Das Kreuz in der russisch-orthodoxen Tradition

Je näher wir auf Ostern zugehen, umso bedeutungsvoller wird das Kreuz. Es gibt keinen Ostermorgen ohne Karfreitag, keine Auferstehung Christi ohne den Tod Jesu am Kreuz.

Das Kreuz kann als profanes Zeichen betrachtet werden, welches mit den beiden Achsen, die sich in einem Punkt treffen, für die «vier Winde», d.h. die Himmelsrichtungen stehen, für die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, sogar für die vier Charaktertypen. Unter religiösem Gesichtspunkt werden auch die vier Ströme des Paradieses und die vier Evangelisten assoziiert.

Für die Christen ist das Kreuz zu einem Heilszeichen geworden. Mit Jesus ist nicht nur das Heil in die Welt gekommen und hat in Menschengestalt unter uns gelebt, sondern durch den Kreuzestod, mit dem sich der Gottessohn für die Sünden der Menschen hingegeben und die ganze Welt «an sich gezogen» hat, ist das Heil auch Wirklichkeit geworden. Das russische Kreuz symbolisiert die ganze Heilsgeschichte, die Gott in Christus offenbart hat. – Dies möchten wir hier etwas genauer anschauen.

Die Balken

Die Grundstruktur des russischen Kreuzes sind ein langer Längsbalken und drei unterschiedlich lange Querbalken. Die horizontalen, sich in der Breite ausdehnenden Linien stehen für das Materielle, dasjenige welches sich über die ganze Erde ausbreitet. Die vertikale Linie verbindet den Himmel mit der Erde, das Irdische mit dem Himmlischen, das Materielle mit dem Geistigen, die Schöpferkraft Gottes mit dem Kreatürlichen. Dort, wo sich die Linien kreuzen, entstehen Knotenpunkte, an denen die beiden Kraftlinien in einander übergehen, sich berühren, vermengen, überlagern. So entstehen drei Ebenen: die irdische, die kosmische und die himmlische Welt. Ob von unten aufsteigend oder von oben absteigend betrachtet, spielt an sich keine Rolle. Es besagt in der aufsteigenden Richtung das Streben des Materiellen nach dem Geistigen, Sinngebenden, und in der absteigenden Richtung die geistige Befruchtung und Durchwirkung alles Kosmischen, Kreatürlichen, Menschlichen. Der Hauptknotenpunkt ist im mittleren Balken, in Jesus Christus zu finden, der das Irdische und das Himmlische in sich vereinigt, es miteinander versöhnt hat. In ihm ist das Heil.

Die Ebenen

Zuunterst im Kreuzstamm nimmt man zwei Höhlen wahr. Sie befinden sich im Boden, in der Mutter Erde, die alles in sich einschliesst, wo im Verborgenen das Leben entsteht. Der Blätterzweig symbolisiert den Lebensbaum, der im Erdreich seine Wurzeln hat und dessen Krone bis zum Himmel reicht. Er vereint in sich die irdisch-materielle und die himmlisch-geistige Dimension.

In der zweiten Höhle sind ein Schädel und zwei gekreuzte Beinknochen zu sehen, ebenfalls vom Erdenschoss umfangen. Es ist Adam, der in der Unterwelt der Auferstehung harrt. Adam, der erste Mensch, als Ebenbild Gottes geschaffen. Adam, von der Erde genommen und mit Geist beseelt. Adam, der der Versuchung Verfallene, aus dem Paradies Vertriebene, der dem Tod Anheimgefallene. Seine Sehnsucht ist und bleibt das verlorene Paradies, das Sein im Schatten von Gottes Lebensbaum.

Auf dem untersten Querbalken sind die Tore von Jerusalem und der Salomonische Tempel erkennbar. Die Stadt als Wohn- und Wirkort der Menschen, wo Weltliches und Geistliches, Macht und Elend aufeinander treffen. Zur Zeit Jesu war der Tempel auch eine «Schule des geistigen Lebens», wo Väterschriften, Propheten und Weisheitsliteratur studiert und debattiert wurden, wo die verschiedenen Strömungen sich mit dem Schöpfergott und Weltenherrscher und seinen Gesetzen auseinander setzten.

Aus dieser Erde, der Schädelstätte, der materiell konstruierten Welt erwächst das Leidenskreuz, an das Jesus genagelt ist. Links im Bild ist die Lanze, rechts das Schilfrohr mit dem aufgesetzten Schwamm zu erkennen: ein Mahnmal an die Menschen, dass das Leben von den Gegensätzen Leid und Labung, Schmerz und Freude geprägt ist.

Der mittlere Balken ist der grösste. Jesu ausgestreckte Arme umfassen die ganze Welt, den gesamten Kosmos. Davon zeugen die Sonne, der Mond und die Gestirne. Jesu Botschaft strahlt nicht nur in die ganze Welt, sondern seine Arme umarmen den gesamten Kosmos und führen ihn zur Mitte, ins Zentrum allen Seins, lassen das Materielle mit dem Geistigen verschmelzen, bewirken Einheit im Alleinenden und Alleinigen, in Gott.

Über dem Nimbus, dessen Inschrift «O ON», «der Seiende», Jesus als Sohn Gottes bezeugt – desjenigen Gottes, der sich Mose als JHWH offenbart hat – stehen die entsprechenden Lettern für «Jesus von Nazareth, König der Juden».

Die oberste Ebene stellt die himmlische, göttliche Sphäre dar. Zunächst ist in der Mitte, über dem Haupt Jesu, eine Taube als Symbol für den Heiligen Geist erkennbar, wie Johannes dies bei der Taufe Jesu im Jordan bezeugt hat (1,33). Der Heilige Geist ist derjenige, der Jesus vor der damaligen Welt als Sohn Gottes offenbart hat. So auch hier, eindeutig, diskussionslos: Jesus, der Gekreuzigte, ist nicht nur ein «Gerechter», sondern weit darüber hinaus: Er ist Gottes Sohn.

Darüber finden sich zwei Engel, die zum Zeichen der Hochachtung mit verhüllten Händen sich in anbetender Haltung vor dem Allerhöchsten niederwerfen. Schliesslich zuoberst Gott Vater, symbolhaft die Weltkugel in der Linken haltend und seine Schöpfung mit der Rechten segnend. Im Nimbus ein achteckiger Stern, bestehend aus zwei Vierecken, die sich überlappen. Es ist die materielle und die geistige Welt, die sich berühren, die Horizontale und die Vertikale: Die Sehnsucht des Menschen nach dem Höchsten, Geistigen, Grundlegenden, Sinngebenden einerseits und die Wirkkraft des Schöpferischen, Energetischen, Lebenspendenden, der alles durchwirkenden Liebe andererseits.

Das Kreuz – ein Heilszeichen

Das russische Kreuz ist in seiner Symbolik ein kosmisches Heilszeichen.

Die Darstellung ist ein Kreuz im Kreuz; das Kreuz Christi im kosmischen Weltenkreuz.

Golgotha, die Schädelstätte – und mit ihr alle Leidensstätten der Welt – werden eines Tages zum Paradies führen. Am Fuss von Jesu Kreuz steht «Nika», «Sieg». Das Kreuz Christi wird den Sieg in und über die Welt bringen. Denn im Tod schlummert die Auferstehung, der Eingang ins ewige Licht, die Teilhabe am himmlischen Festmahl, die Vollendung bei Gott.

Das Kreuz ist also kein Zeichen der Resignation und des Scheiterns, sondern ein heilbringendes Siegeszeichen!

Maria Brun, Dr. theol.

Projekt: Hilfe für das Bistum Tyr