Wenn im November leise die Blätter fallen, Nebelschwaden sich über Seen und Hügel legen und die abgeernteten Felder kahl vor uns liegen, – dann zieht in manches Herz eine leise Melancholie ein. Die kahlen Bäume und Sträucher, die grauen Äcker und Wiesen, die kurzen Tage und langen Nächte – kurz: die Natur erinnert uns auf Schritt und Tritt an die Vergänglichkeit, an Werden und Vergehen, Leben und Sterben.
In manchem Haus wird in diesen spätherbstlichen Wochen wieder öfters mal eine Kerze entzündet, ein Lichtlein ins Fenster gestellt. Wenn es einen in den sommerlichen Monaten stets hinaus ins Freie gedrängt hat, so zieht es uns nun vielmehr herein, in die wohlige Wärme und Geborgenheit der Stube. Alles scheint irgendwie innerlicher, ruhiger, langsamer zu werden. – Der abendliche Spaziergang durch das raschelnde Laub, mit hochgekrempeltem Kragen und tief in die Taschen vergrabenen Händen, wird auf einmal zu einem besinnlichen Gehen. Das Zusammenrechen des bunten Laubteppichs im Garten entwickelt sich unversehens zur meditativen Handarbeit. Der Duft von feuchter Erde und auch jener von heissen Maroni weckt Kindheitserinnerungen, Erinnerungen an längst vergangene, nicht wiederkehrende Zeiten.
Wenn im November leise die Blätter fallen und sich Nebelschwaden über den Tag legen, dann wird uns bewusst: es ist nicht nur der Sommer, der vergangen ist und nicht allein das Jahr, das sich seinem Ende zuneigt, wir spüren vielmehr: das Leben überhaupt ist vergänglich – mein Leben ist vergänglich.
«Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn…
…Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn» (Römerbrief 14,8).
Es verwundert eigentlich nicht, dass Ende des 10. Jahrhunderts die Mönche von Cluny (Frankreich) den Tag ihres Totengedenkens zum Beginn des Novembers feierten. Dieser Gedenktag – Allerseelentag – wurde schon bald auch ausserhalb der Klöster aufgegriffen und begangen. Der Monat November schien geradezu dafür geschaffen zu sein, sich all jener zu erinnern, deren irdisches Leben nun vollendet ist und die, wie es der Glaube sagt, in das unvergängliche Leben bei Gott eingegangen sind. – So beten wir in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche auch an diesem Allerseelentag, am 2. November:
«Allmächtiger Gott,
wir glauben und bekennen,
dass du deinen Sohn
als Ersten von den Toten auferweckt hast.
Stärke unsere Hoffnung,
dass du auch unsere Brüder und Schwestern auferwecken wirst zum ewigen Leben.
Darum bitten wir durch ihn,
Jesus Christus, unseren Herrn…»[1]
Wir entzünden Kerzen auf den Gräbern und bezeugen so unsere Hoffnung, ja unseren Glauben, dass Christus, das unvergängliche Licht, allen unseren Verstorbenen leuchtet und sie durch seine Auferstehung heimholt, nach Hause führt, sie dorthin geleitet, wo er für sie, für uns alle eine Wohnung bereitet hat (vgl. Johannes 14,2).
Während wir im Westen also unserer Verstorbenen in besonderer Weise im November gedenken, also zu jener Zeit, in der uns auch die Natur an die Vergänglichkeit erinnert, haben die Kirchen des Ostens andere Termine gewählt. So feiern die Kirchen des byzantinischen Ritus zwei besondere Totengedenken: das erste am Samstag vor dem «Sonntag des Fleischverzichts» (8. Sonntag vor Ostern) und das zweite am Samstag vor dem Pfingstfest. – Zum einen also wird an die Toten zu jener Zeit erinnert, in der man sich auf die Grosse Fastenzeit vorbereitet. Mit dem bevorstehenden Leiden und Sterben Jesu wird auch uns bewusst, dass unser Leben von Leiden und Sterben gezeichnet ist. Am Ende aber, so das grosse Geheimnis, steht die Auferweckung Jesu, im Ostertroparion hundertfach besungen:
«Christ ist auferstanden von den Toten, im Tode bezwang er den Tod, und schenkte den Entschlafenen das Leben!»[2]
Doch bevor dieser Freudenjubel ausbrechen kann, das Gedenken an die Verstorbenen, derer in dieser Liturgie in der Vorfastenzeit gedacht und für die im Troparion gebetet wird:
«In deiner tiefen Weisheit und Menschenliebe ordnest du alles und teilest allen das ihnen Gebührende zu,
o einziger Schöpfer!
Gib Ruhe, Herr, den Seelen Deiner Knechte; denn auf dich haben sie ihre Hoffnung gestellt, du unser Urheber, Bildner und Gott.»
Und dann kommt die inständige Bitte an Christus, der selber ja das Leiden erfahren und getragen und Sterben und Tod durchlitten hat:
«Christus, lass die Seelen deiner Knechte mit deinen Heiligen ruhen, dort wo es Mühsal, Leiden und Klagen nicht gibt, sondern nie endendes Leben.»
Und nochmals wird für die Verstorbenen gebetet, nun nach Ostern, unmittelbar vor Pfingsten. – Der Tod ist besiegt, Christus ist auferstanden und zum Vater heimgekehrt. Er sendet den Geist, den Lebensspender, der alles Neu machen und mit Leben durchwirken wird. Wieder also betet die Kirche für die Entschlafenen und bittet:
«Lass alle, die aus dieser Zeitlichkeit von uns geschieden sind, in den Zelten deiner Auserwählten wohnen und mit den Gerechten ruhen, unsterblicher Heiland.
Haben sie auf Erden als Menschen gefehlt, dann vergib ihnen du, sündloser Herr, ihre freiwilligen und unfreiwilligen Vergehen, da für sie eintritt die Mutter Gottes, die dich geboren, damit wir einstimmig singen für sie das Alleluja.»
Es ist ein wesentliches Merkmal unseres christlichen Glaubens, dass unsere Verstorbenen also nicht einfach tot und vergessen sind. Sie leben, wenn auch in einer anderen Wirklichkeit und – so hoffen und glauben wir – sie werden eingehen in die Herrlichkeit Gottes. So gehören die Verstorbenen zu uns und wir zu ihnen; sie sind uns vorangegangen, wir folgen ihnen nach; sie legen Fürbitte für uns ein, wir beten für sie. – Wie wichtig dieses Gebet ist, zeigt denn auch die tägliche Liturgie. Ob in der Kirche des Ostens oder des Westens, in jeder Göttlichen Liturgie, in jeder Eucharistiefeier beten wir für unsere Verstorbenen, so heisst es denn in der Anaphora, dem Hochgebet der Göttlichen Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos:
«Gedenke, Herr, auch aller, die in der Hoffnung auf die Auferstehung zum ewigen Leben entschlafen sind. Gib ihnen die Ruhe dort, wo das Licht deines Antlitzes leuchtet.»
So können wir getrost mit Paulus sagen:
«Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind…
Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein» ( 2. Korintherbrief 5,6-8).
Daniel Blättler, Diakon
[1] Schott-Messbuch, Lesejahr A, Herder Freiburg, 1983. S. 712
[2] Dieses und alle folgenden Zitate sind entnommen aus:
N. Edelby, Liturgikon, Aurel Bongers, Recklinghausen, 1967