Wer schon einmal eine byzantinische Vesper besucht hat, weiss, dass das Stundengebet der Ostkirchen recht verschieden ist vom Stundengebet, wie wir es in der Westkirche pflegen. Es geht nicht nur viel länger und tönt anders. Auch die Texte sind sehr verschieden – bis auf die Psalmen und die Lobgesänge aus dem Alten und Neuen Testament! Und auch die Ostchristen folgen dem Aufruf des Apostels Paulus: Betet ohne Unterlass! (1 Thess 5,17) Und: Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn! (Eph. 5,19)
Die Psalmen sind aber nicht schon selber Gebet! Die ersten Christen und später die Mönche haben die Psalmen nicht gebetet sondern meditiert. Der Psalter war sicher bereits im Judentum zur Zeit Jesu der Grundtext der persönlichen, individuellen Frömmigkeit. Die Psalmen wurden auswendig gelernt und immer wieder rezitiert, vor sich her gesummt. Auch die ersten Christen und dann die Mönche haben die Psalmen rezitiert und gesungen, angefangen bei Psalm 1 der Reihe nach bis zum Ende und wieder von vorne. Durch diese Rezitation des Psalters wurde das persönliche Gebet angeregt und inspiriert. Durch diese Meditation des ganzen Psalmenbuches wurde die Botschaft Gottes in den Psalmen erst richtig einsichtig.
Diese immense Bedeutung der Psalmen kommt auch im folgenden Text zum Ausdruck, der unter dem Namen von Johannes Chrysostomos zirkuliert (David gilt als der Verfasser der meisten Psalmen und ist ein Synonym für das ganze biblische Buch der Psalmen):
«Wenn wir Nachtwache in der Kirche halten, kommt David zuerst, zuletzt und in der Mitte. Wenn wir früh morgens Lieder und Hymnen wünschen, ist David wieder erster, letzter und in der Mitte. Wenn wir mit dem Begräbnis der Entschlafenen beschäftigt sind, oder wenn Jungfrauen zu Hause sitzen und spinnen, David ist Erster, Letzter und in der Mitte. O erstaunliches Wunder! Viele, die wenig Fortschritt in der Literatur machten, kennen den Psalter auswendig. Auch ist David nicht nur in den Städten und in den Kirchen berühmt; auch auf dem Dorfmarkt, in der Wüste und im unbewohnbaren Land regt er das Lob Gottes an. In den Klöstern unter jenen heiligen Chören der himmlischen Heere, ist David Erster, Letzter und in der Mitte. … Alle anderen Männer schlafen nachts. David allein ist aktiv. Er sammelt die Diener Gottes zu seraphischen Gruppen, macht die Erde zum Himmel und verwandelt Männer in Engel.»
Die Funktion des Psalmensingens ist durch den heiligen Basilius den Grossen so beschrieben worden: «Als der Heilige Geist sah, dass die menschliche Rasse nur mit Schwierigkeit in Richtung Tugenden geführt wurde und dass wir, wegen unserer Neigung zur Lust, das aufrechte Leben vernachlässigten, was tat er da? Er verband die Lehren mit der Freude der Melodie, damit wir durch die Annehmlichkeit und die Sanftheit des Tones unbewusst den Nutzen der Wörter empfangen konnten, so wie kluge Ärzte, die, wenn sie die ziemlich bitteren Arzneien zum Trinken geben, häufig den Becher mit Honig schmieren. So scheinen uns dies die harmonischen Melodien der Psalmen zu bewirken. Wer allem Anschein nach singt, formt in Wirklichkeit seine Seele.»

So berichtet die Philokalie, dass der Vater Philomen in der Nacht den ganzen Psalter und die Cantica sang und einen Abschnitt aus dem Evangelium las. Daraufhin sass er da und murmelte «Herr, erbarme dich». Nachdem er geschlafen hatte, sang er früh am Morgen wieder die Psalmen, setzte sich während des Sonnenaufganges auf seinen Sitz und betete und psallierte abwechselnd. Dann rezitierte er auswendig aus den Schriften der Apostel und dem Evangelium. Auf diese Weise betete und psallierte er ohne Unterlass und nährte sich von der Betrachtung der himmlischen Dinge.
Als ihn einmal ein Bruder fragte, warum er durch den Psalter mehr mit Süssigkeit erfüllt werde als durch die ganze göttliche Schrift, und warum er, wenn er psalliere, die Worte ausspricht, als spräche er zu jemandem, gab er zur Antwort: «Gott hat meiner niedrigen Seele den Sinn der Psalmen im voraus eingeprägt, wie dem Propheten David. Und von der Süssigkeit der in ihnen enthaltenen mannigfachen Schauungen vermag ich mich nicht zu trennen; schliessen sie doch die ganze Heilige Schrift in sich.»
Tatsächlich beinhaltet der Psalter eine bedeutungsvolle Verkettung oder Abfolge, eine akolouthia, wie der heilige Gregor von Nazianz sagt, durch die wir von Psalm 1 bis Psalm 150 an der Hand genommen werden und von den Anfängen des geistlich-religiösen Lebens zum Gipfel, zur Anteilnahme an der absoluten, der göttlichen Seligkeit geführt werden. Auch moderne Exegeten bestätigen, dass schon nur das durchgehende Lesen des Psalmenbuches ein Fortschreiten spürbar werden lässt, das im Grossen und Ganzen der Bewegung entspricht, von der die Kirchen- und Mönchsväter sprechen.
Deshalb werden die Psalmen im orthodoxen Gottesdienst immer noch in der Reihenfolge des Psalters rezitiert, wenn auch auf mehrere Tage und Gebetszeiten verteilt, mit Ausnahme einiger Psalmen, die noch zusätzlich für bestimmte Momente und Zeremonien ausgewählt wurden und darum mehrfach erklingen.
Und deshalb wird auch heute noch den orthodoxen Gläubigen der Psalter als Andachtsbuch empfohlen. Das Buch der Psalmen soll sowohl im Gottesdienst als auch privat von den Gläubigen rezitiert werden. Dieses Rezitieren der Psalmen ist ein wichtiger Teil des Typikons der orthodoxen Kirche, des Buches mit den liturgischen und religiösen Vorschriften.
Alle Gläubigen sollen dieses erstaunliche Buch des Propheten-Königs David öffnen. Öffnen wir es und lesen wir mit Aufmerksamkeit mindestens Psalm 118. Und wir fühlen unbewusst, dass unser Herz bescheiden wird und weich. Wir spüren, dass in den Worten Davids die Worte von Gottes Verdienst sind. Und wir werden viele Male mit Seufzern des Herzens den Vers dieses Psalms wiederholen: Ich bin verirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.