Sprache kann Menschen verbinden oder trennen. Wer nicht Englisch versteht, fühlt sich in einer Gruppe von Leuten, die sich auf Englisch unterhalten, unbehaglich, ja ausgegrenzt oder gar abgelehnt, selbst wenn Freunde darunter sind, mit denen er sonst bestens auskommt. Die Sprache bildet Gruppen und Fraktionen, und das ist schon deutlich spürbar, wo es sich innerhalb der gleichen Sprachgemeinschaft um sozial, beruflich oder altersmässig ungleiche „Klassen“ handelt.
Ernst und schwerwiegend wirkt sich das Sprachproblem im religiösen Bereich aus. Viele moderne Menschen können mit der Sprache von Bibel und Liturgie „nichts mehr anfangen“. Geht man der Sache nach, kommt man zuerst auf zwei wichtige Gründe, dann auf die entscheidende Ursache. Der erste Grund ist die Sprachentwicklung, die häufig mit Bedeutungsverschiebungen verbunden ist. Wer mit den modernen Ansichten von Menschenwürde das Wort „Gottesfurcht“ (s. u.) hört, möchte es spontan ablehnen, da schon die Präambel der UNO-Erklärung der Menschenrechte (1948) „Freiheit von Furcht und Not“ fordert. Der zweite Grund hängt mit dem ersten zusammen: die Unvertrautheit mit biblischer und liturgischer Sprache. Es ist heutzutage selbstverständlich, sich in allen möglichen Bereichen weiterzubilden; man kennt sich im eigenen Beruf, in Sport, Wirtschaft, Politik, Naturwissenschaft und anderem aus – oft bis in kleinste Details; aber auf dem Gebiet von Glauben und Religion bleiben viele in den Kinderschuhen stecken. Sie erinnern sich allenfalls an Einzelheiten aus dem Religionsunterricht, die Redeweise von Bibel, Liturgie und Predigt empfinden sie jedoch als lebensfremd oder leere Worthülsen, weil ihnen die Bedeutung der Wörter fremd ist. Und hier ist wohl die entscheidende Ursache zu sehen: Die Religion hat im Leben der „aufgeklärten“ Gesellschaft ihren Stellenwert verloren.
Sprache und Tradition
Um auf die Gottesfurcht zurückzukommen: der Ausdruck besagt nicht etwa ängstliche Befolgung religiöser Gebote, sondern Anerkennung der Autorität und Bewunderung der Grösse Gottes, und er verweist auf die überwältigende Faszination, die jedes Gotteserlebnis auslöst. Christen in den ostkirchlichen Gebieten, in denen das Religiöse noch eine Wirklichkeit im Alltag bedeutet, werden in den vielfältigen Gottesdienstformen (neben der eucharistischen Liturgie sind es besonders die Vesper und das Morgenamt, aber auch die reich ausgestalteten Riten von Taufe, Trauung und Bestattung) mit der Tradition der biblischen Sprache vertraut, mit den Erzählungen, den bildkräftigen Redewendungen sowie den theologischen Betrachtungen – dies nicht in trocken-akademischer Rede, sondern in variantenreichen Hymnen, die zu hören und mitzusingen Freude macht. Das gläubige Volk hängt sehr an diesen Formen, sogar an einer altüberlieferten Liturgiesprache, von der sich die Alltagssprache allmählich entfernt hat (wie z. B. das Russische vom Kirchenslavischen). Die Ostkirchen haben jedoch immer wieder das Prinzip angewendet, bei einem einschneidenden Sprachwechsel die alte Kirchensprache zugunsten der Volkssprache aufzugeben – und so singen die Ukrainer heute selbstverständlich ukrainisch, die Rumänen rumänisch, die Serben serbisch, die arabischen Christen arabisch, die indischen Thomaschristen in Malayalam, obwohl sie die geschätzte alte Sprache (Kirchenslavisch, Griechisch oder Syrisch) gelegentlich immer noch pflegen. Diese zu verlassen kann freilich schmerzvoll sein, wenn man sie als geistige Heimat erlebt hat. Ein Auswanderer hat nur dann eine Chance, den Verlust der Heimat zu verschmerzen, wenn er anstelle des bisherigen Lebens ein besseres erhält.
Syrische Dichter-Theologen wie Ephräm (4. Jh.) und Jakob von Serugh (5. Jh.) hatten der semitisch-urchristlichen Spiritualität eine meisterhafte Gestalt geschaffen, deren Schätze auch Armenien, Byzanz und Rom beeinflussten. Später hatten es die Slavenapostel Kyrill und Method (9. Jh.) dank ihrer ausgezeichneten literarischen und theologischen Bildung fertiggebracht, den grossartigen Schatz der byzantinisch-griechischen Kirche ins Slavische umzuformen. Die „Emigration“ in eine moderne Sprache ist dann erfolgreich, wenn diese als Umgangs- und Muttersprache ebenfalls eine geistige Heimat ist und wenn sie in ihrer Entwicklung einen Stand erreicht hat, der die Übernahme des alten Erbes ermöglicht, der Wortschatz also eine ebenbürtige Übertragung zulässt. Eine Gefahr bringt der Sprachenwechsel aber dann mit sich, wenn mit der alten Kirchensprache auch nonverbale Aussagen (Zeremonien, Gesten, Rituale) achtlos aufgegeben werden, für die kein passender Ersatz bereitsteht.
„Religionsunterricht“
Die östlichen Kirchen bewahren bis heute die Klugheit und Begabung, übereifrigen oder sektiererischen Reformern zu widerstehen, die radikale Säuberungen anstreben. Verbunden mit den aussagekräftigen Zeremonien bilden die liturgischen Texte einen beachtlichen „Religionsunterricht“. Einige herausgegriffene Beispiele mögen dies zeigen, anhand von Wörtern, mit denen der säkularisierte Mensch nur unklare oder aber neue Begriffe verbindet.

Verklärung Christi mit Elija und Mose; Beschriftung in Griechisch und Arabisch; Fresko, Jounieh, E. 20. Jh.
Die Eucharistiefeier wird im Römischen Ritus Messe genannt. Die Bezeichnung ist nicht gerade günstig gewählt, denn sie geht auf die lateinische Entlassungsformel zurück, wobei missa als „Wegschicken“ oder „Aussendung“ aufzufassen ist. Doch bei diesem Wort denkt hierzulande mancher an eine Warenausstellung oder einen Jahrmarkt (der früher mit einem Festgottesdienst verbunden war). Der deutlichere Ausdruck Messopfer wird heute vermieden, weil man mit „Opfer“ gewöhnlich Verkehrsunfälle und Krieg assoziiert. Es gibt auch Theologen, die Gebete abändern oder weglassen, die das Wort Opfer enthalten. Es kommt auch in der neuen Gestalt der Messe mehrmals vor, z. B. bei der Bereitung der Gaben: Der Herr nehme das Opfer an aus deinen Händen…“, in den verschiedenen Hochgebeten nach der Wandlung: … dieses heilige und lebendige Opfer… – … dieses Opfer unserer Versöhnung… – … das Opfer, das Dir wohlgefällt und der ganzen Welt Heil bringt. Der syrische Ritus nennt die eucharistische Liturgie einen Qurbana, was „Opfer“ heisst (vgl. Korbán bei Mk7,11), und in den Gebeten wird der Ausdruck sehr häufig mit aller Selbstverständlichkeit verwendet. Seine Grundbedeutung ist das Nahen (das Hintreten vor Gott), von daher dann das Darbringen (einer Gabe) und die Opfergabe. Alle Religionen kennen Opfer in verschiedenen Formen. Aus den liturgischen Texten wird die Bedeutung von Wort und Sache klar: Es geht um eine Gabe für Gott als Ausdruck von Dankbarkeit, Hingebung, Demut und Sühne. Die Frage nach dem Opfereinzug mit dem „Klingelbeutel“ ist mit der urchristlichen Sammlung für die Armen und dem Brauch der Agape zu erklären, die eine Fortsetzung in den vielfältigen sozialen Aufgaben der Kirche findet. Wenn von Heil die Rede ist, haben wir die profanen und religiösen Bedeutungen zu bedenken: 1. Gesundheit, Wohlergehen, Glück; 2. Rettung aus der Gottferne (s. u. Sünde); Gemeinschaft mit Gott im übernatürlichen Leben. In diesem Zusammenhang begegnet uns auch die Erlösung: Rettung des sündigen Menschen durch Tod und Auferstehungdes Gottmenschen Jesus Christus. Unter Sünde ist eine Verfehlung gegen die göttliche Ordnung oder eine gegen Gott und Mensch gerichtete böse Tat zu verstehen. (Dass die Gastronomie-Werbung ein Stück Torte als „kleine Sünde zum Nachtisch“ anpreist, ist mindestens leichtsinnig). Den bildlichen Ausdruck Lamm Gottes verstehen wir, wenn wir in der Liturgie die Hinweise auf den jüdischen Tempelkult, den Brauch des Passah-Lammes und verschiedene Bibelstellen kennen lernen, wobei es immer um das sühnende und erlösende Leiden des Messias und des königlichen Gottesknechtes geht.
Manche Wörter, die wir kaum mehr verwenden, können wir durch heute gebräuchliche ersetzen (etwa frohlocken und Abtötung durch sich freuen und Verzicht), wenn nicht die Gefahr einer Verwässerung besteht, aber die eigentlichen theologischen Fachausdrücke (zu den genannten kämen Versuchung, katholisch und viele andere weithin missverstandene) sind kaum auswechselbar. Man muss ihre Bedeutung erlernen, wodurch auch die „religiöse Sache“ wieder ins Leben rückt – und dazu dient vorzüglich die liturgische Sprache.
Dr. Jean-Paul Deschler
Protodiakon