Christus nachahmen

Von den christlichen Tugenden

Ein reges Interesse an den Tod-sünden?

Gerade vor einem Jahr, im Februar 2011, ging im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee eine auch in den Medien viel beachtete Ausstellung zu den „Sieben Todsünden“ zu Ende. Sie dokumentierte die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Diese sieben Todsünden, oder vielleicht besser: die sieben Untugenden, die zur Sünde verleiten, sind:

Hochmut, Neid, Zorn, Geiz, Trägheit, Völlerei und Wollust.

Das breite Interesse, auf das diese Ausstellung gestossen ist, zeigt, wie sehr sich auch heutige Menschen mit diesem vermeintlich antiquierten Thema auseinandersetzen. Es ist nach wie vor ein Bedürfnis, über moralische Werte, über ethisches oder eben unethisches Verhalten, über Tugend und Laster und schliesslich auch über die Sünde nachzudenken.

Diese Ausstellung zu den „Sieben Todsünden“ hat sicher viele Besucherinnen und Besucher nachdenklich gestimmt. Vielleicht mag auch die Frage aufgetaucht sein: „Was ist nun das Gegenteil der Todsünden?“ oder: „Wie könnte man das Bestreben, die Todsünden zu meiden, positiv formulieren?“

Die Tugenden – die Arznei gegen   die Sünde

Zusammenfassend könnte man sagen: Willst du die Todsünden meiden, bemühe dich um die entsprechenden Tugenden. Schon die Kirchenväter warnten nicht nur von den Sünden, sondern sie sprachen ebenso davon, wie diese durch die Tugenden überwunden resp. vermieden werden können. Den Untugenden oder Laster werden die entsprechenden Tugenden gegenübergestellt:

Demut, Wohlwollen, Geduld, Mildtätigkeit, Fleiss, Mässigung und Keuschheit.

Diese traditionellen Tugenden – und noch viele weitere, die hier gar nicht erwähnt werden – zu pflegen und im Leben so gut als möglich zu verwirklichen, ist die Aufgabe eines jeden Menschen, nicht allein des christlichen. Als Christen jedoch werden wir unweigerlich und immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie sehr die Tugenden für ein gelingendes, gutes Leben unabdingbar sind. Beispiel und Vorbild ist schliesslich Christus selber, der „umherzog, Gutes tat und alle heilte“ (Apg 10,38) und der von sich selber sagt: „…lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“ (Mt 11,29).

Väter wie z.B. Ignatius von Antiochien (1. Jh) „…und viele andere Väter fordern uns auf: `Bemüht euch, Nachahmer Christi zu werden… in aller Reinheit und Enthaltsamkeit` (Ign Eph 10,2). Auch die Heiligen werden von den Vätern zur Nachahmung empfohlen. Maximus der Bekenner (ca. 580 – 662) schreibt… `Lasst uns nachahmen ihren pausenlosen Wettlauf, die glühende Bereitschaft, die Ausdauer der Enthaltsamkeit, die Heiligung durch die Keuschheit, den Edelmut der Geduld, die Nachsicht des Grossmutes, das Mitleid des Erbarmens, das Unerschütterliche der Sanftheit, die Glut des Eifers, das Ungeheuchelte der Liebe, die Höhe der Demut, die Schlichtheit der Armut, die Mannhaftigkeit, die Güte, die Milde.`“ [1]

Fastenzeit – Zeit der Einübung in   die Tugenden

Die Vorbereitungszeit auf das hocheilige Osterfest, die vierzigtägige Fastenzeit, bietet sich als intensive Zeit der Einübung in die Tugenden an. In dieser Zeit geht es nicht allein darum, sich bestimmter Speisen zu enthalten, sondern ebenso um ein inneres, geistlich-geistiges Geschehen, um ein geistliches Wachstum, und damit verbunden um Busse als Umkehr und Erneuerung des ganzen Menschen. Bei alldem ist es jedoch heilsam, sich ständig vor Augen zu halten, dass auch die Bemühung um die Tugenden nicht Selbstzweck ist, als ob man damit vor Gott und den Menschen brillieren könnte. Im Gegenteil. „Wenn die Tugenden nicht aus Liebe zu Gott erworben werden, führen sie leicht zum Pharisäismus, zur Selbstgerechtigkeit und zum Stolz. Auch wenn wir mit Gottes Hilfe jemals Tugenden erwerben, gelten für uns die Worte Jesu: ‘Unnütze Knechte sind wir; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren‘ (Lk 17,10). Die Tugenden sind nicht aus eigenen Kräften selbstständig erworbene Errungenschaften, sondern sie werden dem darum ringenden Menschen als Gnadengaben geschenkt.“[2]

Damit die Einübung der Tugenden in rechter Weise gelingen kann und nicht zu einer Pflichtübung abrutscht, braucht es vor allem das Gebet, und zwar das Gebet, das von Herzen kommt. Umgekehrt kann aber auch das Gebet allein die persönlichen Bemühungen nicht ersetzen, die Tugenden im Alltag zu leben, denn Makarius sagt: „Wer sich nur zum Gebet zwingt,… sich aber nicht abmüht um Demut, Liebe, Sanftmut und die Kette der anderen Tugenden, noch sich dazu zwingt, der gelangt zu folgendem Ende: gelegentlich wird er während des Gebete auch von der Göttlichen Gnade beschattet, weil Gott auch gut ist und den Bittenden menschenliebend die Bitten erfüllt. Da er jedoch sich nicht daran gewöhnt hat, noch erfahren und geübt ist in den Tugenden… fällt er entweder aus der Gnade, die er empfangen hat, und fällt durch den Hochmut, oder er macht keinen Fortschritt, noch wächst er darin; denn sozusagen Wohn- und Ruhestätte des guten Geistes sind die Demut, die Liebe und die Sanftmut, und in der Folge die heiligen Gebote Christi.“[3]

Die Haupttugenden

In der Vielfalt des Tugendkataloges ragen für uns Christen natürlich die vier natürlichen oder Kardinaltugenden und die drei theologischen, göttlichen Tugenden heraus:

Klugheit, Masshalten, Tapferkeit und Gerechtigkeit, sowie Glaube, Hoffnung und Liebe.

Aber auch hier gibt es  – könnte man sagen – eine Art Hierarchie der Tugenden. Ist auch jede einzelne Tugend von hohem Wert, so überragt doch die eine alle anderen: die Liebe. Der Völkerapostel Paulus lehrt uns am Schluss seines Hoheliedes der Liebe: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei, doch am grössten unter ihnen ist die Liebe.“ (1Kor 13,13).

Daniel Blättler, Diakon


[1] Sergius Heitz Hrsg., Christus in euch: Hoffnung auf Herrlichkeit. Orthodoxes Glaubensbuch, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, S. 179

[2] Sergius Heitz, S. 179

[3] Sergius Heitz, S. 180