Zweifel gehören zum Leben. Immer wieder gibt es gute Gründe, an diesem oder jenem zu zweifeln; die Flut von Informationen, die täglich über uns hereinbricht, fordert uns heraus, genau hinzuschauen, genau hinzuhören, um sich nicht in die Irre führen zu lassen. Viele dieser Informationen wecken in uns Zweifel. – Zweifeln ist menschlich. – Wen wunderts, dass auch der Heilige Josef so seine Zweifel hatte…?
Die Ankündigung der Geburt Jesu – keine leichte Kost
Schon ein flüchtiger Blick ins Matthäusevangelium (Mt 1-2) macht sogleich klar, dass es rund um die Geburt Jesu alles andere als nur harmonisch zu und her geht. Der Hl. Josef muss sich der offensichtlichen Realität stellen, dass seine Verlobte Maria ohne sein Zutun ein Kind erwartet. Was für eine Schande, was für eine Enttäuschung. Da muss ihm schon ein Engel die Augen und vor allem das Herz öffnen, um in der Schwangerschaft Marias Gott am Werk zu sehen:
„Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist“ (Mt 1,20).
Kann Josef das einfach so hinnehmen, daran glauben, zur Tagesordnung übergehen? Wohl kaum. Es dürften sicherlich Zweifel aufkommen: Habe ich richtig gehört? Habe ich den Engel im Traum richtig verstanden? Ist das nicht ein Trugbild? Kann Gott diesem jungen Mädchen Maria und auch mir, ihrem Verlobten, so etwas zumuten? Wie sollen wir das unseren Familien sagen? Werden sie uns nicht für verrückt halten oder der Gotteslästerung bezichtigen…? Auch wenn der Engel im Namen Gottes zu Josef spricht, seine Worte sind eine riesige Herausforderung und wohl auch eine riesige Überforderung.
Josef nimmt Maria zu sich; er beschützt sie vor aufdringlichen Verwandten oder Gesetzeshütern, vor Schaulustigen und Sensationslüsternen. Er tut das Notwendige und kümmert sich um seine schwangere Verlobte, doch die Zweifel, die kommen vermutlich immer wieder mal hoch. Wer wollte es ihm verübeln?
Die Geburt Jesu – keine heile Welt
Matthäus erzählt die Geburt Jesu in Bethlehem ziemlich nüchtern; bedeutend ausführlicher schildert er den Weg der Weisen, die das göttliche Kind – einem Stern folgend – suchen und auf Umwegen auch finden:
„Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr grosser Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm“ (Mt 2,9b-11).

Die Ikone von der Geburt Jesu deutet in einer grossartigen Symbolsprache an, welch ein weltumspannendes Geheimnis die Geburt dieses Kindes ist. Nur schon das gewickelte Kind in der Krippe erinnert sogleich an den in Leinentücher gewickelten und im Felsengrab beigesetzen und schliesslich von Gott auferweckten Jesus Christus. Schon die Geburt Jesu weist auf das Geheimnis der Auferstehung hin und umgekehrt: Nur die Auferstehung hat danach fragen lassen, wie es denn eigentlich um die Geburt Jesu bestellt war.
Auffallend ist aber auch hier: Weihnachten, die Geburt Jesu, ist keine heile Welt. Die erschöpfte Maria wirkt nachdenklich und in sich gekehrt. Und: sie blickt auf Josef, der sich abseits des Geschehens zurückgezogen hat. Er schaut mit düsterem Blick vor sich hin, traurig, nachdenklich, in Sorgen versunken. Er ist abseits, nicht am Ort des Geschehens, nicht bei Frau und Kind. „Fluten von zweifelnden Gedanken im Innern rissen den enthaltsamen Joseph hinweg.“1
Sophronios von Jerusalem (+638) kann sich gut in den Hl. Josef hineinversetzen und legt ihm in seinem Weihnachtshymnus folgenden inneren Dialog in den Mund: „Maria, was für ein Anblick ist das, den ich sehe? Ich bin ratlos und stumm und erschrocken im Geiste! Trenne dich also baldigst von mir!… Anstatt der Ehre hast du mir Schande, anstatt der Freude Trauer, anstatt des Lobes Schmach gebracht! Ich ertrage nicht länger die Schmähungen der Menschen. Als Unschuldige habe ich dich von den Priestern des Tempels in Empfang genommen, und was sehe ich nun?“2
Ist es nicht verständlich, dass Josef den trüben Gedanken verfällt? Das Kind ist geboren, die Mutter – Gott sei Dank – wohlauf, und doch: Was ist hier geschehen? Wie soll es weiter gehen? Wie kann ich diese Verantwortung wahrnehmen und tragen?
Der Versucher oder der Prophet?
Was hier vor sich geht, übersteigt das Fassungsvermögen des guten Josef; er braucht Zeit. – Da tritt ihm eine Gestalt entgegen, gebeugt, auf einen Stock gestützt. Ist es der leibhaftige Versucher, der Josef die Zweifel ins Herzen säht? Ist er es, der dem Josef die Worte des Engels verdunkelt und ihn an dessen Ankündigung zweifeln lässt? Ist es nicht nur zu verständlich, dass Josef jetzt, wo der „Stress“ dieser Geburt vorüber ist, in sich zusammenfällt und alle Zweifel sich noch einmal aufbäumen?
Für andere Ikonenbetrachter ist der alte Mann nicht der Versucher, sondern der Prophet Jesaja; er hilft dem nachsinnenden Josef das Geschehene einzuordnen, indem er an sein eigenes prophetisches Wort erinnert: „Seht, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben“ (Jes 7,14). Der Prophet stellt das geheimnisvolle Geschehen ins richtige Licht. Das Kind in der Krippe ist der verheissene Messias, der Herr. Es geht hier also ganz nach dem Willen Gottes zu und her. Und Josef? Matthäus berichtet, wie Josef, wiederum geführt durch die Erscheinung eines Engels im Traum, den Weg mit seiner kleinen Familie weitergeht. Er hat sich offenbar davon überzeugen lassen, Verantwortung für Frau und Kind zu übernehmen, auch wenn dies für ihn nicht immer und nicht zu jedem Zeitpunkt einsichtig war.

Er bewahrt sie vor der Verfolgung durch Herodes und bringt sie nach Ägypten in Sicherheit, und er wird sie zu gegebener Zeit nach Nazareth in Galiläa führen, zurück ins Land der Väter, an jenen Ort, wo Jesus sich auf sein öffentliches Wirken vorbereiten wird.
Die Zweifel haben dem Hl. Josef zu schaffen gemacht, aber es hat sie gebraucht, um schliesslich überzeugt und verantwortungsbewusst handeln zu können.
Daniel Blättler, Protodiakon
- H. Goltz (Hg.), Akathistos, Hymnen der Ostkirche, Leipzig 1988, S. 41, zitiert in: Maria H. Duffner, Romanos der Melode, …denn für uns wurde geboren ein kleines Kind, der urewige Gott, Verlag Fluhegg, Gersau, 2001, S. 114 ↩︎
- Zitiert in: Maria H. Duffner, Romanos der Melode. S. 114 ↩︎
Projekt: Nothilfe für Bistum Tyr