Das Gebet – der Atem unserer Seele

Unser Glaube an Gott, den Vater, an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn und an den Heiligen, Leben spendenden Geist, – dieser unser Glaube ist Beziehung. – Wir glauben an einen persönlichen Gott, der sich uns Menschen auf verschiedenste Weisen mitgeteilt hat und immer neu mitteilt. Wir glauben an einen Gott, der nicht einfach abseits, irgendwo über den Himmeln thront und sich nicht mehr weiter um seine Schöpfung kümmert, sondern an einen liebenden Gott, der mit seiner Schöpfung in Beziehung steht, ja in seiner Schöpfung gegenwärtig ist. Wir glauben an einen Gott, der sich in Jesus Christus „gezeigt“, mitgeteilt hat und der im Heiligen Geist mitten unter uns wirkt, immerzu. Wir glauben an einen Gott, der in sich selbst Beziehung ist und lebt. – Wir glauben an Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist.

Unser Glaube also, so darf man sicher sagen, ist zuallererst Beziehung, und diese Beziehung äussert sich im Gebet. Im Gebet treten wir in Beziehung mit Gott und ER mit uns; im Gebet wird unser Glaube genährt und erneuert, vertieft und bereichert. Das Gebet als gelebte Beziehung ist damit das Fundament, Voraussetzung eines lebendigen Glaubens. – Das Gebet ist der Atem unserer Seele, der Atem unseres geistlichen Lebens, der Atem, der unseren Glauben am Leben erhält und die Beziehung zu Gott nicht abreissen und langsam, vielleicht auch unmerklich sterben lässt.

So kann es nicht verwundern, dass Paulus die Gläubigen in der Gemeinde von Thessalonich auffordert: „Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus angehört“ (1Thess 5,16-18). Das ständige Gebet gehört zum Wesentlichsten des christlichen Glaubens; ohne dieses auf die eine oder andere Weise stets präsente und gepflegte, tägliche und oftmals auch nächtliche Gebet trocknet der Glaube aus.

Gebetsbücher als Gebetshilfen

Die Psalmen

Im alttestamentlichen Buch der Psalmen finden wir 150 Gebete, die von je her das Gebetsleben sowohl des Judentums wie auch des Christentums prägen. Sie sind das Fundament unseres Betens; wie schon Jesus selber die Psalmen gebetet hat, so beten von je her auch wir Christen diese gleichen Psalmen, ganz besonders intensiv und oftmals gesungen in den Klöstern, aber auch als tägliche Gebete der Priester und Diakone im Stundengebet und natürlich als fester Bestandteil der Eucharistiefeier, nämlich im Antwortpsalm zwischen erster und zweiter Lesung.

Kirchliche Gebetsbücher

Das christliche Gebet erschöpft sich aber nicht in den Psalmen. Ergänzend zu den alttestamentlichen Gebeten gibt es unzählige einzelne Gebete und ganze Andachten zu verschieden-sten Anliegen, zu Festzeiten und Heiligen, die aus dem christlichen Glauben  gewachsen sind und unser tägliches Gebetsleben prägen. Solche Gebetsbücher gibt es in allen christlichen Kirchen, auch in den Kirchen des Ostens. Werfen wir einen Blick in ein Gebetsbuch der russischen-orthodoxen Tradition, so finden wir da viele wunderbare Gebete. Ein paar Beispiele mögen uns einen Eindruck des spirituellen und sprachlichen Reichtums dieser Gebete geben.

Gebete der russischen-orthodoxen Tradition[1]

Gebet am Morgen

Vom Schlaf aufgestanden, fallen wir vor Dir nieder, Du Gütiger, und bringen Dir den Gesang der Engel dar, Du Starker: Heilig, heilig, heilig bist Du, o Gott! Erbarme Dich unser um der Mutter Gottes willen!

Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste,

Von Lager und Schlaf hast Du mich aufgerichtet, Herr. Erleuchte nun meinen Geist und mein Herz und öffne meine Lippen, damit ich Dich preise, Heilige Dreifaltigkeit: Heilig, heilig, heilig bist Du, o Gott! Erbarme Dich unser um der Gottesgebärerin willen!

Jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit, Amen.

Plötzlich wird der Richter kommen, und die Taten eines jeden werden offenbar. Aber furchtsam rufen wir Dir zu: Heilig, heilig, heilig bist Du, o Gott! Erbarme Dich unser um der Gottesgebärerin willen

Gebet vor Beginn der Arbeit

Herr, Jesus Christus, Du Eingeborener Sohn Deines anfanglosen Vaters, Du sagtest mit Deinem allreinen Munde: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Herr, mein Herr, was Du gesprochen, bewahre ich gläubig in meiner Seele und in meinem Herzen und bete zu Deiner Güte: Hilf mir Sünder, diese Arbeit, die ich beginne, durch Dich zu vollbringen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet nach beendeter Arbeit

Die Erfüllung aller guten Dinge bist Du, mein Christus; erfülle mit Freude und Fröhlichkeit meine Seele und errette mich als der einzig Menschenliebende. Amen.

Gebet vor der Mahlzeit

Aller Augen hoffen auf Dich, o Herr, und Du gibt’s ihnen Speise zur rechten Zeit; Du tust Deine Hand auf und erfüllst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen. Amen.

Gebet nach der Mahlzeit

Wir danken Dir, Christus, unser Gott, dass Du uns mit Deinen irdischen Gaben gesättigt hast; entziehe uns auch nicht Dein himmlisches Reich! Amen.

Gebet am Abend
Herr, unser Gott, vergib mir, Gütiger und Menschenliebender, was ich an diesem Tag gesündigt habe in Wort und Tat und in Gedanken. Gewähre mir friedlichen und ungestörten Schlaf; sende Deinen Schutzengel, der mich bedeckt und vor allem Übel bewahrt. Denn Du bist der Schützer unserer Seelen und Leiber und Dir bringen wir Lob dar, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geist, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.

Gebet vor Antritt einer Reise

Herr, Jesus Christus, unser wahrhaftiger Gott, Du wahrer und lebendiger Weg, du hattest Gefallen daran, mit Deinem Pflegevater Joseph und Deiner Allerreinsten jungfräulichen Mutter nach Ägypten zu reisen, und bist mit Lukas und Kleophas nach Emmaus gewandert. Und jetzt, allheiliger Gebieter, bitten wir Dich demütig, auch mit diesem Deinem Knecht/ mit dieser Deiner Magd (NN) segnend mitzureisen. Und wie Deinem Diener Tobais sende auch ihm/ihr einen schützenden Engel, der ihn/sie leite, behüte und aus jeder üblen Bedrängnis durch sichtbare oder unsichtbare Widersacher befreie, der ihn/sie zur Erfüllung Deiner Gebote anhalte, ihm/ihr helfe, seine/ihre Reise friedlich, glücklich und gesund zu vollenden und unversehrt und unbehelligt zurückzukehren…

Daniel Blättler, Protodiakon


[1] Orthodoxes Gebetsbuch, Russische Orthodoxe Diözese des Orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland, Berlin – München 1989