Die OSTERNACHT

Das Fest aller Feste

Keine Nacht ist wie diese. – Das Leben bahnt sich, zuerst noch zaghaft, dann immer freudiger, den Weg. Die Dunkelheit wird leuchtender als der Tag, der Tod zum Tor ins unvergängliche Leben. Ja, keine Nacht ist wie diese. In keiner anderen überströmt uns eine solche Freude, erfüllt uns eine solche Dankbarkeit. – Ob in den Kirchen des Ostens oder in der lateinischen Kirche des Westens, in dieser Nacht jubelt das Herz der Gläubigen, feiert die Gemeinde das Mysterium aller Mysterien, verkünden die Diener Gottes die österliche Botschaft: Christus ist auferstanden! – Zwei Texte, die zu dieser Nacht aller Nächte gehören, seien hier angeführt: das feierliche Osterlob, das Exsultet der römisch-katholischen Osternachtliturgie (gekürzt) und die Osterpredigt des Johannes Chrysostomos aus der byzantinischen Ostermatutin.



Das Osterlob: Exsultet

«
Frohlocket, ihr Chöre der Engel,
frohlocket, ihr himmlischen Scharen,
lasset die Posaune erschallen,
preiset den Sieger, den erhabenen König!

Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! Licht des grossen Königs umleuchtet dich. Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel.

Auch du freue dich, Mutter Kirche,
umkleidet von Licht und herrlichem Glanze! Töne wider, heilige Halle,
töne von des Volkes mächtigem Jubel…

In Wahrheit ist es würdig und recht,
den verborgenen Gott, den allmächtigen Vater, mit aller Glut des Herzens zu rühmen und seinen eingeborenen Sohn,
unsern Herrn Jesus Christus, mit jubelnder Stimme zu preisen.

Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.

Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben. – Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat. – Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat. – Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreisst, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche. – Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.

Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.

O unfassbare Liebe des Vaters: Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin! – O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat. – O glückliche Schuld, welch grossen Erlöser hast du gefunden!

Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude.

O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet. – In dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater, nimm an das Abendopfer unseres Lobes, nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe!…
So bitten wir dich, o Herr: Geweiht zum Ruhm deines Namens, leuchte die Kerze fort, um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben. Nimm sie an als lieblich duftendes Opfer, vermähle ihr Licht mit den Lichtern am Himmel. – Sie leuchte, bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht: dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten erstand, der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht; der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. – Amen.»[1]


Osterpredigt des Johannes Chrysostomos


«Wer fromm und gottesfürchtig ist, labe sich an diesem schönen strahlenden Fest. Wer ein getreuer Knecht ist, gehe fröhlich ein zu seines Herrn Freuden.
Wer sich im Fasten verzehrt hat, empfange jetzt seinen Dinar. Wer von der ersten Stunde an gearbeitet hat, empfange heute seinen gerechten Lohn. Wer um die dritte Stunde gekommen ist, feiere mit Danken. Wer um die sechste Stunde gekommen ist, zweifle nicht.‘ er wird nichts einbüssen. Wer nach der neunten Stunde gekommen ist, trete herzu ohne Zaudern und Furcht. Wer um die elfte Stunde gekommen ist, fürchte sich nicht ob seines späten Kommens.
Denn der Herr ist grosszügig, er empfängt den Letzten wie den Ersten. Er lässt den Arbeiter der elften Stunde zur Ruhe eingehen wie den der ersten Stunde. Er erbarmt sich des Letzten und sorgt für den Ersten. Jenem gibt er, und diesem schenkt er. Die Werke nimmt er an und begrüsst den Entschluss. Die Tat ehrt er, und die Absicht lobt er. So geht ein, alle, zu eures Herrn Freuden!
Empfangt euren Lohn, die Ersten wie die Letzten! Reiche und Arme, jubelt miteinander! Ausdauernde und Achtlose, ehrt diesen Tag! Wer die Fasten gehalten, und wer sie vermieden, freue sich heute!
Der Tisch ist gedeckt, tretet alle herzu und tut euch gütlich. Das gemästete Kalb ist bereit, niemand gehe hungrig von dannen. Jeder erquicke sich am Gastmahl des Glaubens. Jeder geniesse den Reichtum seiner Güte.

Niemand beklage seine Armut, denn das Reich ist allen erschienen. Niemand beweine seine Schuld, denn Vergebung leuchtet vom Grabe. Niemand fürchte den Tod, denn des Erlösers Tod hat uns befreit. Er hat den Tod vernichtet, von dem er umfangen war. Er hat die Hölle gefangen geführt, in die er hinabfuhr.
Er erzürnte sie, der er sein Fleisch zu kosten gab. – Jesaja weissagt und spricht: «Die Hölle ward betrübt, als sie dich gewahrte. Sie ward betrübt, denn sie ward zu Spott. Sie ward betrübt, denn sie ward vernichtet. Sie ward betrübt, denn sie ward gestürzt. Sie ward betrübt, denn sie ward gefesselt.» – Die Hölle nahm einen Leib und begegnete Gott. Sie nahm Erde und traf auf den Himmel. Sie nahm das Sichtbare und fiel durch das Unsichtbare.

O Tod, wo ist dein Stachel? O Hölle, wo ist dein Sieg? – Christ ist erstanden, und du bist gestürzt. – Christ ist erstanden, und die Dämonen sind gefallen. -Christ ist erstanden, und die Engel frohlocken.
Christ ist erstanden, und das Leben ist Sieger. – Christ ist erstanden, und leer sind die Gräber. – Denn Christus ist geworden der Erstling unter denen, die da schlafen, da er ist auferstanden von den Toten. Ihm sei Lob und Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit. AMEN.

Christus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden!»

Daniel Blättler, Diakon


[1] Kurzfassung (nochmals gekürzt) nach dem Messbuch der
  römisch-katholischen Kirche