Fastenzeit – Zeit der Vorbereitung und der Besinnung

In der Kirche des Westens…

genauer: in der katholischen Kirche des lateinischen Ritus, beginnt mit dem Aschermittwoch am 25. Februar die vierzigtägige Fastenzeit. Diese wird auch «Quadragesima» oder «Österliche Busszeit» genannt und dient der Vorbereitung auf die Feier des Todes und der Auferstehung Christi. Diese 40 Tage der Besinnung und der Busse (die fünf Fastensonntage und der Palmsonntag nicht mitgezählt) wollen uns dazu ermutigen, unseren Glauben durch Gebet, Fasten und Werke der Nächstenliebe zu erneuern. Den Auftakt zu dieser intensiven Zeit gibt auf eindrückliche Weise die Liturgie des Aschermittwochs. Diese beginnt mit einer eindringlichen Bitte im Tagesgebet:

«Getreuer Gott, im Vertrauen auf dich beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Busse. Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht, damit wir dem Bösen absagen und mit Entschiedenheit das Gute tun…»

Sinnhaftes Zeichen dieses Willens zu Umkehr und Busse ist die Auflegung der geweih-ten Asche. Diese wird aus den verbrannten Palmzweigen des letztjährigen Palmsonntages gewonnenen und zu Beginn der Aschermittwochsliturgie gesegnet. Dem herantretenden Gläubigen wird sie mit dem ermahnenden Wort auf Stirn oder Scheitel gestreut:

«Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!»

Oder dann:

«Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!»

Begleitet wird dieser sinnenhafte Ritus der Aschenauflegung durch das Responsorium:

«Wir wollen Busse tun für das, was wir gefehlt haben, und uns bessern, damit wir nicht, plötzlich vom Tod überrascht, nach einer Gnadenfrist suchen, die uns niemand geben kann. Höre, Herr, und hab Erbarmen, denn wir haben gesündigt vor dir. – Hilf uns, du Gott unseres Heils! Um der Ehre deines Namens willen reiss uns heraus!»

Umkehr und Busse, Innerlichkeit und Besinnung, diese Grundzüge der Fastenzeit zeigen sich auch in der Feier der Liturgie (Eucharistie): So weisen nicht allein die violette Farbe der Paramenten und der fehlende Blumenschmuck darauf hin, dass wir in einer besinnlichen Zeit stehen, sondern auch der liturgische Gesang unterstreicht dies deutlich: während der ganzen Fastenzeit enfallen das festliche Gloria nach dem Bussakt und auch das freudige Alleluja vor der Evangelienlesung. Gloria und Alleluja werden erst wieder – dann aber um so feierlicher – in hochheiligen Oster-nacht erklingen und uns von der Auferstehung Christi künden.

… aber auch in der Kirche des Ostens

ist die Grosse Fastenzeit (Triodion) eine wichtige Etappe im Verlauf des Kirchenjahres. Dieses Jahr beginnt für unsere Mitchristen in den Ostkirchen die Fastenzeit mit dem ersten Fastensonntag am 8. März (nach julianischem Kalender am 23. Februar); vorbereitet wird diese intensive Zeit der Besinnung und Umkehr mit der fünf wöchigen Vorfastenzeit, die bereits am Montag, 2. Februar (nach julianischem Kalender am 26. Januar) begonnen hat. – Durch die Vorfastensonntage mit ihren je eignen Themenschwerpunkten werden die Gläubigen zu Busse und innerer Umkehr hingeführt. An den vier Vorfastensonntagen werden deshalb die Evangelien vom «Zöllner und Pharisäer» (Lk 18,9-14), vom «verlorenen Sohn» (Lk 15,11-32), vom «Jüngsten Gericht» (Mt 25,31-46) und über «das Verzeihen und Fasten» (Mt 6,14-21) gelesen.

Dass die Fastenzeit nicht allein Verzicht auf leibliche Nahrung bedeutet, sondern ebenso die Dimension eines geistlichen Fastens hat, wird an der liturgischen Ordnung ersichtlich. So wird in der Grossen Fastenzeit nur noch jeweils am Samstag und Sonntag die Göttliche Liturgie (Eucharistie) gefeiert, während die Woche hindurch nur mittwochs und freitags die Liturgie der Vorgeweihten Gaben (Vesper mit Kommunionfeier) gefeiert wird.

Die erste Fastenwoche ist ist geprägt durch den Busskanon des hl. Andreas von Kreta (gest. um 740), dessen neun Oden auf vier Tage verteilt von Montag bis Donners-tag im Abend-gottesdienst gelesen werden. So heisst es zu Beginn des Kanons in der ersten Ode:

«O Christus, womit soll ich beginnen, wenn ich die schlechten Taten meines Lebens beweinen möchte? Welche können die ersten Worte dieses Klageliedes sein? In Deiner Barmherzigkeit gewähre mir die Vergebung all meiner Sünden».

Und gegen Ende des Kanons, in der neunten Ode lesen wir:

«Die Beispiele des Neuen Testaments laden uns zur Reue und Umkehr ein. Die Gerechten spornen uns an zur Heiligkeit. Dem Weg der Sünder wollen wir nicht folgen. Das Fasten und das Gebet, die Demut und die Wachen, öffnen unser Herz für den Herrn».

Das besondere, allgegenwärtige, tägliche Bussgebet der Fastenzeit ist jedoch jenes des Hl. Ephräm des Syrers (gest. 373), das auch in der Liturgie der Vorgeweihten Gaben gebetet und mit grossen Metanien (sich auf den Boden niederwerfen) verbunden wird:

«Herr und Gebieter meines Lebens: den Geist des Müssigganges, des Kleinmuts, der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit gib mir nicht.

Den Geist der Lauterkeit, Demut, Geduld und Liebe

aber verleihe mir, Deinem Diener.

Ja, Herr und König, lass

mich meine eigenen Sünden erkennen und nicht meinen Bruder verurteilen – denn gepriesen bist Du in alle Ewigkeit. – Amen.»

So dicht und beeindruckend die liturgischen Besonderheiten in der Fastenzeit, und so differenziert die Regeln zum Einhalten des Fastens auch sind, wichtiger als all diese Regeln und Vorschriften ist die ganz persönliche Umkehr des Gläubigen. – So vermerkt Sergius Heitz in seinem «Orthodoxen Glaubensbuch»: «Recht verstandenes Fasten erfüllt nicht einfach ritualistisch irgendwelche unverstandenen Vorschriften, sondern nimmt an einem konkreten Punkt die Busse als genzheitliche Umkehr an und bewährt sie im Verzicht. Gefährlicher als Missachtung des Fastens ist daher innerhalb der Kirche der gesetzlich-ritualistische Missbrauch, der abstumpft statt sensibilisiert. Durch ihn wird das Fasten leicht zum Ruhekissen des Selbstgerechten oder zum Hochleistungssport hochmütiger Prahlerei.»[1]

Damit ist wohl das Wesentliche gesagt: die kirchliche Fastenzeit will uns Hilfe, Anregung, Ermutigung sein, unser Leben wieder neu auf Gott auszurichten.

Das geht wohl kaum ohne Umkehr, ohne Erneuerung des Gebetes und ohne die Bereitschaft, etwas vom Überfluss an den Notleidenden abzutreten. – Die Erneuerung des Lebens uns Glaubens macht uns aber vor allem bereit, das Fest aller Feste, die Auferstehung Jesu Christi, mit frohem Herzen zu feiern.

Daniel Blättler, Diakon


[1] Sergius Heitz, Christus in euch: Hoffnung auf Herrlichkeit.
   Orthodoxes Glaubensbuch für erwachsene und heranwach-
   sende Gläubige, Göttingen 1982, S. 86