Dreimalheilig

Wenn Christen der römisch-katholischen Kirche eine Göttliche Liturgie im byzantinischen Ritus besuchen, dann fällt ihnen vielleicht ein bestimmter Hymnus besonders auf, da er ihnen bekannt vorkommt. – Es ist der mehrgliedrige Hymnus auf den dreieinigen Gott, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist im Stil einer Akklamation[1]: das Dreimalheilig, das Trishagion. – Der Hymnus lautet:

Heiliger Gott,

Heiliger Starker,

Heiliger Unsterblicher,

erbarme dich unser.

Άγιος ο Θεός,

άγιος ισχυρός,

άγιος αθάνατος

ελέησον ημάς.

Sanctus Deus,

Sanctus Fortis,

Sanctus Immortalis,

miserere nobis.

Eine bewegte Geschichte

Dieser altehrwürdige Hymnus wurde auf dem vierten ökumenischen Konzil von Chalzedon (451) zum ersten Mal offiziell angestimmt, nun aber weniger trinitarisch, sondern vielmehr christologisch gedeutet[2]. Das Konzil definierte denn auch feierlich die wahre Menschheit und wahre Gottheit Jesu Christi, d.h. es wurde festgehalten, dass in Christus – in einer Person – zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert bestehen. Nur wenige Jahrzehnte später, 468 n.Chr., ergänzte der Patriarch von  Antiochien, Petrus Fullo, die dritte Anrufung des Trishagions mit dem Zusatz: «der du für uns gekreuzigt wurdest». Damit löste er aber eine grosse Auseinandersetzung aus, denn der Patriarch galt als Anhänger des Monophysitismus, also jener Lehre, die in Jesus nur noch eine einzige, nämlich die göttliche Natur erkennen wollte. Somit wäre aber – pointiert formuliert – mit Jesus auch Gott Vater und der Heilige Geist am Kreuz gestorben. Damit hätte Gott aufgehört zu sein, oder aber der Tod Jesu wäre kein echter Tod gewesen. Beides aber widersprach und widerspricht der rechtgläubigen Lehre, so dass dieser Zusatz des Patriarchen von all jenen Kirchen abgelehnt wurde, die den Konzilsbeschlüssen von Chalzedon folgten (chalzedonensische Kirchen). – Die neuere theologische Diskussion hat jedoch gezeigt, dass dieser auf die Kreuzigung Jesu bezogene Zusatz im Trishagion durchaus legitim ist und rechtgläubig verstanden werden kann. In der damaligen, von harter Auseinandersetzung mit verschiedensten Irrlehren geprägten Zeit, ging das berechtigte Anliegen des Patriarchen Petrus wohl unter, das Anliegen nämlich, dass in Jesus nicht allein das Menschliche, sondern auch das Göttliche gelitten hat. Als Mensch ist Jesus gestorben, als Gott hat er den Tod besiegt.

Das Trishagion in der römisch-katholischen Karfreitagsliturgie

Im Zusammenhang mit dem Leiden und Sterben Jesu hat das Trishagion auch in der römisch-katholischen Kirche Eingang gefunden, hier allerdings nur in der Karfreitagsliturgie. Nach der feierlichen Enthüllung und Erhebung des Kreuzes folgt die Kreuzverehrung. Begleitet wird diese durch verschiedene Gesänge, die Improperien, eine Art Klagelieder, die jeweils durch das Trishagion unterbrochen werden. So heisst es in den Improperien etwa:

«Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir.»

«Vierzig Jahre habe ich dich geleitet durch die Wüste. Ich habe dich mit Manna gespeist und dich hineingeführt in das Land der Verheissung. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser.»

«Was hätte ich dir mehr tun sollen und tat es nicht? Als meinen erlesenen Weinberg pflanzte ich dich, du aber brachtest mir bittere Trauben, du hast mich in meinem Durst mit Essig getränkt und mit der Lanze deinem Erlöser die Seite durchstossen.»[3]

So ruft das Trishagion bei römisch-katholischen Gläubigen vor allem Kreuz und Tod Jesu in Erinnerung; das Dreimalheilig gehört zur Liturgie des Karfreitags und verstummt dann wieder für ein Jahr, bis zum nächsten Tag des Leidens und Sterbens Jesu.

Das Trishagion in der byzantinschen Liturgie

Anders als in der römischen, hat das Trishagion in der byzantinischen Liturgie (Eucharistiefeier) seinen festen Platz. Ausser in der Osterzeit und bei einigen Herrenfesten wird nach dem Kleinen Einzug mit dem Evangeliar (Christus, das Wort Gottes, kommt in die Welt) und nach den Fest- und Tagesgesängen das Trishagion als Akklamation auf Christus dreimal gesungen. Vorausgehend betet der Priester leise:

«Heiliger Gott, Du ruhst in den Heiligen; durch das ‚Dreimalheilig’ der Seraphim wirst Du besungen, durch die Cherubim verherrlicht, und von allen himmlischen Mächten angebetet; Du hast alle Dinge aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht, den Menschen nach Deinem Bilde und Gleichnis erschaffen und ihn mit jeglicher Gnadengabe geschmückt; Du gibst dem Bittenden Weisheit und Verstand und verwirfst den Sünder nicht, sondern legst ihm Busse auf zur Rettung. Du hast uns, Deine niedrigen und unwürdigen  Diener, gewürdigt, auch zu dieser Stunde vor der Herrlichkeit Deines heiligen Opferaltares zu stehen, und Dir das Lob und die Anbetung, die Dir gebührt, darzubringen: Gebieter, nimm aus dem Munde von uns Sündern diesen dreimalheiligen Lobgesang an, und suche uns heim in Deiner Güte. Vergib uns jede Sünde, vorsätzliche und unvorsätzliche; heilige unsere Seelen und Leiber, und gib, dass wir in Heiligkeit Dir dienen alle Tage unseres Lebens: auf die Fürbitten der heiligen Gottesgebärerin und aller Heiligen, die Dir von Ewigkeit an wohlgefallen haben.»[4]

Zum Trishagions machen Priester, Diakon und alle Gläubigen jeweils eine tiefe Verneigung und bekreuzigen sich; man steht und verneigt sich vor Christus, sinnbildlich vergegenwärtigt in seinem Wort, dem Evangeliar auf dem Altar. – Mit dem Trishagion, dem Lobgesang auf Christus Gott, ist der Gläubige nun bereit, das Wort Gottes zu hören und in sich aufzunehmen; so folgen nun die Lesung, das Alleluja zur Begrüssung Christi in seinem Wort und schliesslich der Höhepunkt des Wortgottesdienstes: die Verkündigung des Evangeliums, der Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus.

Daniel Blättler

Diakon


[1] Vgl. Konrad Onasch, Lexikon Liturgie und Kunst der Ostkirche,
  Union. S. 369

[2] Vgl. Michael Kunzler, Wir haben das wahre Licht gesehen.
  Einführung in Geist und Gestalt der byzantinischen Liturgie,
  Paulinus-Verlag. S. 154-155

[3] Die Feier der Heiligen Messe, Messbuch, Für die Bistümer des
  deutschen Sprachgebietes. Benziger Einsiedeln.

[4] Vgl. Orthodoxer Gottesdienst Band X,1, Die Liturgie des
  heiligen Johannes Chrysostomos, Verlag Fluhegg, S. 18.