«Sind Sie voller Lebensenergie für die kommende Fastenzeit?» so lautet der Eröffnungstitel des Fastenkalenders 2022. «Kennen Sie das auch? An einem Tag sprühen Sie vor Energie, an einem anderen Tag wünschen Sie sich nichts lieber, als stundenlang tief und fest zu schlafen. Nutzen wir die Fastenzeit, um unseren Energiehaushalt auszugleichen. Wie fülle ich meine Reserven wieder auf, wenn diese erschöpft sind?» (nach Fastenkalender 2022)
Es war schon in der frühen Kirche naheliegend, die Gläubigen durch eine Vorbereitungszeit auf die Hauptfeste hinzuführen. Die älteste ist wohl die «Quadragesima», die Fastenzeit als Vorbereitung auf das Osterfest. Seit dem 4. Jahrhundert hat sich das 40-tägige Fasten eingebürgert.

Die 40 Tage des Fastens hatten ihr Vorbild im Fasten und dem Aufenthalt des Mose auf dem Berg Sinai (Dtn 9,9.18) und des Herrn Jesus in der Wüste (Mt 4,2).
Da man im östlichen Christentum am Samstag und am Sonntag nicht zu fasten pflegte, im Westen hingegen auch am Samstag die 40 Tage einhalten wollte, war in der Kirche von Anfang an der Beginn der Quadragesima nicht einheitlich.
Bis in die Zeit von Papst Gregor des Gr. begann in Rom die Quadragesima mit dem 1. Fastensonntag, wobei mit dem eigentlichen Fasten erst am darauffolgenden Montag begonnen wurde. Gregor der Gr. dürfte wohl den noch heute gültigen Beginn der Fastenzeit eingeführt haben, als er den vorangehenden Mittwoch, der wegen des Brauchs der Aschenauflegung «Aschermittwoch» genannt wurde, als den Anfang der Fastenzeit bestimmte. Damit wollte er die volle Zahl der 40 Tage erhalten (6×6+4 Tage).
Im byzantinischen Raum stellt man vor die sechs Wochen der Quadragesima eine weitere Vorbereitungszeit von vier Wochen. Bereits zwei Wochen vor der eigentlichen Fastenzeit ist der Genuss von Fleisch untersagt. Darauf folgt die Käse- oder Butterwoche, nach deren Ablauf bis Ostern der Genuss von Milchprodukten wie auch von Eiern, Olivenöl und Wein verboten ist.
Die Byzantiner beginnen mit dem Fasten von Fleisch an Sexagesima (zwei Wochen vor der Quadragesima). Auch die röm. Kirche kannte früher ähnliche Vorfastensonntage wie die Byzantiner (Septuagesima, Sexagesima, Quinquagesima). Sie wurden nach dem 2. Vatikanum durch die Liturgiereform abgeschafft, als Fasttage gelten nur noch der Aschermittwoch und der Karfreitag.
Ein jüdisches Sprichwort sagt: «Es gibt kein Glück ohne Verzicht und kein Fest ohne vorheriges Fasten.»
Auch die alte Präfation (Quadragesima) spricht vom positiven Wert des Fastens: «Durch das Fasten des Leibes werde die Sünde niedergehalten, der Geist erhoben und Kraft und Sieg verliehen.»
P. Gabriel Bunge thematisiert in einem Schlüsselwerk des Evagrios Pontikos (ägyptischer Wüstenvater +399) «der Praktikos» und «Über die Acht Gedanken» die Laster und Hauptversuchungen.
Wir wenden uns der ersten «Fresslust» (Gastri-margia) zu. Pater Gabriels Gedanken kreisen um das Laster der Gastrimargia, die er als «entfesselten Magen», als Fresslust, übersetzt. Essen bedeutet mehr als dem Leib die ihm notwendige Nahrung zuführen. Und Fasten ist mehr und anders, als dies nicht oder nur in reduzierter Form zu tun. Ein Phänomen, das er als Over-eating bezeichnet, ein modernes Laster also?1
Als Spezialist auf dem Gebiet der Lasterkunde gelten seit alters her jene Wüstenväter, die ihre Zeit damit verbrachten, in exemplarischer Weise gegen alle Dämonen der Menschheit zu kämpfen. Unter diesen frühen Psychologen und Psychotherapeuten gehört Evagrios Pontikos (ca. 345-399) unbestritten zum wahren Klassiker der christlichen Seelenheilkunde.

Das Fasten soll helfen, dass wir nicht Sklaven unseres Leibes werden, dass wir durch Verzicht wieder das rechte Mass finden nicht nur im Essen und Trinken. Enthaltsamkeit kann sich auch positiv auf einen verantwortungsvollen Umgang mit der Nahrung und der Schöpfung auswirken.
Wo aber konkret mit dem Fasten beginnen? Jeder der einmal versucht hat, auch nur all jenes überflüssige oder sogar offensichtlich schädliche Zeug, das wir unüberlegt knabbern, naschen, lutschen und schlürfen, mit Schwung über Bord zu werfen, wird am eigenen Leibe erfahren haben, was das bedeutet. Es wirkt wie ein Anschlag auf das eigene Leben.2
Das Fasten erhebt den Geist; es soll uns vom ungezügelten Denken an das Irdische befreien und uns helfen, das ewige Ziel zu erkennen.
Enthaltsamkeit und Fasten ist also ein Reinigungsvorgang, in dem das verschüttete Ebenbild Gottes in der Seele freigelegt wird und seinen ursprünglichen Glanz neu entfaltet.3
Die Gastrimargia stellt ihrem Wesen nach eine dreifache Störung dar: Sie stört das Verhältnis des Menschen zu Gott bzw. sie ist der handgreifliche Ausdruck dieser Störung. Sie stört folglich auch das Verhältnis zum eigenen Ich und als letztes auch zum Nächsten.4

Die Menschen von heute haben wohl den Sinn für das religiöse Fasten weitgehend verloren. Sie fasten nur, wenn sie etwas für ihre Figur tun wollen oder wenn es der Arzt vorschreibt. Der religiöse Sinn des Fastens wird kaum mehr verstanden. Das Fasten kann uns aber zu besserem Beten verhelfen und stärkt uns in unseren spirituellen Fähigkeiten.
Archimandrit Roger Schmidlin
Weitere Literatur:
- «Liturgikon», Verlag Aurel Bongers, Reckling-hausen
- «Handbuch Ostkirchenkunde», Patmos Verlag, Düsseldorf 1984
- «Über die Acht Gedanken», Evagrios Pontikos, Beuron 2011
- Gabriel Bunge, Gastrimargia, Lit Verlag Berlin 2012. S. 15f ↩︎
- Ebenda. S. 92f ↩︎
- Ebenda. S. 98f ↩︎
- Ebenda. S. 111f ↩︎
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