Peter Vitovec zum Gedenken
In der Agenda des Fastenopfers war am letzten Dienstag zu lesen: Alles was ersetzbar ist, hat einen Preis. Alles was unersetzbar ist, hat eine Würde. Das trifft gewiss auf jeden Menschen zu, denn jeder ist mit seinen Eigenschaften einmalig – und schon daher unersetzlich.

Um einen Verstorbenen trauert man gerade deshalb, weil er nicht ersetzbar ist. Auch Peter Vitovec ist unersetzbar; denn die Kombination von Qualitäten, die wir in ihm gefunden haben, gibt es so nicht wieder. Alle, die mit ihm zu tun hatten, könnten einiges auflisten in der Art: „Pidou war musikalisch, hatte einen Sinn für Humor, war sprachbegabt, hatte viele Ideen, war ein interessierter und interessanter Gesprächspartner, einfallsreich, idealistisch, einfühlsam, anspruchslos usw.“ – und alle würden verschiedene Akzente setzen; für jede und jeden hatte Pidou nämlich einen persönlichen Zugang.
Jugendzeit
Der Lebenslauf und das Werk von Peter Vitovec sind deutlich aus einem Ruf Gottes hervorgegangen – dabei waren die Voraussetzungen anfangs nicht günstig. Er kam kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Innsbruck zur Welt (am 18. August 1946), als Österreich wie Deutschland von den Siegermächten besetzt und in vier Zonen aufgeteilt war. Seine Mutter, Amalia Vitovec, eine Wienerin mit tschechischen Vorfahren, arbeitete als Haushälterin. 1957 kam Peter durch ein Hilfsprogramm für Kriegskinder in die Schweiz zu den Pflegeeltern Stegmann in Steffisburg. (Anm.: Einige der teilweise unsicheren Daten verdanke ich den Recherchen von Pfr. Armin Mettler.) Dem aufgeweckten Jungen wurde der Besuch des Antonius-Konvikts bei den Franziskanern im Friburgischen Pensier ermöglicht. Dorthin kam nach zwölfjähriger sibirischer Lagerhaft auch Pater Armando Zavatta, der den Studentenchor ermutigte, die slavischen Texte der byzantinischen Liturgie zu singen. Dieses Erlebnis, vertieft durch einen Film über russische Klöster, war zweifellos der Keim zu Pidous Begeisterung für die ostkirchliche Glaubenswelt und zu seinem späteren Engagement.
Vorerst hatte er einige Wegstrecken zurückzulegen: die A-Matura im Collège St. Michel in Fribourg, 1967 das Noviziat bei den Franziskanern als Frater Raphael, das Studium der Theologie in Würzburg und Rom. Dort bedeutete eine weitere entscheidende Erfahrung die Begegnung mit P. Ludwig Pichler, dem berühmten Chorleiter im Collegium Russicum, der ihn in der Kunst des Dirigierens nachhaltig förderte.
Anfang der Siebzigerjahre benutzte Peter einen Studienurlaub, um in Namibia seinen Pflegebruder zu besuchen. Er arbeitete kurze Zeit als Deutschlehrer und lernte im Deutschen Jugendbund Ulrike Wede kennen. Nach Europa zurückgekehrt, entschloss sich Peter, den Orden zu verlassen, und 1973 traten die Beiden im Juvenat der Franziskaner in Flüeli-Ranft vor den Traualtar. Das Dorf des hl. Bruder Klaus wurde ihr erster Wohnort, und für den Lebensunterhalt gab Peter Musikunterricht an mehreren Obwaldner Schulen und Religionsunterricht in Luzern. Das Studium an der dortigen Akademie für Schul- und Kirchenmusik brach er nach einiger Zeit ab, denn er fand es für die Verwirklichung seiner Pläne nicht nötig.

Der Schweizer Romanos-Chor
Als Vitovec 1973 erfuhr, dass der Luzerner Theologieprofessor und Ostkirchen-Fachmann Raymund Erni plane, eine byzantinische Liturgie zu feiern, trommelte er seine ehemaligen Mitschüler von Pensier zusammen – und so entstand zwei Wochen nach Ostern in der Peterskapelle (nomen est omen!) der Schweizer Romanos-Chor, eine Sängergemeinschaft ohne juristische Vereinsstruktur, dafür mit der ideellen Anlage junger Studenten und Berufsleute mit derselben uneigennützigen Absicht, den westlichen Menschen etwas von der Tiefe der östlichen Glaubenswelt mitzuteilen. Mit weiteren ostkirchlich ausgebildeten Priestern (anfangs P. Robert Hotz, der in Zürich ein Hilfswerk für die Ukraine aufbaute, P. Gregor Hohmann, dem Generalsekretär von Catholica Unio, Pfr. Thomas Egloff, dem Leiter des Liturgischen Instituts in Zürich) begann eine liturgische Tätigkeit, die sich bezüglich Geographie und Repertoire mächtig ausweitete. Als wieder einmal davon gesprochen wurde, dass wir einen Diakon haben sollten, fragte mich Pidou in seiner energisch-schlichten Art: „Wann wirst du endlich Diakon?“ – und nach gewissen römischen Hürden wurde ich für diesen wunderbaren Dienst geweiht: ein typisches Beispiel für sein Charisma, Mitmenschen Ziele zu vermitteln und Dinge ins Rollen zu bringen. Reisen in die umliegenden Länder sowie nach Spanien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Tschechien und Russland – für Pidous Weggenossen unvergesslich – zeugen ebenso für seinen Unternehmungsgeist wie die Schallplatten-, Radio- und Fernsehaufnahmen.
Stevan Mokranjac-Chor
Peter Vitovec verstand es, Leute römisch-katholischer, griechisch-katholischer, evangelischer, christkatholischer und orthodoxer Herkunft zusammenzubringen. Von Erzpriester Draško Todorović, dem Pfarrer der Serbisch-orthodoxen Kirche, gerufen, war Vitovec von 1976 bis 2000 als Leiter des Stevan Mokranjac-Chors angestellt und brachte diesen auf ein vorbildliches Niveau. Hier wie im Romanos-Chor finden sich Mitglieder aller Konfes-sionen in Freundschaft zusammen, und dem Mitfeiern der Gottesdienste in byzantinischer Tradition folgt mitunter eine Konversion zur Orthodoxie – was niemanden wundert. Was Peter selbst betrifft, könnte man sich fragen, welcher „Richtung“ er sich am nächsten fühlte, hatte er doch Einblicke und Einsichten, die nicht vielen Zeitgenossen vergönnt sind – und liess dementsprechend hie und da ironische oder rebellische Sprüche fallen. Während er als Führernatur und Animator viel Anerkennung fand, hatte er in der Wahl von wissenschaftlichen Beratern nicht immer eine glückliche Hand. Das mindert jedoch nicht seine Verdienste.

Ostkirchliche Bildungsarbeit
1984 konnte das Ehepaar Vitovec das Hotel Fluhegg in Gersau am Vierwaldstättersee in ein ostkirchliches Bildungshaus umwandeln. Ulrike hatte dafür eigens das Wirtepatent erworben. Die Gäste wurden hier gastronomisch verwöhnt, hier feierten wir Gottesdienste, verbrachten Frondienst-Ferien und veranstalteten Kurse – z. B. Ikonenmalen und Kirchenslavisch. Und hier entstand auch der Verlag für die musikalischen und liturgischen Publikationen des Vereins für ostkirchliche Musik, den wir 1979 dank seiner Initiative gründen konnten. Der VOM hat sich seither unter seinem ebenso rührigen Präsidenten Werner Dudli zu einer wichtigen Institution entwickelt, die mit Bibliothek, Phonothek, Archiv und Notensammlungen der Forschung und Praxis dient und Seminare, Vorträge sowie Studienreisen organisiert.
Věčnaja pamjat’!
Enttäuschungen blieben Peter Vitovec nicht erspart: 1990 musste er das Haus „Fluhegg“ aufgeben, unter anderem wegen der Geldknappheit, die ihn trotz verschiedenen Sponsoren ständig begleitete und einige seiner Visionen und Projekte sabotierte. Doch setzte er seine Tätigkeit als Verleger, Buchhändler und vor allem als begnadeter Chorleiter eifrig fort. Einen schweren Schlag bedeutete für ihn 2001 der Tod seiner Gattin Ulrike. Gesundheitliche Probleme, die mehrere Spitalaufenthalte nötig machten, beeinträchtigten in den letzten Jahren seine Schaffenskraft, und am 17. Februar 2012 ist er in Basel unerwartet, aber doch nicht überraschend verstorben.
Viele Menschen – gerade auch die hier in der Franziskanerkirche zur heiligen Liturgie versammelten – verdanken dem Ostkirchenmusiker Peter Vitovec neue Dimensionen in ihrem persönlichen Leben; die Catholica Unio hat von seinen Fähigkeiten genauso „profitiert“ wie er von der Möglichkeit, sich mit seinen Sängern unter der Ägide des Ostkirchenwerks zu entfalten. Unser dankbares Gedächtnis ist ihm sicher.
Das letzte Wort der Gedenkfeier für den Verstorbenen ist denn auch Věčnaja pamjat’ – ewiges Gedenken!
In dieser Litia singen wir auch: Mit den vollendeten Gerechten lass ruhen, Erlöser, * die Seele Deines Dieners. * Bewahre sie zum seligen Leben bei Dir, * Du Menschenliebender. In Deiner Ruhestätte, Herr, * wo alle Deine Heiligen sich finden, * lass auch die Seele Deines Dieners ruhen. Hier und in allen Hymnen und Gebeten der Pannychis ist wiederholt von „Ruhe“ die Rede. Gemeint ist damit nicht Untätigkeit oder Trägheit, auch nicht eine Auflösung der menschlichen Person in eine unbestimmbare Weltseele. Hören wir genauer hin: Mit dem irdischen Tod gelangen wir zu den „vollendeten Gerechten“, zu all den Menschen aller Zeiten, die sich Mühe gegeben haben, recht zu leben und Gutes zu tun. Sie haben Gott gesucht. Wir erinnern uns auch bei dieser Gelegenheit an die „Gemeinschaft der Heiligen“, zu der wir gehören. Christus, Den wir immer wieder als „Menschenliebenden“ anrufen, wird auch Pidou in die „Wohnungen des Vaters“ (Jo 14,2) aufnehmen.
Du bist unser Gott, Der in den Hades hinabfuhr * und die Fesseln der Gebundenen löste, * bringe Du, Erlöser,* Selbst zur Ruhe die Seele Deines Dieners Peter. Wie so viele andere Hymnen verweist auch dieses Troparion auf den Osterglauben, der die Jünger Christi von Anfang an beseelt hat. Er kommt in den Paulusbriefen öfters zum Ausdruck, und Petrus schreibt: Er hat den irdischen Tod erlitten… und Er brachte Kunde den Geistern im Gefängnis… (1Pet 3,18f.). Das ist genau das Erlösungsgeheimnis, das auf der byzantinischen Osterikone dargestellt ist und im Troparion von Ostern hundertfach erklingt, wie wir es mit Peter in dieser Kirche jahrzehntelang freudig haben singen dürfen:
Christus ist erstanden von den Toten, im Tode bezwang Er den Tod und hat allen in den Gräbern das Leben gebracht!
Luzern, 18. März 2012
Dr. Jean-Paul Deschler
Protodiakon