Herr, mein Gott, wie gross bist du!

In Erntedankgottesdiensten wird gerne das Lied von Carl Boberg mit dem Refrain „Dann jauchzt mein Herz dir, grosser Herrscher zu: Wie gross bist du!“ gesungen. Es erinnert an den Beginn von Psalm 103, der jeweils die byzantinische Vesper eröffnet: Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, wie gross bist du!

Es war daher besonders passend, dass im Jahre 1989 der Ökumenische Patriarch   Dimitrios I. in einer Botschaft dazu aufrief, den 1. September, der für die orthodoxen Kirchen der erste Tag des Kirchenjahrs ist, als einen Tag ‚der Bewahrung der natürlichen Umwelt’ zu begehen und zu Gott, dem Schöpfer aller Dinge zu beten, ihm Dank zu sagen für die grosse Gabe der Schöpfung und um seinen Schutz und sein Heil zu bitten.

Am 15. März 1992 wurden dann die orthodoxen Gläubigen in aller Welt in einer pan-orthodoxen „Botschaft der Vorsteher der  Heiligen Orthodoxen Kirchen“ aufgerufen, den 1. September eines jeden Jahres dem Gebet und dem Flehen für die Rettung der Schöpfung Gottes und dem Erreichen jener Haltung zur Natur zu widmen, welche die Göttliche Eucharistie und die asketische Tradition der Kirche gebieten. 1999 hat das Europäische Christliche Umweltnetz (ECEN) diesen Vorschlag aufgegriffen und alle Kirchen aufgefordert, vom 1. September bis zum zweiten Sonntag im Oktober eine ‚Zeit für Gottes Schöpfung’ einzuführen.

Patriarch Dimitrios I. betonte in seiner Botschaft 1989 die religiöse Dimension der ganzen Problematik: „Mit grösster Sorge verfolgt der ökumenische Thron der Orthodoxie, Bewahrer und Verkünder der jahrhundertealten patristischen Tradition und getreuer Interpret der eucharistischen und liturgischen Erfahrung der orthodoxen Kirche, die unbarmherzige Knechtung und Zerstörung der natürlichen Umwelt, die heute von der Menschheit betrieben werden – mit allen bedrohlichen Gefahren für das Überleben der natürlichen Welt, wie sie von Gott erschaffen wurde.“

„Indem der Mensch seine Sonderstellung in der Schöpfung und Gottes Auftrag „über die Erde zu herrschen (Genesis 1,28)“ missbraucht, hat er die Welt an den Rand apokalyptischer Selbstzerstörung geführt, sei es durch die Ver­schmutzung der Natur, die alle Lebewesen gefährdet, sei es durch die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten oder auf mancherlei andere Weise.“

„Angesichts dieser Situation kann die Kirche Christi nicht stumm bleiben. Es gehört zu den grundlegenden Überzeugungen der Kirche, dass die Welt von Gott dem Vater erschaffen wurde. Im Credo bekennen wir ihn als den „Schöpfer Himmels und der Erden und alles, was sichtbar und unsichtbar ist”. Nach der Lehre der grossen Kirchenväter ist der Mensch der Prinz der Schöpfung; ihm ist das Privileg der Freiheit gegeben. Er gehört sowohl der materiellen als der geistigen Welt an und wurde erschaffen, um die Schöpfung Gott darzubringen und sie so vor Zerfall und Tod zu bewahren.“

„Nach dem Fall des „ersten Adam” wurde diese grosse Bestimmung des Menschen durch den „letzten Adam”, den Sohn und das Wort Gottes, unseren Herrn Jesus Christus verwirklicht. Er vereinigte in seiner Person die geschaffene Welt mit dem ungeschaffenen Gott und bringt sie in immer höherem Masse dem Vater als ewige eucharistische Gabe und Opfer dar.“

„In der göttlichen Liturgie setzt die Kirche dieses Werk und diese Darbringung fort, sie braucht dazu Brot und Wein, Elemente, die dem materiellen Universum entnommen sind. Auf diese Weise ruft die Kirche unablässig in Erinnerung, dass der Mensch nicht dazu bestimmt ist, über die Schöpfung Herrschaft und Macht auszuüben, als ob er ihr Besitzer wäre, sondern als Haushalter zu handeln, sie in Liebe zu pflegen und sie in Dankbarkeit und Ehrfurcht dem Schöpfer darzubringen.“

Seine starken Worte gipfelten in der Erkenntnis und dem Vorwurf dass „extremer Rationalismus und Egozentrik … in unseren Tagen dazu geführt (haben), dass die Menschen den Sinn für die Heiligkeit der Schöpfung verloren haben und sich als willkürliche Herrscher und rücksichtslose Ausbeuter benehmen. An die Stelle des eucharistischen und asketischen Geistes, zu dem die Kirche ihre Kinder während Jahrhunderten angeleitet hat, ist ein anderer Geist getreten: die Vergewaltigung der Natur zur Befriedigung nicht von grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, sondern von nicht enden wollenden und immer grösseren Ansprüchen, ein Vorgang, der durch die heute herrschende Philosophie der Konsum­gesellschaft ermutigt und begünstigt wird.“

1990 hat Metropolit Nikodemos von Patras für diesen Schöpfungstag Gebetstexte entworfen:

„Welch staunengebietendes Wunder,

der Weisheit Gottes überwältigend schönes Kunstwerk,

die sichtbare Schöpfung,

die mitteilt die Herrlichkeit des allmächtigen Schöpfers des Himmels und der Erde,

der alles Sichtbare und Unsichtbare durch Sein Wort vollbrachte.

Herr, wie sind Deine Werke so gross,

rufen wir Gläubigen und verherrlichen Dich,

Anfangloser !

Wie schön sind deine wunderbaren Werke,

Christos, Logos des Vaters und wirkende Weisheit,

ewig von Anfang an.

Das Weltall ist durch Dich,

durch allmächtige Anordnung geworden.

Alle Erdgeborenen sind erfüllt von Deinen Gaben.

Herr, wie sind Deine Werke so gross,

rufen wir ehrfürchtig und preisen Deine Macht !

In dem durch Deine göttliche Unterweisung gelernten Gebet ,

lasst uns täglich dem Schöpfer zurufen:

Vater unser,

der Du im Himmel wohnst,

gib uns das tägliche Brot.

Heile unsere Fehler,

gib uns Weisheit und Besonnenheit,

nur das Nötige zu nehmen,

mit diesem Geschenk uns zu begnügen

und nicht zu übertreten

die Grenzen der von Dir geschaffenen Natur.“

P. Kilian Karrer OSB