Reliquien sind in der westlichen Welt seit einiger Zeit nicht mehr hoch im Kurs. Mit Recht verweist man auf Missbräuche, die den Reliquienkult lächerlich gemacht und in üblen Ruf gebracht haben. Schaut man aber genauer hin – wie es Historiker und Theologen tun sollten –, erkennt man, dass Reformation und «Aufklärung» in diesem Punkt das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben.
Eine rätselhafte Ikone
Eine Galerie russischer und griechischer Ikonen präsentierte vor kurzem eine eigenartige Darstellung, die sowohl für Veranstalter und Kunsthistoriker als auch für orthodoxe Theologen und Ikonenexperten rätselhaft war. Sie zeigt vor dem Hintergrund einer fünfkuppligen Kirche in russischer Architektur und einer Tür, die einem Stadttor ähnelt, zwei Heilige, links einen Bischof und rechts eine Fürstin. Der Namenszug am obern Rand verweist auf den Patriarchen Nikephoros I., der 806-15 die Kirche von Konstantinopel geleitet hat und im Ikonoklasten-Streit mit bedeutenden theologischen Schriften für die orthodoxe Bilderlehre aufgetreten ist.[1] Die gekrönte Dame, deren Name verwischt ist, dürfte Theodora sein, die nach dem Tod ihres Gatten, des bilderfeindlichen Kaisers Theophilos (842) mit dem Fest der Orthodoxie (seit 843 am 1. Fastensonntag) die Ikonenverehrung wieder einführte.[2] Die Heiligen stehen beide mit halb erhobenen Händen betend da, Nikephoros hält gleichzeitig in der Linken ein Buch, Theodora als Pendant in der Rechten ein Schriftblatt mit ihrer Fürbitte: Herr und Gott, erhöre mich…
Zwischen den Heiligen steht ein grosser, halb abgedeckter Sarkophag. Auf den ersten Blick sieht man darin einen Mann und eine Frau liegen, mit gekreuzten Händen, wie in friedlichem Schlaf. Wohl um anzudeuten, dass ihre Leiber unverwest aufgefunden wurden, sind sie unbekleidet dargestellt. Zwischen und hinter ihren Nimben sind weitere Heiligenscheine zu erkennen, was auf ein Massengrab hinweist, in welchem eine grosse Zahl von Märtyrern bestattet sind.
Eine Auffindung
Im liturgischen Kalender der byzantinischen Kirche gibt es verschiedene Feste, die der Auffindung der Gebeine von Märtyrern gewidmet sind; das bekannteste ist wohl die erste und zweite Auffindung der Reliquien Johannes’ des Vorläufers am 24. Februar. Kurz vorher, am 22. Februar, wird der Auffindung der Gebeine der heiligen Märtyrer vom Eugenios-Quartier gedacht. Diesem Gedächtnis wird solches Gewicht beigemessen, dass es im Menaion normalerweise das einzige Offizium des Tages bildet, obwohl Kalender und Synaxarion einige Heilige aufführen. Nach der Tradition wurde das Massengrab beim Eugenios-Tor zu Konstantinopel entdeckt.[3]
Als selbständige Darstellung auf Ikonen dürfte das Ereignis äusserst selten zu finden sein; dagegen kommt es häufig auf Monatsikonen und sogar auf Jahreskalender-Ikonen an der entsprechenden Stelle vor, obwohl es verhältnismässig viel Platz beansprucht: Man sieht da etwa Volk und Kleriker, die andächtig vor offenen Särgen stehen.
Bei dem «hervorgehobenen» Paar handelt es sich um Andronikos und Junia, die Landsleute und Mitarbeiter des Apostels Paulus, der sie im Römerbrief grüssen lässt (16,7).[4] Von der kirchenslavischen Aufschrift auf dem hinteren Rand des Sarkophags lässt sich nur noch das erste Wort entziffern: Auffindung, einst dürfte sie den vollständigen Namen des Festes (s. o.) wiedergegeben haben.
Wozu Reliquien und Ikonen?
Die Verwendung von Reliquien und Ikonen ist in Theologie und Praxis des christlichen Ostens so stimmig geklärt, dass das abendländische Christentum gut daran täte, folgende Gedanken aufzunehmen:
1. Die getauften Gläubigen sind Glieder eines Leibes (1Kor 12,13); sie bilden die Gemeinschaft der Heiligen – eine Familie.
2. Die Angehörigen dieser Familie, die noch im Diesseits leben, pflegen das Andenken an jene Brüder und Schwestern, die ihnen als Vorbilder im Glauben vorangegangen sind, und rufen sie an, sich bei Gott als Helfer und Fürbitter einzusetzen.
3. Zusammen mit den überlieferten Berichten helfen Reliquien (Gebeine oder Gebrauchsgegenstände) der verehrten Heiligen, das Andenken lebendig zu erhalten und den Glauben zu stärken. Deshalb bewahrt man sie sorgfältig auf, auch in kostbar gefertigten Schreinen.
4. Eine Ikone, richtig aufgefasst, ist ein Reliquienschrein,[5] der den Gläubigen den «Kontakt» zur dargestellten Person erleichtert; wir verehren nicht Tafelbilder und Knochen, als ob sie als solche es verdienten.
5. Ikonen lassen sich letztlich nur im Zusammenhang mit dem Gottesdienst richtig «verstehen». Am 22. Febr. beziehen sich zahlreiche liturgische Texte auf Invention und Translation der Reliquien, die damit verbundenen Wunder und die Fürbitte der Heiligen. So singt man im Luzernarium der Vesper:
Nach vielen Jahren der Verborgenheit
sind die siegreichen Märtyrer
jetzt erschienen
als kostbarer Schatz
und bereichern die Kaiserstadt,
auf den Händen eines weisen Bischofs getragen
und feierlich zur heiligen Kirche gebracht,
den Betern als Gabe
beständig zu Gesundheit und Nutzen,
zu Erleuchtung und Beistand
derer, die sie aufnehmen
als treue Diener Gottes.
Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon
[1] Er starb 828 im Exil; Fest: 2. Juni, Gedenktag der Übertragung (846): 13. März.
[2] Gest. als Nonne 867; Fest: 11. Febr.
[3] Die Pylai Eugeniou (Porta Eugenii) standen im Norden der antiken Akropolis (bzw. der Serail-Spitze von İstanbul), nahe der Stelle, wo mit einer
Kette die Einfahrt ins Goldene Horn abgesperrt werden konnte – auf dem Territorium des heutigen Bahnhofs.
[4] Die Kenntnis wurde dem Kleriker Nikolaos Kalligraphos in einer Vision zuteil. – Der Gedenktag von Andronikos und Junia ist der 17. Mai. (Sie
waren vermutlich ein Ehepaar; doch im Westen wird aus Junia häufig der männliche Name Junias gemacht, der sonst nicht bezeugt ist –
vielleicht hängt dies mit der Idee des Zölibats zusammen!) – Später ließ Ks. Andronikos I. (1183-1185) im Eugenios-Viertel zu Ehren seines
Namenspatrons eine Andronikoskirche bauen.
[5] In manchen Ikonen ist denn auch eine Reliquienkapsel eingefügt.