Die Syro-Malankarisch-Katholische Kirche

Apostolische Wurzeln

Im Süden Indiens (Kerala) blüht eine Gemeinschaft des christlichen Ostens schon seit dem frühen Christentum, „die Thomaschristen“; benannt nach dem Apostel Thomas, der den christlichen Glauben der Tradition zufolge an die Malabarküste (Südwestindien) brachte. Auch wenn oft behauptet wird, das Christentum in Indien habe seine Wurzeln in der westlichen Kolonisation des 16. Jahrhunderts, ist es auf dem Subkontinent schon seit fast 2000 Jahren vertreten.

Thomas ist als Apostel Indiens bekannt. Heute wird diese Tatsache von den Historikern weitgehend anerkannt. Es gibt verschiedene Hinweise bezüglich seiner Verkündigungstätigkeit in Indien. Viele der frühen Kirchenväter des christlichen Altertums bezeugen das Apostolat, das Martyrium und das Grab des Hl. Thomas wie: Der Hl. Ephräm der Syrer (+373), der Hl. Gregor von Nazianz (+390), der Hl. Ambrosius von Mailand (+397), der Hl. Johannes Chrysostomos (+407) und andere.

Der Hl. Johannes Chrysostomos sagt: „Wir wissen nicht, wo sich die Gräber der meisten Apostel befinden. Aber die Gräber von Petrus, Paulus, Johannes und Thomas sind überall bekannt und berühmt.“

Buntes Bild von Kirchentürmen

Die Thomaschristen verstanden sich bis zum 17. Jahrhundert als Glieder der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, auch wenn sie zu den Christen in Europa und zum Bischof von Rom kaum Kontakt hatten. Die Entwicklungen im 16. und 17. Jahrhundert jedoch führten zu Zersplitterung und Spaltung in der Kirche.

Die Thomaschristen bieten ein Bild verschiedener Destinationen.

Für das Bildungs- und Sozialwesen haben die Kirchen trotz ihrer Zersplitterung Vorbildliches geleistet. Der Bundesstaat Kerala weist die höchste Alphabetisierungsrate unter allen indischen Bundesstaaten auf. An der allgemeinen Lebendigkeit des kirchlichen Lebens unter den Thomaschristen hat auch die Syro-Malankarisch-Katholische Kirche ihren Anteil.

Geschichte

Im Jahre 1653 gab es einen Aufstand fast aller Thomaschristen gegen die Einmischung der Portugiesen (koloniale Machthaber) in das Leben der Kirche. Schliesslich kam ein Teil unter den Einfluss der syrisch-jakobitischen Kirche und der westeuropäischen anglikanischen Kirche. Diese Gruppe verlor ihre volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche. Die andere Gruppe sind heute die Syro-Malabarischen Katholiken. Die Geschichte bezeugt mehrere weitere Spaltungen der erstgenannten Gruppe: eine kleine Gruppe bildet die Kirche von Thozhiyur (1772), eine andere Gruppe wurde zu CMS-Anglikanern (Church Missionary Society) 1836, wieder eine andere Gruppe wurde die reformierten Jakobiter (Marthomiten) 1889, eine vierte Gruppe sind die Syrisch-Orthodoxen 1912 und eine Gruppe daraus vereinte sich wieder mit der katholischen Kirche 1930. Innerhalb dieser Syrisch-Orthodoxen Kirche kam es 1911 zu einer Spaltung in zwei Parteien. Eine Gruppe befürwortete die enge Bindung an das Patriarchat von Antiochien (Patriarchatspartei), während eine andere Gruppe die Autokephalie der indischen Kirche unter einem eigenen Katholikos anstrebte (Katholikatspartei).

So erwuchs 1912 aus der Katholikatspartei die autokephale „Orientalisch-Orthodoxe“ oder „Malankara Orthodoxe Syrische Kirche“, während die Gläubigen der Patriachatspartei der Syrisch-Orthodoxen Kirche unter der Jurisdiktion des Syrisch-Orthodoxen Patriachats von Antiochien angehören.

Die Entstehung der Syro-Malankarisch-Katholischen Kirche

Die so entstandene Doppelhierarchie führte zu einer Unzufriedenheit unter den Gläubigen. Die meisten waren über diese Situation nicht glücklich, und so wurden Anstrengungen unternommen, die Einheit wieder herzustellen. Die    Synode der Katholikatspartei beauftragte 1926 einen Vertreter, mit der Römisch-Katholischen Kirche Kontakt aufzunehmen. Dieser Vertreter war der 1925 zum Bischof geweihte Mar Ivanios, Metropolit von „Bethany“. In diesen Unionsverhandlungen konnten mit Rom drei Bedingungen erreicht werden:

  • Die Beibehaltung des west-syrischen Ritus
  • Die Anerkennung der Weihen der Bischöfe, Priester und Diakone
  • Die Akzeptanz einer eigenständigen west-syrischen Kirchenstruktur in vollständiger Unabhängigkeit vom Syrisch-Katholischen Patriachat von Antiochien.

Daraufhin trat am 20. September 1930 Mar Ivanios zusammen mit Bischof Mar Theophilos in die Katholische Kirche ein. (Einige Jahre später folgten zwei weitere Bischöfe). Dieses Datum gilt als die Geburtsstunde der Syro-Malankarischen Kirche. 1932 bekam sie eine eigene Hierarchie, Mar Ivanios erhielt vom Papst das Pallium als erster Metropolit von Trivandrum (Thiruvananthapuram) und wurde somit erstes Oberhaupt der Syro-Malankarischen Kirche.

Gegenwart

Mit der Promulgation des Ostkirchenrechts durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 1990 änderte sich ihr Status. Die Leitung der Kirche wurde der Synode der Bischöfe übertragen. Papst Johannes Paul II. erhob 2005 die Syro-Malankarische Kirche kanonisch als autonomes Grosserzbistum (quasi-patriarchale Kirche) mit seiner Seligkeit Cyril Mar Baselios als ersten Katholikos, nach dessen Tode wurde 2007 der bisherige Metropolit von Tiruvalla, Mar Baselios Cleemis zum Nachfolger gewählt.

Die Syro-Malankarisch-Katholische Kirche zählt heute gegen 500 000 Gläubige, innerhalb Indiens ist sie aufgegliedert in 8 Diözesen und 1 Exarchat

  • Grosserzbistum Trivandrum (Thiruvanan-thapuram)
  • Eparchie Marthandom (Bundesstaat Tamil Nadu)
  • Eparchie Mavelikara
  • Eparchie Pathanamthitta
  • Erzeparchie Tiruvalla
  • Eparchie Battery
  • Eparchie Muvattupuzha
  • Eparchie Puthur
  • Apostolisches Exarchat der USA

Zahlreiche Gemeinden in USA/Kanada/Europa und in den Golfstaaten.

Die Syro-Malankarische Liturgie

Die Syro-Malankarische Kirche feiert ihre Liturgie im westsyrischen oder antiochenischen Ritus. Diese Liturgie hat ihren Ursprung in Jerusalem und ist somit eine der ältesten Liturgien überhaupt. Die Liturgie ist voller Symbolik, die Gewänder, die Ornamente, das ganze Ritual haben eine tiefe symbolische Bedeutung, alle Sinne werden angesprochen. Zum Beispiel die Altardecke hat die Farben rot, grün und weiss: Rot für das Universum; grün für die Erde und weiss für die Kirche. Es wird besonders die Opfergabe Jesu am Kreuz betont. Die Heilsgeschichte beginnt im Alten Testament und findet ihre Vollendung in Tod und Auferstehung Jesu. Stark betont sind der Lobpreis und der Dank an die Dreifaltigkeit. Die Eucharistie ist der Urquell des geistlichen Lebens und daher der Mittelpunkt der sieben Sakramente.

Der Gebrauch der Volkssprache (Malayalam in Indien) für die Liturgie (Qurbono) trägt dazu bei, dass zwischen dem Priester, dem Diakon oder Lektor und der Gemeinde ein fortwährender Dialog stattfindet. Manche Teile werden auch in syrisch gehalten.

Mar Ivanios ein Brückenbauer

Der enorme Aufschwung der Syro-Malankarischen Kirche in ihren Anfangsjahren und ihre heutige beachtliche Grösse wäre ohne das unermüdliche Wirken ihres ersten Metropoliten nicht denkbar. Sein theologisches Denken und sein diakonisch-karitatives Wirken haben ihn zu einer herausragenden charismatischen Gestalt der indischen Kirche und Theologie gemacht. Er geniesst bis heute über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg höchstes Ansehen auf dem Subkontinent.

Die Syro-Malankarische Kirche geht bewusst ihren eigenen Weg, der sich ausdrücklich der eigenen westsyrischen Tradition verpflichtet weiss.

Sie ist verwurzelt in der indischen Erde und angepasst an die indische Lebensweise.

Die Herausforderung der Gegenwart und der Zukunft der Kirche in Indien ist zweifelsohne das fruchtbringende gemeinsame Miteinander der drei in Südindien vertretenen Katholischen Kirchen.

Im Bereich der Ökumene kommt der Syro-Malankarischen Kirche eine besondere Rolle zu; sie wird oft als Brücke zwischen den verschiedenen Kirchen bezeichnet.

Diese Kurzvorstellung der Syro-Malankarisch-Katholischen Kirche erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit; sie ist lediglich ein Versuch, die komplexe und komplizierte Kirchenlandschaft der Thomaschristen etwas vereinfacht darzustellen.

Pfarrer Roger Schmidlin