholisch. Dementsprechend macht sie keinen Unterschied zwischen ihren Kindern. Griechen, Lateiner, Slawen und Mitglieder aller anderen Nationen sind in den Augen des Apostolischen Stuhls gleich.

Im Jahre 1917 hat Papst Benedikt XV. auch ein Institut für höhere Orientalische Studien errichtet, wo vergleichende Theologie, östliches Kirchenrecht, Liturgie, Geschichte, Archäologie, Sprache, Literatur und Ethnologie gelehrt werden und auch zwei wissenschaftliche Zeitschriften veröffentlicht werden. Es war der Wunsch der Päpste, dass aus jeder Diözese Studenten sich auf dem Gebiet der Ostkirchen spezialisieren. Solche Experten können dann in katholischen Einrichtungen lehren oder sollen sonst im immer wichtiger werdenden Bereich der Ökumene aktiv sein. Auch Orthodoxe Studenten wurden immer ermutigt, Kurse am Institut zu belegen.

Papst Johannes XXIII. selber wurde im Laufe seiner langen Dienstzeit als Vertreter des Heiligen Stuhls in Bulgarien, der Türkei und Griechenland mit den Orthodoxen und Katholiken der östlichen Riten und ihren Problemen sehr vertraut. Sein Wissen in diesem Bereich war persönlich und aus erster Hand.

Angelo Giuseppe Roncalli kam am 25. April 1925 als Apostolischer Visitator für die katholischen Gemeinden von Bulgarien (40.000 des lateinischen Ritus und 4.000 des byzantinischen Ritus) in Sofia an. 85 Prozent der Christen im Land gehörten zum orthodoxen Glauben. Sofort passte er sich der Kultur des Landes an und lernte von seiner Geschichte, den Bräuchen, Traditionen, und sogar der Sprache, was er konnte. Er studierte das kyrillische Alphabet und die slawische Sprache und hielt 1927 einen Teil seiner Weihnachtspredigt auf Bulgarisch. Während seines Aufenthalts zeichnete er sich durch seine gemeinnützige Arbeit während der Wirtschaftskrise aus. Seine Sanftheit und Güte taten viel, um die Position der katholischen Kirche inmitten einer orthodoxen Gesellschaft zu stärken.

1934 wurde er Apostolischer Delegat in der Türkei und in Griechenland. Erzbischof Roncalli vertiefte dort sein Verständnis der östlichen Riten dieser Länder und seine Liebe für ihre Völker. Das Studium des christlichen Ostens und der Ursachen des Schismas waren seit fast zwanzig Jahren sein beständiges Anliegen. Im Winter 1942 suchte als Folge des Krieges eine Hungersnot Griechenland heim. Es wird geschätzt, dass innerhalb von 16 Monaten 300‘000 Menschen durch Unterernährung und Krankheit starben, davon 1‘000 täglich allein in Athen. Erzbischof Roncalli übernahm die Leitung der vom Heiligen Stuhl finanzierten Hilfstätigkeiten. Er besuchte Krankenhäuser, Gefängnisse, Konzentrationslager, militärische Zentren und organisierte die Unterstützung von allen, die in Not waren. Er half den Kriegsgefangenen und verteilte Lebensmittel und Medikamente je nach Bedarf. Dieses Werk der Nächstenliebe gewann die Herzen des griechischen Volkes. Als katholischer Erzbischof durfte er sogar neben dem orthodoxen Erzbischof stehend an der Zeremonie teilnehmen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 markierte.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat Papst Johannes XXIII. besonders an die Einheit appelliert. Er erinnerte an Kardinal Bessarion, der auf dem Konzil von Florenz (1439) die Einheit zwischen „Lateinern“ und „Griechen“ verfocht. Der Papst stellte das Konzil unter die Schirmherrschaft und den Schutz der grossen Lehrer der Kirche: den hl. Gregor von Nazianz, den hl. Johannes Chrysostomus (von dem Reliquien in St. Peter in Rom aufbewahrt werden) und den hl. Gregor den Grossen. Viele Probleme, neue und alte, die zwischen Orthodoxen und Katholiken, auch Katholiken der östlichen Riten, bestanden, sollten diskutiert und auf diesem Konzil gelöst werden.

Auch wenn der Wunsch nach Lösung der vielen Probleme zwischen Rom und den Kirchen des Ostens nicht in Erfüllung ging, hat sein Beispiel doch zu einem fruchtbaren Interesse vieler Gläubigen an den Ostkirchen geführt.

P. Kilian Karrer